Aktuelle Frankreich-Analysen Nr. 33 Juli 2018 / ISSN 1430-5844 / Autor: Martin Villinger
Bildungsreform in Frankreich
Schul- und Hochschulbereich
- Kleinere Klassen an Grundschulen
- Schulpflicht ab 3 Jahren
- Ausbildung und Bezahlung der Lehrkräfte
- Verschlankung des Baccalauréat
- Neue Regelungen zur Vergabe von Studienplätzen
„Wenn die Schule ihre Arbeit gemacht hätte, hätte ich Arbeit“.
Mit diesem Slogan bewarb die Arbeitgeberorganisation MEDEF im September 2017 kurzzeitig ihr „Manifest für Schulbildung, Studium und Lehre“1
Damit wollte sie darauf aufmerksam machen, dass einerseits mehr als die Hälfte der französischen Firmen Probleme hat, auf dem heimischen Arbeitsmarkt qualifiziertes Personal zu finden, andererseits aber die Jugendarbeitslosigkeit bei knapp 24 % liegt und 2 Mio. junger Menschen weder berufstätig sind, noch studieren, noch einer Ausbildung nachgehen. Um dies zu ändern, forderte der MEDEF in seinem Manifest weitreichende Reformen im Schul-, Ausbildungs- und Hochschulbereich.
[1] Éduquer mieux former toujours :
Manifeste pour l’Education, l’enseignement supérieur et l’apprentissage ;
Bâtissons les compétences de demain
Mouvement des entreprises de France. 2017.
Einleitung
Wie in Deutschland nimmt die Bildungspolitik in Frankreich einen breiten Raum in der öffentlichen Debatte ein. Besonders Fragen zur Ausgestaltung des Schulunterrichts und der Organisation des Schulalltags werden leidenschaftlich diskutiert, auch weil die französischen Schüler bei internationalen Vergleichsstudien in den letzten Jahren meist schlechter abgeschnitten haben als früher. Angesichts steigender Studentenzahlen, die von den öffentlichen Universitäten kaum noch bewältigt werden können, und einer hohen Jugendarbeitslosigkeit werden die Rufe nach Veränderungen auch im und Hochschulbereich lauter. Emmanuel Macron hat während des Wahlkampfs betont, dass er in einer guten Bildung die Basis für die Zukunft seines Landes sieht, und zu ihrer Verbesserung weitreichende Reformen angekündigt. Welche Maßnahmen die neue französische Regierung seit Mai 2017 dazu auf den Weg gebracht hat und weiterhin plant, soll der folgende Überblick zeigen
Situation im Schulbereich
Mit ca. 5 % des BIP entsprechen die französischen Bildungsausgaben dem OECD-Durchschnitt. Im Vergleich zu ähnlichen OECD-Ländern gibt Frankreich aber 15 % weniger Geld für den Primarschulbereich aus und 30 % mehr für die Klassenstufen 10 – 12, in denen die vielen Wahlmöglichkeiten an den beruflichen Gymnasien (Lycées professionnels) zur Vorbereitung auf ganz unterschiedliche Berufe (z.B. KFZ-Mechaniker oder Elektriker) hohe Ausgaben verursachen. Länder, die in den PISA-Studien besonders erfolgreich sind, investieren deutlich mehr in die Grundschuljahre, die v.a. für die Kinder aus sozial schwachen Familien als besonders wichtig angesehen werden.3
Obwohl bereits fast alle Dreijährigen in das Schulsystem integriert sind, haben über 20 % der französischen Sechstklässler Probleme, einfache Texte zu lesen und zu verstehen, sich schriftlich auszudrücken und elementare Rechentechniken anzuwenden.4
Im Wahlkampf forderten alle aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten, dass die Basiskompetenzen „Lesen-Schreiben-Rechnen“ wieder im Mittelpunkt des Grundschulunterrichts stehen sollten. Dass die Unterrichtszeiten für Mathematik und Französisch an den Grundschulen seit 1969 gleich geblieben sind – 10 Stunden Französisch, 5 Stunden Mathematik – , wurde in der Diskussion häufig außer Acht gelassen. Im internationalen Vergleich nimmt Frankreich sogar einen Spitzenplatz in der Vermittlung dieser Basiskompetenzen ein: 37 % der Grundschulzeit werden für das Erlernen von Lesen und Schreiben (OECD-Schnitt: 22 %) aufgewendet, 21 % der Schulzeit für die Vermittlung von Mathematik (OECD-Schnitt: 15 %)5. Dennoch erzielen Länder wie z.B. Finnland, Polen oder Schweden, in denen im Primarbereich weniger Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet wird, in Vergleichsstudien bessere Ergebnisse. Die Ursachen für die mangelnden Kenntnisse vieler französischer Grundschüler sind demnach nicht im fehlenden Unterricht zu vermuten, sondern in seiner Ausgestaltung.
[4] Faure, Sonya; Piquemal, Marie: Enseignement: L’énoncé du problème: La dernière étude Pisa sur les niveaux scolaires confirme le classement décevant de la France, et notamment la persistance des inégalités. – Libération, Nr. 11055, S. 2-5, 07.12.2016 4 Le Medef veut revoir l’organisation de l’éducation en France. – Le Figaro, Nr. 22624, S. 23, 06.05.2017
[5] Collas, Aurélie: Les fondamentaux à l’école au coeur du débat: Plus de lire-écrirecompter ou moins d’élèves par classe, deux visions opposent les candidats à la présidentielle. – Le Monde, Nr. 22442, S. 12, 09.03.2017
Laut der letzten PIRLS/IGLU-Studie 6 , die im Dezember 2017 veröffentlicht wurde, haben sich die durchschnittlichen Lesekenntnisse der französischen Viertklässler zwischen 2001 und 2016 um insgesamt 14 Punkte verschlechtert. Mit 511 Punkten liegen sie 30 Punkte unter dem OECD-Durchschnittswert und 29 unter dem der europäischen Teilnehmer. Die deutschen Schüler erreichten in der gleichen Untersuchung 537 Punkte und damit 2 weniger als 2011. 24 % der französischen und 18,9 % der deutschen Schüler blieben unter 400 Punkten, die für die Kompetenzstufe III nötig sind, d.h. sie waren nicht in der Lage, verstreute Informationen eines Textes sinngemäß miteinander zu verknüpfen; eine Fähigkeit, die für die Sekundarstufe I als essentiell angesehen wird.
