Stefan Seidendorf vermutet, dass Präsident Emmanuel Macron sowieso geplant hatte, das Parlament im Herbst aufzulösen, da es kaum möglich erschien, angesichts der Mehrheitsverhältnisse hier einen Haushalt zu verabschieden. Mit seiner überraschenden Entscheidung, dies direkt nach den Europawahlen zu tun, wollte er die anderen Parteien überraschen, was zum Teil gelungen sei.
Die Entscheidung Macrons und seiner Verbündeter, vor dem ersten Wahlgang lautstark vor den angeblich Linksextremen zu warnen, und vor dem zweiten gemeinsam mit der Linken gegen die Wahl des Rassemblement National (RN) aufzurufen, sei von vielen Wählern allerdings als rein taktisches Manöver empfunden worden und nicht gut angekommen.
Als nächsten Schritt Macrons erwartet Seidendorf, dass der Präsident einen Kompromisskandidaten als Premierminister präsentieren wird, der der Linken angehört. An diese Person müsse Macron sicherlich inhaltliche Zugeständnisse machen. Ein Problem des französischen Systems sei, so Seidendorf, dass Bündnisse vor Wahlen geschlossen würden, und demnach Kooperationsverhandlungen nach Wahlen völlig unüblich seien.
