Die Frankreich-Bibliothek sammelt nicht nur sozialwissenschaftliche Literatur über Frankreich und die deutsch-französischen Beziehungen, sie dokumentiert auch, wie in Romanen, Reiseberichten, Comics oder Presseartikeln Deutschland in Frankreich und Frankreich in Deutschland dargestellt werden. Einen besonderen Platz nimmt darin eine Kollektion von mehr als 3.500 Karikaturen ein, die deutsch-französische Befindlichkeiten zeigen und häufig mehr sagen als Tausend Worte. Über 1.200 von ihnen können seit kurzem kostenfrei im Repositorium des dfi online eingesehen werden.
Zugang zu den Karikaturen
Wir bieten Ihnen Zugriff auf frei verfügbare Karikaturen
- aller Deutsch-Französischen Tandems
- die häufige Motive, Themen und Symbole zeigen
- von allen Karikaturisten, die Nutzungsrechte an uns vergeben haben.
Die Sondermittel, die für den Erwerb der Nutzungsrechte von über 1.200 Karikaturen eingesetzt wurden, hat das Bundesamt für Auswärtige Angelegenheiten (BfAA) dankenswerterweise dem dfi anlässlich seines 75jährigen Bestehens zur Verfügung gestellt.
Adresse: https://www.dfi.de/karikaturen
1870 – 1945: Von freundlicher Gesinnung kaum eine Spur
Wie sich Deutsche und Franzosen gegenseitig sehen und ihre Beziehungen zueinander wahrnehmen, wird maßgeblich von Karikaturen beeinflusst. Zwischen 1870 und 1945 standen sich die Nachbarn in drei blutigen Kriegen als Feinde gegenüber, in den Zwischenkriegszeiten von 1871 – 1914 und 1918 – 1939 dominierte eine revanchistische bis feindselige wechselseitige Darstellung voneinander den Diskurs. Stimmen, die in dieser Zeit für eine Annäherung oder gar Aussöhnung sprachen, konnten sich kaum Gehör verschaffen.
Dies spiegelt sich auch in den 60 Zeichnungen wider, die wir dazu aus Zeitschriften wie dem deutschen "Kladderadatsch" oder dem französischen "Le Rire" entnommen haben. Eine seltene Ausnahme ist die deutsche Werbeanzeige „Frankreich bietet sein edelstes Produkt Deutschland“, die die Sektkellerei Henkell & Co. Anfang des 20. Jahrhunderts verwendete: Zumindest als Lieferant von Weinreben aus der Champagne wird der Nachbar hier positiv gesehen. Typisch hingegen ist die Karikatur „Confisqués“, die im April 1918 in der französischen Wochenzeitung „La Baïonnette“ veröffentlicht wurde und in der die Symbolfigur Germania als kriegslüstern und gierig dargestellt wird, die Symbolfigur Marianne dagegen als friedliebende Freundin der Künste.
1945 – 1962: Ein leiser Wunsch nach Versöhnung
Nach dem zweiten Weltkrieg verschwanden Darstellungen, die den propagandistischen Zweck hatten, den Nachbarn negativ darzustellen bzw. ihn herabzuwürdigen, aus den deutschen und französischen Karikaturen. An ihre Stelle traten wohlwollende Bilder, die zwar teilweise noch geprägt waren von Skepsis oder sogar Furcht gegenüber dem Land auf der anderen Seite des Rheins, aber doch den Wunsch nach einer Aussöhnung spüren ließen. Als sich dieser Wunsch mit den Staatsbesuchen des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer in Frankreich im Juli und des damaligen Präsidenten Charles de Gaulle in Deutschland im September 1962 erfüllte, drückten viele Karikaturisten ihre Freude darüber in Bildern einer herzlichen Männerfreundschaft zwischen zwei Staatenlenkern oder auch in Hochzeitsbildern aus.
Ein schönes Beispiel dafür ist „Die Liebe des Jahrhunderts“ von Klaus Pielert (8 Karikaturen von Pielert in unserer Sammlung) , erschienen am 5. Juli 1962 im Kölner Stadt-Anzeiger, auf der der deutsche Michel Marianne zum Traualtar führt. Dem Paar folgen die Brautväter de Gaulle und Adenauer und dahinter viele historische Persönlichkeiten, die in der Vergangenheit die Beziehungen zueinander geprägt haben. Eine Heirat von Marianne und Germania, die heute kaum jemanden verwundern würde, schien damals noch nicht vorstellbar und findet sich auf keiner der Karikaturen in unserer Sammlung.