Die Ergebnisse von 4 % der französischen und 11 % der deutschen Schüler lagen über 625 Punkten und entsprechen so den Anforderungen an die höchste Leistungsstufe V. Entgegen den Erwartungen, die man von einem traditionell auf die Förderung individueller Leistung ausgerichtetem System hat, bestehen in Frankreich demnach auch Probleme bei der Heranbildung leistungsstarker Schüler.7
[6] PIRLS: Programme international de recherche en lecture scolaire / IGLU: Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung – Ergebnisse:
http://www.education.gouv.fr/cid21049/ pirls-2016-evaluationinternationale-des-elevesde-cm1-en-comprehensionde-l-ecrit-evolution-des-performances-sur-quinze-ans.html
http://www.ifs.tu-dortmund.de/downloads/IGLU_2016_Pressekonferenz_Handreichung.pdf
[7] Battaglia, Mattea: Face aux piètres résultats en lecture, un nouveau cap : Dictée quotidienne, évaluations... – Le Monde, Nr. 22675, S. 10, 07.12.2017
[8] Hullot-Guiot, Kim: Education: „Le CP à douze donne plus à ceux qui ont moins“. – Libération, Nr. 11284, S. 14-15, 04.09.2017.
Reform I: Kleinere Klassen an Grundschulen
Bereits zum Schuljahresbeginn 2017/18 hat die neue Regierung in den 869 Zonen mit erhöhtem Bildungsbedarf, den sogenannten Réseaux d’Éducation Prioritaire (REP) bzw. Réseaux d'éducation prioritaire renforcé (REP+), die ersten Grundschulklassen auf zwölf Schüler reduziert und damit eines der öffentlichkeitswirksamsten Wahlkampfversprechen Emmanuel Macrons umgesetzt. Von dieser Maßnahme, die von Lehrergewerkschaften und Eltern weitgehend begrüßt wurde, sind im Schuljahr 2018/2019 56.000 Schüler betroffen, ab Schuljahresbeginn 2019 sollen gemäß Prognosen des Bildungsministeriums 340.000 Grundschüler der ersten und zweiten Klasse davon profitieren. In 86 % der Schulen können die neu eingerichteten kleinen Klassen in jeweils eigenen Räumen unterrichtet werden, in 14 % teilen sich zwei Lehrkräfte ein Klassenzimmer.8
Um diese neuen Klassen unterrichten zu können, wurden andere Grundschulklassen vergrößert, Vertretungslehrer eingestellt und Lehrern, die bisher für pädagogische Sonderaufgaben und besondere Maßnahmen von Klassenlehreraufgaben befreit waren, wieder Klassen zugeteilt. Zwei Drittel der Stellen für Sonderaufgaben, die 2013 im Rahmen des Programms "Mehr Lehrer als Klassen" eingerichtet wurden, sollen dennoch erhalten bleiben. 90 % der Lehrer, die in diesen 12-Schüler-Klassen unterrichten, haben laut Aussage des Bildungsministeriums, mehr als drei Jahre Berufserfahrung. Es werden hier also kaum Berufsanfänger eingesetzt.
[8] Hullot-Guiot, Kim: Education: „Le CP à douze donne plus à ceux qui ont moins“. – Libération, Nr. 11284, S. 14-15,04.09.2017.
Reform II: Schulpflicht ab 3 Jahren
Ende März 2018 hat Präsident Macron bekannt gegeben, dass ab dem Schuljahr 2019/20 die Schulpflicht für alle Kinder ab drei Jahren gelten soll. Derzeit besteht sie ab sechs Jahren bzw. dem ersten Grundschuljahr. Von dieser Änderung sind ca. 25.000 Kinder betroffen, die bisher meist zu Hause betreut werden. Um sie aufnehmen zu können, müssen über 800 neue Lehrerstellen geschaffen werden.9 Für die Kommunen hat diese Entscheidung zur Folge, dass sie nun auch die privaten Vorschulen finanziell unterstützen müssen.10
Ziel der Reform ist, die Entfaltung der Kinder und ihre sprachliche Entwicklung zu fördern. Alle sollen – im Sinne der Chancengleichheit – die Möglichkeit bekommen, sich in einer stimulierenden und Vertrauen schaffenden Umgebung bis zum Eintritt in die Grundschule einen möglichst großen französischen Wortschatz anzueignen. Dazu sollen künftig auch vermehrt spielerische und musikalische Elemente in den Schulalltag aufgenommen werden.11
Um dieses Ziel zu erreichen, müsste nach Ansicht von Experten die Zahl der Vorschullehrer erhöht werden. In Frankreich betreut ein Vorschullehrer Klassen mit durchschnittlich 23 Kindern und wird dabei vielerorts nur von einer weniger qualifizierten Hilfskraft unterstützt. Im OECD-Schnitt kommt in dieser Altersstufe ein Lehrer/Erzieher auf 14 Kinder. Außerdem müsste die Grund- und Vorschullehrerausbildung besser auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten der Drei- bis Fünfjährigen vorbereiten. Vorschullehrer haben den gleichen Status und die gleiche Ausbildung wie Grundschullehrer und können von der petite section bis zur fünften Klasse eingesetzt werden. So ist es z.B. möglich, in eine Vorschule geschickt zu werden, ohne jemals in dieser Schulart ein Praktikum absolviert zu haben.12
[9] Pech, Marie-Estelle: L'école obligatoire à trois ans, une mesure sociale. – Le Figaro, Nr. 22900, S. 9, 28.03.2018
[10] Piquemal, Marie: Scolarisation obligatoire à 3 ans: le cadeau discret de Macron au privé. – Libération, Nr. 11457, S. 16, 28.03.2018
[11] Battaglia, Mattea und Blanquer, Jean-Michel: Ecole maternelle: "Un enfant qui joue apprend mieux" : A la rentrée 2019, l'école sera obligatoire à partir de 3 ans. – Le Monde, Nr. 22770, S. 10-11, 28.03.2018
[12] Peiron, Denis: Vers une maternelle plus ambitieuse et moins "scolaire". – La Croix, Nr. 41062, S. 6-7, 27.03.2018
Reform III: Ausbildung und Bezahlung der Lehrkräfte
Bisher erwerben die künftigen Lehrer während ihres Studiums hauptsächlich Fachwissen, das in schriftlichen Auswahltests abgefragt wird und Hauptkriterium für die Zulassung zum Lehrberuf ist. Um die Unterrichtsqualität zu verbessern, sollten künftig auch pädagogische und didaktische Inhalte und Praktika an Schulen in die Studiengänge integriert werden, die zum Lehramt hinführen. Diese Forderung wird von einer Umfrage unterstützt, in der 40 % der Lehrer an den Collèges erklärten, dass sie sich auf die Unterrichtspraxis nicht gut genug vorbereitet fühlten, was im OECD-Vergleich der höchste Wert ist. 13
Während des Wahlkampfs hat sich Emmanuel Macron für mehr Autonomie der Schulen bei der Ausgestaltung ihres Unterrichtsangebots ausgesprochen. Z.B. könnten die Schulen die Möglichkeit bekommen, eigenständig Personal auszuwählen, das zum jeweiligen Konzept passt und sich mit den jeweiligen Lehrmethoden identifiziert. Im Rahmen eines in diese Richtung gehenden Versuchs in den 2000er Jahren blieben allerdings viele Stellen an Schulen in Problemvierteln mangels Bewerbern vakant.14
