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Deutsch-Französisches InstitutDFJW-Besprechung

Lehr- und Wanderjahre (DFJW-Arbeitstext Nr. 32): Auslandsaufenthalt und Autonomiegewinn. Berufsbildende Auslandspraktika und ihre Auswirkungen auf den Lebenslauf

(von Vincent Goulet, Stefan Seidendorf, Susanne Binder)

Gefördert und in Zusammenarbeit mit der Forschungsabteilung des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW)
DFJW

 

Drei Jahre lang hat ein deutsch-französisches Forschungsteam am dfi die Frage untersucht, welchen Einfluss ein berufsorientiertes Praktikum im Partnerland auf den Bildungsverlauf der betroffenen Person hat.

Die Untersuchung konzentrierte sich dabei auf eine repräsentative Auswahl aller Jugendlichen aus Frankreich und Deutschland, die zwischen 2013 und 2017 mit Unterstützung des DFJW ein berufsorientiertes Praktikum im Partnerland verwirklichen konnten. Dabei standen Jugendliche in der Berufsausbildung und im Studium im Mittelpunkt. Von besonderem Interesse waren einerseits deren berufliche Entwicklung, anderseits die Persönlichkeitsbildung, die im Zusammenhang mit dem Praktikum stattfand und deren Auswirkungen sich später im Lebenslauf zeigten. Die Studie bietet also sowohl eine Querschnittsanalyse (Deutsch-Französischer Vergleich, Vergleich zwischen Teilnehmenden in Ausbildung und Studium etc.), als auch eine Längsschnittanalyse (Vorher-Nachher-Vergleich).

Kontext

Berufliche Mobilität von Jugendlichen ist ein wesentlicher Bestandteil der deutsch-französischen Beziehungen und ein wichtiger Baustein des europäischen Projekts. Das DFJW bemüht sich bereits seit einigen Jahren, mehr Möglichkeiten für berufsorientierte Praktika im Partnerland zu schaffen. Dabei sind alle Ebenen der Berufsbildung angesprochen, von der dualen Ausbildung und dem Lycée professionnel (schulische Berufsbildung) bis zum Bachelor und der licence, mit dem Ziel, eine deutsch-französische Arbeitskultur zu etablieren. Daneben können auch Jugendliche bis zum Masterstudium in ihren beruflichen Projekten gefördert werden, bspw. angehende Mediziner oder Anwältinnen.

Das dfi untersuchte bereits seit 2013 die Bedingungen, unter denen junge Menschen die Angebote zur grenzüberschreitenden Berufsausbildung wahrnehmen. Seit 2015 hat das dfi außerdem, in Umsetzung seiner Erkenntnisse, das Pilotprojekt zur beruflichen Bildungskooperation „Azubi-Bacpro“ beratend begleitet.

Zielsetzungen

Um die Auswirkungen berufsorientierter Praktika auf den Bildungsweg und Lebenslauf der Teilnehmenden zu analysieren, hat die Forschergruppe des dfi in einem dreijährigen Forschungsprojekt eine umfangreiche empirische Studie realisiert, die 1.321 Einzelfälle vertieft untersucht hat. Zur Auswertung wurde dabei ein Methodenmix eingesetzt, der quantitative und qualitative Vorgehensweisen kombinierte.

Methodik und Vorgehensweise

Für den Zeitraum 2013-2017 wurden Praktikumsberichte, Feedback-Fragebögen und andere administrative Daten statistisch und mittels Inhaltsanalyse untersucht, um die demographischen und sozialen Merkmale der Teilnehmer zu erfassen und die subjektive Wahrnehmung des Praktikums zu analysieren. Zweitens wurden über einen Fragebogen einige Jahre nach dem Auslandspraktikum der weitere Lebensweg und der Einstieg in die Arbeitswelt der Gruppe untersucht. Drittens wurde über eine Anzahl qualitativer Einzel- und Gruppeninterviews mehrere Jahre nach dem Praktikum die Ergebnisse vertieft und validiert.