Z.B. könnten die Schulen die Möglichkeit bekommen, eigenständig Personal auszuwählen, das zum jeweiligen Konzept passt und sich mit den jeweiligen Lehrmethoden identifiziert. Im Rahmen eines in diese Richtung gehenden Versuchs in den 2000er Jahren blieben allerdings viele Stellen an Schulen in Problemvierteln mangels Bewerbern vakant15. Ganz allgemein können seit 2010 landesweit viele Lehrerstellen im Sekundarbereich, die das französische Bildungsministerium ausschreibt und über ein Auswahlverfahren vergibt, nicht mehr besetzt werden, da zu wenig Bewerber Fachkenntnisse nachweisen können, die den Mindestanforderungen entsprechen. Gründe für das fehlende Interesse qualifizierter junger Menschen am Lehrerberuf sind die schwierigen Arbeitsbedingungen in sozialen Brennpunktschulen, das schlechte gesellschaftliche Ansehen und die im Vergleich mit anderen Industrieländern niedrige Entlohnung. In einer landesweiten Umfrage nach den unbeliebtesten Berufen erreichte der Lehrerberuf 2016 folglich den ersten Platz. Damit sich künftig auch wieder Studenten mit guten Abschlüssen für den Beruf entscheiden, müssten zunächst die Einstiegsgehälter erhöht und seine Reputation verbessert werden. Emmanuel Macron hat in seinem Wahlprogramm im Frühjahr 2017 angekündigt, „die besten Lehrer zu engagieren, indem man sie besser bezahlt“, gleichzeitig warb er dafür, die Zahl ihrer Unterrichtsstunden zu erhöhen16. Konkrete Veränderungen in der Lehrerausbildung, -arbeitszeit und -bezahlung sind von Regierungsseite bisher aber noch nicht angekündigt worden. Um Lehrer zu motivieren, in REP+-Schulen zu unterrichten bzw. dort zu bleiben, sind lediglich die jährlichen Sonderprämien dafür von 2.300 € netto auf 5.300 € netto angehoben worden17. Um 2017 und in den kommenden Jahren das staatliche Haushaltsdefizit unter 3 % zu halten, sind Einsparungen nötig, die auf Seiten der Arbeitnehmer auch die Beamten mittragen müssen. Deshalb erscheint es im Moment eher unwahrscheinlich, dass die Gehälter der Lehrer in absehbarer Zeit tatsächlich spürbar angehoben werden.
[13] Charbonnier, Eric: L'échec n'est pas une fatalité : Certains pays ont donné la priorité à la formation pédagogique des enseignants et au soutien aux élèves en difficulté. – Le Monde, Nr. 22136, S. Éco 7, 17.03.2016
[14] Peiron, Denis: Une école française à plusieurs vitesses. – La Croix, Nr. 40755, S. 2-3, 23.03.2017
[15] Beyer, Caroline; Pech, Marie-Estelle: Les chantiers inflammables de Blanquer: Réforme du bac, de l’université, évaluations en CP, lecture syllabique, internats d’excellence. – Le Figaro, Nr. 22721, S. 7, 29.08.2017
[16] Corbier, Marie-Christine: Un concept à géométrie variable pour les candidats à la présidentielle: La plupart des prétendants à l’Elysée promettent d’accroître à leur manière l’autonomie des écoles, collèges et lycées. – Les Echos, Nr. 22346, S. 3, 23.12.2016
[17] Die REP- und REP+-Zonen belasten trotz dieser Sonderprämien den Bildungsetat nicht überdurchschnittlich, da dort vor allem junge Lehrer am Anfang ihrer Karriere arbeiten, deren Grundgehälter noch deutlich unter denen der älteren liegen.
Die Tabelle zeigt die durchschnittlichen Gehälter von Lehrern in der Sekundarstufe 1 mit Stand 2016. Es wurden dabei die Lehrergehälter von verschiedenen europäischen Ländern verglichen.
Quelle: http://www.oeffentlichen-dienst.de/news/69-gehalt/300-grundschullehrer-gehalt-lehrergehalt.html
Ein großes Problem des französischen wie des deutschen Schulsystems liegt darin, dass es Vor- und Nachteile sozialer Herkunft eher verstärkt als ausgleicht. Jedes Jahr verlassen in Frankreich ca. 100.000 Jugendliche, v.a. aus sozial schwachen Milieus, die Schule ohne Abschluss und können wegen mangelnder Kenntnisse kaum in den Arbeitsmarkt integriert werden. Dadurch wächst die Gruppe der Personen, die schon in jungen Jahren vom Berufsleben ausgeschlossen ist, immer weiter an.
In Frankreich liegt eine Ursache für die schwächeren schulischen Leistungen von Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiligten Milieus sicherlich in der stark ausgeprägten räumlichen Segregation. Diese führt dazu, dass in REP-Zonen kaum Kinder aus gebildeten Schichten zur Schule gehen und leistungsschwache Schüler sich hier sammeln. Viele ehrgeizige oder besser gestellte Eltern, die aufgrund ihres Wohnorts ihr Kind in eine Schule in einem schwierigen Viertel schicken müssten, melden ihre Kinder in Privatschulen an, da sie sich dort für ihren Nachwuchs größere Chancen auf schulischen Erfolg erhoffen. Zum Schuljahresbeginn 2016 waren 21,2 % aller Sechst- bis Zwölftklässler an privaten Collèges und Lycées angemeldet, an denen Schüler aus sozial schwachen Familien eine kleine Minderheit darstellen. 18
Seit vielen Jahren wird versucht, die Situation an Schulen in Problemvierteln durch eine stärkere soziale Durchmischung der Schülerschaft zu verbessern. Dazu müssten nach Ansicht von Experten auch hier an den öffentlichen Schulen besondere Profile (z.B. bilinguale Klassen, in denen zwei Fremdsprachen parallel unterrichtet werden) angeboten werden, die starke Schüler anziehen. Eine Beschränkung dieser Angebote auf Gebiete, in denen aufgrund der Bevölkerungsstruktur eine hohe Nachfrage besteht, führe im Gegenzug zu einer weiteren Abwanderung von ambitionierten Schülern.
Immer wieder wird auch gefordert, den privaten Schulsektor in die Lösung der bestehenden schulischen Probleme einzubeziehen. Andernfalls würde er weiterhin als Zufluchtsort für die Kinder der Eltern dienen, die ihn sich leisten könnten. Schon mancherorts sind Versuche zur Erweiterung der an den Schulen vertretenen Milieus, z.B. durch Schulzusammenlegungen oder Änderungen von Schuleinzugsgebieten, dadurch konterkariert worden, dass gerade die Kinder aus sozial besser gestellten Familien, die man mit Kindern aus sozialschwachen Milieus zusammenbringen wollte, an Privatschulen gewechselt sind.
[18] Peiron, Denis: Une école française à plusieurs vitesses. – La Croix, Nr. 40755, S. 2-3, 23.03.2017
Reform IV: Verschlankung des Baccalauréat
Seit 1985 können die französischen Schüler nach dem erfolgreichen Abschluss der Mittelschule nach der neunten Klasse in drei Schuljahren drei Arten des Baccalauréat erwerben: ein allgemeinbildendes (Baccalauréat général, das in Deutschland als uneingeschränkte Allgemeine Hochschulreife anerkannt wird) an einem Lycée général, ein technisches (Baccalauréat téchnologique) an einem Lycée téchnologique und ein berufliches (Baccalauréat professionnel) an einem Lycée professionnel.
2017 haben knapp 79 % des Geburtsjahrgangs 1999 ein Baccalauréat abgelegt, der Anteil der Schüler, die ein Bac général ablegen, entspricht ungefähr dem Anteil der Schüler, die in Deutschland ein Abitur machen.
Eingeführt wurde das Baccalauréat, die französische Entsprechung des Abiturs, zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter der Herrschaft Napoléons I. als offizielle staatliche Prüfung zum Nachweis von Kenntnissen in den Bereichen Wissenschaft, Literatur, Recht, Medizin und Theologie. Seitdem wurde es immer wieder reformiert. Besonders durch die Einführung des beruflichen Baccalauréat 1985 hat es sich von einem Abschluss, der in erster Linie Jugendlichen aus dem Bürgertum vorbehalten war, zu einem Schulabschluss gewandelt, den fast 80 % eines Geburtsjahrgangs erreichen. Diese hohe Quote von Absolventen entspricht dem politischen Wille der 1985 amtierenden sozialistischen Regierung, am Ende der Sekundarstufe II möglichst vielen Schülern ein gleichwertiges Zeugnis zu gewähren. Damit stellt das Baccalauréat einen „der letzten Riten beim Übergang ins Erwachsenenalter dar, ein Symbol der Gleichheit in einer ungleichen Gesellschaft.“ [18]
[18] Battaglia, Mattea: Une modernisation de l'examen devenue inéluctable. – Le Monde, Nr. 22736, S. 9, 16.02.2018

Quelle: Le dossier de presse
„Baccalauréat 2021“
http://cache.media.education.gouv.fr/file/BAC_2021/00/0/DP_BAC_BDEF_web_898000.pdf
1995 wurden drei Arten des allgemeinbildenden Baccalauréat eingeführt: Das naturwissenschaftliche (Bac S. - Scientifique), das wirtschafts- und sozialwissenschaftliche (E.S. - Économique et Social) und das literaturwissenschaftliche und sprachliche (L. - Littéraire). Jeder Schüler sollte gemäß seiner Fähigkeiten und Neigungen die Art des Baccalauréat wählen, die ihm am besten entspricht. Im Lauf der Jahre entschieden sich immer mehr, v.a. gute Schüler für das Bac S, das als am anspruchsvollsten gilt und deshalb mit einer hohen gesellschaftlichen Reputation verbunden ist. Zuletzt erklärten 40 % der Bac-S-Absolventen, später kein naturwissenschaftliches Studium aufnehmen zu wollen und den Zug nur aus Prestigegründen gewählt zu haben19. Unter diesem Wahlverhalten litten das Bac E.S. und das Bac L.
[19] Ministère de l’éducation nationale: Le dossier de presse "Baccalauréat 2021". –
Internet: http://cache.media.education.gouv.fr/file/BAC_2021/00/0/DP_BAC_BDEF_web_898000.pdf
Die Baccalauréatprüfungen finden traditionell in der zweiten Junihälfte statt. Kandidaten für das allgemeinbildende und technische Bac legen dafür im letzten und vorletzten Schuljahr insgesamt 12 – 16 Prüfungen ab, aus deren Ergebnissen ihre Abschlussnote ermittelt wird. Der Organisationsaufwand dieser national einheitlichen und zeitgleich stattfindenden Prüfungen ist sehr hoch, 2017 mussten dafür 2.900 Prüfungsaufgaben ausgearbeitet und über 4 Millionen schriftliche Arbeiten korrigiert werden. Deshalb fällt im Prüfungsmonat Juni der Unterricht für die Schüler der Seconde (entspricht im deutschen Schulsystem der 10. Klasse) und Première (entspricht im deutschen Schulsystem der Kursstufe 1 bzw. der 11. Klasse) weitgehend aus.
Anders als z.B. in Baden-Württemberg, wo die Abiturnote zu zwei Dritteln die Leistungen ausmachen, die in den letzten beiden Schuljahre erzielt wurden, werden die Leistungen im laufenden Schulbetrieb für die Baccalauréatnote nicht berücksichtigt. Am Ende der Terminale (entspricht im deutschen Schulsystem der Kursstufe 2 bzw. der 12. Klasse), wenn ein Großteil der Prüfungen stattfindet, sind die Zulassungsverfahren für viele Studien- und Ausbildungsgänge schon abgeschlossen. Die meisten Schüler wissen deshalb schon vor den Prüfungen, wie sie ihre Ausbildung nach dem Abitur fortsetzen werden. Sie benötigen das bestandene Baccalauréat nur noch als Nachweis für die endgültige Zulassung dazu. Die Endnote, die mit großem Aufwand festgestellt wird, hat für sie meist keine praktische Relevanz.
Obwohl die Prüfungsaufgaben zentral gestellt werden, sind die Ergebnisse nur bedingt vergleichbar: Es gibt keine landesweit gültigen Bewertungsvorgaben und die Arbeiten werden nur von einem Lehrer korrigiert. Bei Vergleichskorrekturen von Schülerarbeiten im Fach Wirtschafts- und Sozialwissenschaften unterschied sich die Notenvergabe von dreißig verschiedenen Lehrern um bis zu drei Schulnoten.20
Emmanuel Macron hat im Wahlkampf angekündigt, das Baccalauréat modernisieren und die im OECD-Vergleich hohe Zahl der obligatorischen Prüfungsfächer auf vier reduzieren zu wollen. Am 14. Februar 2018 hat Bildungsminister Jean-Michel Blanquer vorgestellt, wie die letzten zwei Schuljahre an allgemeinbildenden und technischen Oberschulen (Lycées) künftig ablaufen sollen und welche Prüfungen für ein Baccalauréat abgelegt werden müssen. Diese Änderungen betreffen alle Schüler, die ab dem Schuljahr 2018/19 auf eine der beiden Schularten wechseln, i.d.R. sind dies ca. 70 % eines Schülerjahrgangs. Eine Reform des Baccalauréat professionnel wurde vorerst zurückgestellt.
Das Bildungsministerium nennt folgende Ziele der Reform:
- Die Schüler während der letzten drei Schuljahre besser auf die Anforderungen einer Hochschule vorzubereiten,
- die Zahl der Abschlussprüfungen zu reduzieren und so den Organisationsaufwand und die Belastung der Schüler zu verringern,
- die Leistungen im laufenden Schulbetrieb stärker zu berücksichtigen.