Forschungsfragen

Wir wollten herausfinden, unter welchen Bedingungen die vom DFJW geförderten Praktika eine richtungsweisende Erfahrung im Hinblick auf den beruflichen Werdegang der Einzelnen darstellen. Darüber hinaus wollten wir die unterschiedlichen Profile der Teilnehmenden herausarbeiten, um Zusammenhänge zwischen persönlichem und sozialem Hintergrund, Teilnahme an und Wahrnehmung der beruflichen Praktika aufzuzeigen. Daraus ergaben sich Erkenntnisse, wie die entsprechenden Angebote besser auf das jeweilige Zielpublikum ausgerichtet werden können. „Jugendlichen mit erhöhtem Förderbedarf“, die im Rahmen deutsch-französischer Programme häufig unterrepräsentiert sind, kam dabei ein besonderes Augenmerk zu.

Ergebnisse

Die Ergebnisse der Studie wurden auf Französisch und Deutsch als „DFJW-Arbeitstext 32“ veröffentlicht. Sie liegen als PDF zum Download oder als gedrucktes Buch vor. Außerdem liegen eine Reihe von Zusammenfassungen der Ergebnisse im PDF-Format vor:

 

Vom DFJW geförderte, berufsbildende Praktika im Partnerland

  • zeichnen sich durch die große gesellschaftliche Vielfalt und Bandbreite der Teilnehmenden aus; der sonst oft zu beobachtende Effekt einer Beschränkung auf (ökonomisch, kulturell, sozial) privilegierte Jugendliche zeigt sich hier nicht;
  • werden von der großen Mehrheit der Teilnehmenden (sehr) positiv wahrgenommen
    führen zu Fortschritten in der Fremdsprache und in den beruflichen Kompetenzen;
    werden gleichfalls wegen der Möglichkeit zur Persönlichkeitsentfaltung geschätzt.

Die empirische Analyse zeigt die Existenz von drei Gruppen. Sie lassen sich unterscheiden über

  • Alter, Bildungshintergrund, Praktikumsdauer;
  • Ausbildungs- und Studiengänge und damit verbundene Anforderungen an ein Praktikum;
  • die soziale Lage der Teilnehmenden vor dem Praktikum;
  • deutsch-französische Vorerfahrungen und Sprachkenntnisse.

Die drei Gruppen verwirklichen zwei Typen von Praktika. Diese unterscheiden sich

  • in den schulischen oder universitären Herkunftseinrichtungen der Teilnehmenden;
  • in der Nutzung und in der Rolle deutsch-französischer Strukturen und Netzwerke bei der Praktikumsanbahnung und –organisation;
  • in der Praktikumsdauer.

Aus den drei Gruppen und zwei Praktikatypen ergeben sich jedoch vergleichbare Erfahrungen:

  • Persönlichkeitsbildung, Emanzipation und Autonomie;
  • Gewinn sozialer Kompetenzen, die im fremden kulturellen Umfeld nützlich sind.

Je nach Gruppe und Praktikumstyp werden diese Erfahrungen unterschiedlich genutzt:

  • als Initiationsritus und persönlicher Mehrwert, vor dem Eintritt ins Berufsleben;
  • als berufliche Ressource („interkulturelles Kapital“), um eine europäische oder internationale Karriere zu verwirklichen.

Entwicklung spezifischer sozialer Kompetenzen während einem Auslandspraktikum

Das DFJW hat jüngst fünf „soziale Kompetenzen“ definiert, die spezifisch im Rahmen einer Auslandserfahrung entwickelt werden (Offenheit, Veränderungsbereitschaft, Umgang mit Anderen, Verantwortungsbewusstsein, Selbstvertrauen).

Die hier durchgeführte Analyse lässt nun zum ersten Mal empirische Aussagen hierzu zu. Sie legt zumindest plausibel nahe, dass das Auslandspraktikum sich in objektiv zu erfassenden Verhaltensweisen und subjektiven Betrachtungen niederschlägt, die sich den genannten sozialen Kompetenzen zuordnen lassen. Zum jetzigen Stand finden wir jedoch keine systematischen Zusammenhänge zwischen beobachteten Verhaltensweisen, subjektivem Bewusstsein über diese Verhaltensweisen, und der Fähigkeit, diese Kompetenzen dann bewusst anzuwenden.

Eine Ausnahme stellt allerdings die Schlüsselkompetenz „Umgang mit Anderen“ dar. Hier besteht ein systematischer statistischer Zusammenhang zwischen beobachtbaren Verhaltensweise und der subjektiven Wahrnehmung ihrer Existenz sowie der Häufigkeit, Dauer und Varianz von Auslandserfahrungen.


Ansprechpartner: Stefan Seidendorf seidendorf@dfi.de

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