[20] Bölling, Rainer: Frankreichs Zentralabitur ist kein Vorbild für Deutschland. – Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 64, S. 8, 15.03.2012
[21] Germinet, François ; Morin, Violaine: "Aujourd'hui, nous sommes obnubilés par les filières". – Le Monde, Nr. 22736, S. 8, 16.02.2018
Veränderungen im Bereich des Baccalauréat général
Die Neuerungen betreffen in erster Linie die Schüler allgemeinbildender Oberschulen (Lycée général), an denen der Zwang, sich für eine von drei möglichen Richtungen zu entscheiden, zu-gunsten einer größeren Wahlfreiheit und früheren Spezialisierung abgeschafft wird.
Künftig sollen alle Schüler ab der Première gemeinsam 15 – 16 Unterrichtsstunden pro Woche in den Fächern Französisch, Philosophie, Geschichte-Geographie, zwei lebenden Fremdsprachen, Sport und dem neuen Fach „humanités numériques et scientifiques“, in dem Themen wie Bioethik oder Energiewandel behandelt werden sollen, unterrichtet werden. Weitere zwölf Stunden entfallen auf Wahlfächer (die sogenannten „Disciplines de spécialité“), aus denen jeder Schüler in der Première drei und in der Terminale zwei auswählen muss. Das bedeutet, dass ein Wahlfach in der Première vierstündig und in der Terminale sechsstündig unterrichtet wird.Diese Wahlfächer, angeboten werden z.B. Mathematik, Informationstechnik und Informatik oder Sprachen-fremdsprachige-Literaturen, sollen es den Schülern ermöglichen, sich bereits auf dem Lycée gezielt in eine Richtung zu orientieren, die sie später an einer Hochschule weiterverfolgen wollen. Durch diese ausgeweiteten Wahlmöglichkeiten, die auch die Kombination von geistes- und naturwissenschaftlichen Fächern erlauben, ähnelt das Bac général in Zukunft mehr als bisher dem allgemeinbildenden Abitur, wie es z.B. in Baden-Württemberg abgelegt wird.
Durch das frühere Setzen von individuellen Schwerpunkten gemäß Neigung oder Fähigkeit soll die hohe Zahl der Studienabbrecher verringert werden. Denn der hohen Quote von 90 %, die ein allgemeinbildendes oder ein technisches Bac bestehen, steht die von 61 % gegenüber, die ihr erstes Studium abbrechen. Nur 27 % von ihnen erreichen nach der dreijährigen Regelstudienzeit die angestrebte „Licence“.
Für Studenten, die ihre Orientierung ändern und nach dem Baccalauréat ein Fach studieren wollen, das nichts mit ihren Wahlfächern auf dem Lycée gemein hat, sollen Aufbaukurse an den Universitäten angeboten werden. Unklar ist noch, welche Inhalte im Querschnittsfach „humanités numériques et scientifiques“ vermittelt werden sollen und wer es unterrichten soll. Gleiches gilt für Wahlfächer wie z.B. Philologie-Literatur-Philosophie, die Inhalte mehrerer bisher separat unterrichteter Fächer vereinen.Minister Blanquer verspricht, dass in einem vertretbaren geographischen Radius jede gewünschte Kombination von Wahlfächern besucht werden kann. Lycées in Problemvierteln sollen zusätzliche Mittel erhalten, um besondere Kombinationen anbieten und so ihre Attraktivität erhöhen zu können. Wegen des schon bestehenden Lehrkräftemangels halten Vertreter von Lehrergewerkschaften dies für unmöglich und fürchten, dass sich in Zukunft die Unterschiede zwischen „guten“ und „schlechten“ Lycées und damit die Chancenungleichheit der Schüler noch verstärken wird.
Außerdem wird die Zahl der Prüfungen reduziert und auf einen größeren Zeitraum verteilt:
- Wie bisher sollen am Ende der Première eine schriftliche und mündliche Französischprüfung stattfinden. Die hier erreichte Note geht zu 10 % in das Baccalauréat-Ergebnis ein.
- In den beiden Wahlfächern, die in der Terminale belegt werden, sollen nach den Frühlingsferien zentrale Arbeiten geschrieben werden, deren Noten zu 25 % in das Endergebnis eingehen.
- Im Juni des Terminale-Jahres schließlich sollen eine schriftliche Prüfung im Fach Philosophie und eine „mündliche Prüfung der Reife“ (Oral de maturité) folgen, die zu 10 % bzw. 15 % in das Baccalauréat-Ergebnis eingehen.
Durch den früheren Zeitpunkt der Prüfungen können ihre Ergebnisse künftig bei der Vergabe von Studienplätzen berücksichtigt werden und dazu beitragen, die Absolventen besser in für sie geeignete Studiengänge zu bringen.
Insgesamt machen die Ergebnisse der genannten Prüfungen 60 % des Baccalauréatschnitts aus. Die fehlenden 40 % setzen sich folgendermaßen zusammen:
- Zu 30 % aus weiteren Prüfungen in den verbleibenden Fächern, die im Januar und April des vorletzten Schuljahres und im Dezember des letzten durchgeführt werden,
- zu 10 % aus den Zeugnisnoten der letzten beiden Schuljahre.
Das Versprechen, die Leistungen im laufenden Schuljahr stärker zu berücksichtigen, wird somit nur sehr eingeschränkt umgesetzt. Die Zwischenprüfungen in den weiteren sechs gemeinsam unterrichteten Fächern werden weiterhin zentral organisiert und unterscheiden sich nur durch ihren Termin und die hausinterne Korrektur von den bisherigen Prüfungen. Da sie teilweise schon relativ früh im Verlauf der letzten beiden Schuljahre durchgeführt werden, befürchten Lehrer, dass die Schüler danach in den betreffenden Fächern wegen des fehlenden Leistungsanreizes das Interesse verlieren werden. Der Vorschlag, auf diese zentralen Prüfungen zu verzichten und stattdessen die vier Zwischenzeugnisse der letzten beiden Schuljahre zur Bewertung der kontinuierlichen Leistungen heranzuziehen, wurde nicht aufgegriffen.[23]
[21] Germinet, François ; Morin, Violaine: "Aujourd'hui, nous sommes obnubilés par les filières". – Le Monde, Nr. 22736, S. 8, 16.02.2018
[22] Landesbildungsserver Baden-Württemberg: Präsentationsprüfung. – Internet: http://www.schule-bw.de/faecher-und-schularten/berufliche-schularten/berufliches-gymnasium-oberstufe/uebergreifend/praesentationspruefung
[23] Battaglia, Mattea ; Morin, Violaine: Réforme du bac : de l'ambition et des questions. – Le Monde, Nr. 22735, S. 8-9, 15.02.2018
Die Prüflinge präsentieren bei der „mündlichen Prüfung der Reife“ (Oral de maturité) ein Projekt aus einem ihrer in der Terminale belegten Wahlfächer, das sie in einer Gruppe begonnen und dann alleine weitergeführt haben. Der Austausch darüber soll erlauben, die Fähigkeiten des Schülers einzuschätzen, sich in einem guten Französisch klar ausdrücken und argumentieren zu können und dabei die im Laufe seiner Schulzeit erworbenen wissenschaftlichen und historischen Kenntnisse sinnvoll einzusetzen. Damit ähneln die Anforderungen denen, die z.B. in Baden-Württemberg an Schüler gestellt werden, die eine Präsentationsprüfung ablegen. Auch hier sollen die Prüflinge „das Prüfungsthema oder die Prüfungsaufgaben in zusammenhängender Rede darstellen und in einem anschließenden Prüfungsgespräch in größere fachliche und fachübergreifende Zusammenhänge einordnen“ [23]. Neu ist auch, dass die „mündliche Prüfung der Reife“ vor einer Jury von drei Personen abgelegt wird, die gemeinsam die Note festlegen. Bisher muss bei einer mündlichen Baccalauréat-Prüfung nur ein Lehrer anwesend sein, der prüft und alleinverantwortlich die Note festlegt.
[24] Germinet, François ; Morin, Violaine: "Aujourd'hui, nous sommes obnubilés par les filières". – Le Monde, Nr. 22736, S. 8, 16.02.2018
Situation im Hochschulbereich
Nach dem Baccalauréat können sich die Jugendlichen für zwei unterschiedliche Formen von Studiengängen entscheiden:
- Für Studiengänge, die an den staatlichen Universitäten angeboten werden und für die das bestandene Baccalauréat das einzige Zugangskriterium ist;
- Für Studiengänge an öffentlichen und privaten Hochschulen (z.B. den Grandes Écoles), für die die Studenten mittels eingereichter Dossiers und/oder Leistungstests ausgewählt werden.
Diejenigen, die sich erfolgreich um einen Platz in einem zugangsbeschränkten Studiengang bemühen, erreichen darin meist einen Abschluss und finden im Anschluss eine Arbeitsstelle in der Branche, für die sie ausgebildet wurden. Die Mehrheit dieser Absolventen stammt aus einem Milieu, dessen Bildungsnähe und kultureller Hintergrund ihren Erfolg begünstigen.
Die Classes préparatoires und Grandes Écoles stellen eine Besonderheit im französischen Bildungssystem dar, für die es im deutschen keine Entsprechung gibt. Die Grandes Écoles werden allgemein als die Hochschulen angesehen, an denen die politische, administrative und irtschaftselite Frankreichs selektiert und auf einem Niveau ausgebildet wird, das deutlich höher ist als an der Universität. Dazu rekrutiert eine Grande École ihre Studenten über ein strenges Auswahlverfahren. Die in Deutschland bekannteste ist die École nationale d’administration (ENA), an der die meisten namhaften französischen Politiker der letzten Jahrzehnte studiert haben. Grandes Écoles gibt es für die meisten Studienfächer. Ausnahmen stellen Medizin und Jura dar, in denen das Studienangebot weitgehend von den Universitäten abgedeckt wird.
Die Zahl der Studienplätze an den Grandes Écoles hat sich seit den 1960er Jahren lediglich verdoppelt, während sie an den Universitäten von 310.000 1960 auf über 2.000.000 heute gestiegen ist. Dies hat zur Folge, dass nur 3 % bis 5 % aller Studenten an Elitestudiengängen teilnehmen können25. Um die schwierigen Eingangstests bestehen zu können, besuchen viele Abiturienten nach dem Baccalauréat spezielle Vorbereitungsklassen (Classes préparatoires), die in einem zweijährigen Zyklus darauf vorbereiten (2015 taten dies knapp 7 % des Baccalauréat-Jahrgangs)
und in denen über harte Zwischenprüfungen bereits eine Vorselektion stattfindet. Auch für diese Classes préparatoires werden die Schüler nach Leistungskriterien ausgewählt.
Vorgeworfen wird dem System der Classes préparatoires und Grandes Écoles von verschiedener Seite, dass es die Reproduktion einer immer begrenzteren und zu homogenen Bildungselite fördert.
[25] Faure, Sonya und Canto-Sperber, Monique: „L’enseignement supérieur construit une oligarchie de l’excellence“. – Libération, Nr. 11232, S. 20-21, 04.07.201

Quelle: Ministère de l’éducation nationale: Le dossier de presse „Baccalauréat 2021“ – Internet:
http://cache.media.education.gouv.fr/file/BAC_2021/00/0/DP_BAC_BDEF_web_898000.pdf
Im Gegensatz dazu erreichen – wie schon erwähnt – 61 % der Abiturienten, die an einer staatlichen Universität ein Studium beginnen, nach drei Jahren nicht die Licence, die einem Bachelor-Abschluss entspricht. Ein Viertel der Studenten, die aus dem Angestellten- und Arbeitermilieu stammen, verlässt die Universität ohne Diplom.26
Die große Mehrheit der Abiturienten schreibt sich an frei zugänglichen, öffentlichen Hochschulen ein. 2017 konnte hier allerdings nur 60 % der Bewerber ein Studienplatz zugewiesen werden, der ihrem Erstwunsch entsprach. Dies liegt daran, dass der Bedarf an Studienplätzen wegen steigender Abiturientenzahlen wächst und in manchen Fächern die Bewerberzahl die der verfügbaren Plätze weit übersteigt. Selektive Kriterien wie Schulnoten durften bisher bei der Vergabe nicht angewandt werden. Deshalb mussten die Zulassungen für beliebte Studiengänge wie z.B. Sport, Psychologie oder Jura und – 2017 erstmals auch – für Medizin teilweise nach einem Losverfahren bestimmt werden.27 So erhalten einige potenziell geeignete Bewerber keinen Studienplatz ihrer Wahl, gleichzeitig brechen fast 50 % der Studenten an französischen Universitäten ihr Studium nach dem ersten Jahr ab bzw. wechseln den Studiengang, da sie sich von ihrem ersten Studienfach falsche Vorstellungen gemacht haben oder schlicht überfordert waren.
Die Art der Studienplatzvergabe wurde allgemein als ungerecht empfunden. Emmanuel Macron hat bereits im Wahlkampf gefordert, sie zu ändern und, um die Zahl der Studienabbrecher zu senken, die Schulabgänger besser über Studiengänge und andere Ausbildungsmöglichkeiten zu informieren.
[26] Faure, Sonya und Canto-Sperber, Monique: "L'enseignement supérieur construit une oligarchie de l'excellence". – Libération, Nr. 11232, S. 20-21, 04.07.2017
[27] Stromboni, Camille: Pas de sélection à l’université, vraiment ? – Le Monde, Nr. 22701, S. 27, 13.01.2018
Reform V: Neue Regelungen zur Vergabe der Studienplätze an Universitäten
Ende Oktober 2017 hat Hochschulministerin Frédérique Vidal einen Katalog von Maßnahmen vor-gelegt, die bewirken sollen, dass die Studienplätze gerechter verteilt werden und die Schüler bei ihrer Studienwahl besser unterstützt werden.[28] Die bisherige Onlineplattform zur Vergabe von Studienplätzen „Admission Post-Bac“ (APB) wurde durch das Portal „Parcoursup – Entrez dans l’enseignement supérieur“ ersetzt, auf dem alle, die zum Wintersemester 2018 ein Studium an einer französischen Hochschule beginnen wollen, vom 15. Januar bis zum 13. März 2018 ihre Studienwünsche angeben konnten. Von dieser Möglichkeit haben 887.681 Studieninteressierte Gebrauch gemacht und durchschnittlich 7,9 Studienwünsche eingereicht. Dies bedeutet eine Steigerung der Studieninteressierten von 5,23 % gegenüber dem Vorjahr, was laut Aussage des für den Hochschulbereich zuständigen Ministeriums der demographischen Entwicklung entspricht.[29] Von den Bewerbern sind 75 % Schüler einer Abschlussklasse an einem Lycée, 14 % Studenten, die sich neu orientieren wollen und 11 % in einer anderen Situation (z.B. Wohnsitz im Ausland oder derzeit weder an einer Schule noch an einer Universität eingeschrieben). Der Wechsel der Onlineplattform war nötig, da als Kriterien für die Vergabe der Plätze für das Studienjahr 2018/19 nicht mehr nur die Reihenfolge der Wünsche und die Wohnortnähe zur Universität angewandt werden sollen.
Für die Aufnahme von Studiengängen wurden je nach Fachbereich nun Anforderungen (sogenannte „attendus“) festgelegt, die die Bewerber erfüllen müssen. Die Grundanforderungen wurden vom Ministerium für Hochschulwesen, Forschung und Innovation bestimmt, weitere Vo-raussetzungen konnten die für die jeweiligen Studiengänge Verantwortlichen auf dem Portal „Parcoursup“ in deren spezifischen Beschreibungen hinterlegen. [30} Hier können die Studieninteres-sierten auch statistische Informationen zu den Studiengängen abrufen wie z.B. das Verhältnis zwischen Bewerbern und verfügbaren Plätzen, die Abbrecherquote oder die Quote derjenigen, die im gewählten Bereich nach Abschluss eine Arbeitsstelle finden.
Künftig können nur noch zehn Studienwünsche (bisher 24) angegeben werden, eine Priorisierung der Wünsche ist nicht mehr möglich, allerdings kann in stark nachgefragten Fächern ein Wunsch eingereicht werden, der für mehrere Studienorte gilt. Ihre Fächerwahl müssen Schüler mit ihren Lehrern im Vorhinein diskutieren. Außerdem muss ein Bewerber im Zuge der Dateneingabe auf „Parcoursup“ kurz schriftlich erläutern, welche Studienrichtung ihm die liebste ist. Diese Erklärung wird nicht an die Universitäten weitergereicht, sondern soll dazu dienen, Bewerbern, denen nach Ablauf des Zulassungsverfahrens kein Platz zugewiesen werden konnte, einen verbliebenen anbieten zu können, der wenigstens ungefähr ihren Erwartungen entspricht.
Die Eignung eines Bewerbers für den jeweiligen Studiengang beurteilen die Universitäten mittels seiner Zwischenzeugnisse aus der Première und Terminale, seinem Motivationsschreiben und der Stellungnahme seiner Lehrer zu diesem Studienwunsch.
Pro Studienwunsch kann der Bewerber drei verschiedene Antworten erhalten:
- Nach Meinung der Hochschule hat der Schüler das nötige Niveau und es stehen ausreichend Studienplätze zur Verfügung: Er erhält einen Studienplatz ohne Auflagen.
- Nach Meinung der Hochschule hat der Schüler nicht das nötige Niveau, aber ausreichend Studienplätze stehen zur Verfügung: Er erhält einen Studienplatz mit der Auflage, während seines Studiums Kurse zu absolvieren, um das geforderte Niveau zu erreichen, gleichzeitig wird ihm das Recht eingeräumt, den Abschluss Licence erst nach vier Jahren Studienzeit zu erwerben. (Die Auflage, dass eine Licence spätestens nach drei Jahren Studienzeit erworben werden muss, wird damit aufgegeben).
- Der Schüler wählt ein Studienfach, in dem nicht genug Plätze zur Verfügung stehen: Er wird auf eine Warteliste gesetzt. Falls ihm am Ende der Vergabeverfahren kein Platz zugewiesen werden kann, schlägt eine Kommission ihm einen Studienplatz in einer ähnlichen Studienrichtung vor.
Auflagen, wie und mit welcher Gewichtung die oben genannten Elemente für die Vergabe der Studienplätze angewandt werden sollen, wurden den Universitäten nicht gemacht. Diese beklagen, dass die Sichtung der Bewerbungen für sie eine zusätzliche Belastung darstellt. Das Zusatzbudget von ca. 20 Mio. €, das die Regierung dafür bewilligt hat, halten sie für eine unzureichende Kompensation.[31]
Angesichts der Fülle der Bewerbungen wird allgemein vermutet, dass Zeugnisnoten und das Urteil der Lehrer am Lycée die Hauptvergabekriterien sein werden, da sie leicht zu vergleichen sind. Die Art des Baccalauréats – z.B. eine Bevorzugung von Schülern, die ein naturwissenschaftliches Bac an-streben, für Fächer wie Biologie oder Physik – sollte kein Kriterium sein, könnte wegen der relativen Freiheit der Universitäten bei der Auswahl aber durchaus eine Rolle spielen.
Obwohl Regierungsvertreter betonen, dass auch künftig jeder Abiturient einen Studienplatz finden würde, der seinen Vorstellungen entspricht, ist doch das Anrecht, in einen bestimmten Studiengang studieren zu dürfen, aufgehoben und auf ein Anrecht auf ein Hochschulstudium reduziert worden. Angesichts der Voraussetzungen, die die Bewerber für einen Studienplatz erfüllen müssen, und den Kriterien, die Hochschulen zur Vergabe anwenden sollen, findet künftig durchaus eine Auswahl der potentiell geeignetsten Bewerber statt, auch wenn dies offiziell nicht so genannt wird.
Bewerber mit guten Noten und Beurteilungen erhielten schon relativ früh im Lauf des Vergabeverfahrens Zusagen für mehrere der von ihnen ausgewählten Studiengänge und hatten so schon vor den Baccalauréatprüfungen eine relativ freie Auswahl bei der Entscheidung, wie es für sie im Herbst weitergehen soll. Am 17. Juni 2018 warteten noch 134.950 bzw. 16,6 % der auf Parcoursup eingeschriebenen Interessenten auf ein Angebot für einen Studienplatz.[33] Der Anteil derjenigen in dieser Gruppe, die ein technisches oder berufliches Baccalauréat anstreben bzw. aus einem sozial schwachen Milieu stammen, ist in dieser Gruppe überproportional groß. Diese Jugendlichen mit vermutlich schlechteren Noten werden sich teilweise bis Ende September gedulden und die Plätze annehmen müssen, die für sie übrig geblieben sind und die wohl eher nicht ihren ursprünglichen Wünschen entsprechen.[34]
Da keine Quote für die Aufnahme von Abiturienten, die Förderangebote besuchen müssen, festgelegt wurde, können Universitäten alle ihre Plätze an eindeutig geeignete Bewerber vergeben und so auf den Aufwand, Zusatzkurse zur Vermittlung von Basiskenntnissen einzurichten, verzich-ten. An denjenigen Hochschulen, die bedingt geeignete Bewerber aufnehmen, würde dies nötig, was einen nicht eingeplanten zusätzlichen Personalaufwand bedeutet.[35]
Lehrer an den Lycées beklagen, dass in den neu eingeführten Orientierungswochen im letzten Schuljahr der Unterricht regulär stattfinden solle und die Beratung der Schüler so Mehrarbeit bedeute. Zusätzliches Personal oder zusätzliche Finanzmittel zur Organisation der Orientierungsangebote sind nicht vorgesehen. Zur Unterstützung der Klassenlehrer wurde lediglich ein zweiter Klassenlehrer eingeführt.
Um allen 200.000 neuen Studenten, die in diesem Jahr an den Universitäten erwartet werden, einen Platz anbieten zu können, sollen in naher Zukunft 130.000 neue Studienplätze eingerichtet werden, in Verbindung mit den derzeit 137.000 unbesetzten Studienplätzen sollen so zur Rentrée 2018 ausreichend Studienplätze zur Verfügung stehen.[36]
[29] Hullot-Guiot, Kim: Enseignement supérieur: Le gouvernement pousse un petit tri : L'exécutif a annoncé lundi matin son "plan étudiants" censé réduire le taux d'échec en licence. – Libération, Nr. 11333, S. 2-3+5, 31.10.2017.
[30] Stromboni, Camille: Parcoursup 2018 : près de 890 000 jeunes ont fait des vœux d’admission post-bac. – Internet, 15.03.2018: https://www.lemonde.fr/campus/article/2018/03/15/parcoursup-2018-pres-de-888-000-jeunes-ont-fait-des-v-ux-d-admission-post-bac_5271299_4401467.html
[31] Ministère de l’éducation nationale: Eléments de cadrage national des attendus pour les mentions de licence. – Internet: http://cache.media.enseignementsup-recherche.gouv.fr/file/Actus/16/8/AttendusLicence-_12-12-2017_867168.pdf
[33] Durand, Anne-Aël: Parcoursup plus efficace qu’APB ? La comparaison bancale de la ministre Frédérique Vidal. – Internet, 18.06.2018: https://www.lemonde.fr/les-decodeurs/article/2018/06/18/parcoursup-plus-efficace-qu-apb-la-comparaison-bancale-de-la-ministre-frederique-vidal_5317087_4355770.html
[34] Canto-Sperber, Monique: Parcoursup envoie un signal négatif à la jeunesse. – Le Monde, Nr. 22840, S. 21, 19.06.2018
[35] Stromboni, Camille: Pas de sélection à l’université, vraiment ? – Le Monde, Nr. 22701, S. 27, 13.01.2018
[36] Hullot-Guiot, Kim: Enseignement supérieur: Le gouvernement pousse un petit tri : L'exécutif a annoncé lundi matin son "plan étudiants" censé réduire le taux d'échec en licence. – Libération, Nr. 11333, S. 2-3+5, 31.10.2017

Quelle : Durand, Anne-Aël: Parcoursup plus efficace qu’APB ? La comparaison bancale de la ministre Frédérique Vidal. – Internet, 18.06.2018: https://www.lemonde.fr/les-decodeurs/article/2018/06/18/parcoursup-plus-efficace-qu-apb-la-comparaison-bancale-de-la-ministre-frederique-vidal_5317087_4355770.html
Ausblick
Die von Emmanuel Macron eingesetzte Regierung hat seit ihrer Amtsübernahme richtungsweisende Maßnahmen im Bildungsbereich auf den Weg gebracht und mit der Verkleinerung der ersten beiden Grundschulklassen in den REP-Zonen zügig ein öffentlichkeitswirksames Wahlkampfversprechen umgesetzt. Die Klassen auch im ersten Schuljahr an den französischen Einheitsmittelschulen – den Collèges, die alle Schüler vom sechsten bis zum neunten Schuljahr besuchen – in REP-Zonen zu verkleinern könnte ein weiterer Schritt sein, um die Chancen der hier lebenden Kinder zu verbessern. Denn besonders in schwierigen Vierteln verlieren viele Schüler in der Anfangszeit am Collège den Anschluss, was fatale Folgen für ihre weitere schulische Laufbahn hat.[37]
Mit der Einführung von Auswahlkriterien für Studiengänge an öffentlichen Universitäten hat die Regierung schnell und entschlossen auf die Probleme reagiert, die bei der Studienplatzvergabe im Sommer 2017 virulent wurden. Mit der obligatorischen Diskussion der Fächerwahl zwischen Schülern und Lehrern und der Einschätzung der Studieneignung seitens der Hochschulen sind Elemente eingeführt worden, die dazu beitragen können, die Zahl der Studienabbrecher zu senken. Da den Schülern in den Orientierungsfragebögen aber auch Fragen gestellt werden, die sich auf ihre außerschulischen Aktivitäten beziehen, fürchten manche, dass sich die unterschiedlichen Antworten „sozial diskriminierend“ auswirken könnten, denn diese Aktivitäten seien von Milieu zu Milieu sehr verschieden. Obwohl die Auswertung der Bewerbungen auf Seiten der Universitäten noch Probleme bereitet und auch in diesem Jahr viele Studienbewerber teilweise lange Wartezeiten auf einen positiven Bescheid in Kauf nehmen müssen, kann davon ausgegangen werden, dass sich das neu geschaffene Vergabesystem etablieren wird.
In Anbetracht des seit Jahren sinkenden Interesses für den Lehrerberuf scheint es dringend geboten, junge Studierende dafür zu gewinnen. Um auch künftig einen qualitativ guten Unterricht in möglichst kleinen Klassen anbieten zu können, müssen konkrete Maßnahmen ergriffen werden, um die Ausbildung der Lehrer zu verbessern, ihre Arbeitsbedingungen attraktiver zu gestalten und sie auch besser zu bezahlen. Denn die ehrgeizigen Reformen im Schulbereich können mittelfristig nur Erfolg haben, wenn gewährleistet ist, dass genügend fachlich und pädagogisch qualifizierte Lehrer die Kinder und Jugendlichen an den französischen Schulen unterrichten.
[37] Merle, Pierre: Le statu quo sur la ségrégation scolaire serait fatal : Une autonomie trop large des établissements augmenterait les inégalités. – Le Monde, Nr. 22504, S. 26, 21.05.2017