Ab 1963: Symbolfiguren weichen Klischees
Symbolische Darstellungen wie Germania, Marianne, der deutsche Michel, der deutsche Adler oder der gallische Hahn zur Kennzeichnung der jeweiligen Nation wurden in den Jahrzehnten nach Abschluss des Élysée-Vertrags immer häufiger durch Klischees ersetzt, die zumeist die Kleidung und die Ernährung betreffen. Stellte man sich die Deutschen so vor, wie viele französische Karikaturisten sie zeichnen, hätte man ein Bild vor Augen, das Mädchen mit Zöpfen in Dirndln und Männer in Lederhosen zeigt, die sich hauptsächlich von Bier, Brezeln und Wurst ernähren. Die Franzosen hingegen erscheinen in den deutschen Printmedien ab 1960 häufig als freundliche Menschen, die eine Baskenmütze auf dem Kopf, ein Baguette unter dem Arm und ein Glas Wein in der Hand haben.
Pancho Graells (mit 64 Karikaturen in unserer Sammlung vertreten), hat vier dieser Klischees in seiner Karikatur „I love you“ verwendet, die am 8. Februar 1988 anlässlich des 25jährigen Jubiläums des Élysée-Vertrags in der satirischen Wochenzeitung „Le Canard enchaîné“ veröffentlicht wurde. Damit wollte er auf ein Dauerthema in dem nun kontinuierlichen Austausch auf allen Ebenen hinweisen, nämlich den Erwerb der Sprache des anderen. Obwohl sich beide Länder im Élysée-Vertrag von 1963 und erneut im Vertrag von Aachen 2019 verpflichtet haben, Anstrengungen dafür zu unternehmen, dass möglichst viele Schülerinnen und Schüler Deutsch bzw. Französisch als Fremdsprache lernen, können sich die beiden euphorisierten Herren ihre wechselseitige Zuneigung nur durch das englische „I love you“ versichern.
Deutsch-Französische Tandems und die Mühen der Ebene
Mit der deutsch-französischen Annäherung einher ging eine Personifizierung der wechselseitigen Beziehungen in Gestalt des jeweiligen Kanzlers und des jeweiligen Präsidenten. Als ihre Väter werden regelmäßig Adenauer und de Gaulle dargestellt, die in späteren Jahren häufig von einer Wolke herab aktuelle Entwicklungen missbilligen oder gutheißen oder sich auch anlässlich eines Élysée-Jubiläums zuprosten, um sich für die positive Entwicklung des Prozesses, den sie angestoßen haben, zu beglückwünschen. Führungspersonal, das in späteren Jahren mit den Mühen der Ebenen zu kämpfen hat, wird meist weniger würdevoll dargestellt:
Dieter Hanitzsch (24 Karikaturen von ihm sind in unserer Sammlung enthalten) zeichnete 2005 den damaligen Bundeskanzler Schröder als Asterix, der Jacques Chirac als Druiden Miraculix bittet, zur Lösung einer EU-Krise einen Zaubertrank zu brauen. Einen optimistischen Blick in die Zukunft wagte im Jahr 2017 der englische Karikaturist Ingram Pinn (von ihm haben wir 80 Karikaturen archiviert), in dem er den neu gewählten Präsidenten Emmanuel Macron und die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel dynamisch ins Führerhaus eines TGV mit EU-Emblem springen ließ, wohingegen er den damaligen und seit 2024 wieder amtierenden US-Präsidenten Donald Trump auf eine von einem Prellbock blockierte Dampfblock setzte.
Technische und zeitliche Entwicklung
Zu beobachten ist neben der politischen Entwicklung auch eine technische: Wurden bis in die 2000er-Jahre noch fast alle Karikaturen mit spitzer Feder oder spitzem Bleistift von Hand gezeichnet, nutzen ihre Zeichner heute meist digitale Werkzeuge. Klaus Stuttmann, dessen Karikaturen im Berliner Tagesspiegel und vielen anderen regionalen Tageszeitungen veröffentlicht werden und von dem wir 64 Karikaturen in unserer Sammlung haben, zeigte 2013 bei der Eröffnung der Ausstellung „Marianne und Germania in der Karikatur“ in Ludwigsburg, wie ihm der Fortschritt sein Tagewerk vereinfacht: Aus einer schmerzhaften Halskrause, die er Angela Merkel angelegt hatte, machte er mit wenigen Mausklicks einen Heiligenschein, der über ihrem Kopf leuchtete. Manche aber halten den traditionellen Methoden dennoch die Treue: Der Karikaturist BOLL, in unserer Sammlung mit 14 Karikaturen vertreten, z.B. zeichnet seine Karikaturen weiterhin von Hand mit Tinte und hat die Zeitung Les Echos überzeugen können, ihre Arbeitsweise der seinigen anzupassen.
Einen Boom erlebten die Karikaturen zum wechselseitigen Beziehungsstatus zwischen 2011 und 2018. In diese Zeit fallen die französischen Präsidentschaftswahlkämpfe von 2012 und 2017, die in beiden Ländern eine große mediale Aufmerksamkeit erhielten, sowie die Euro- und die Flüchtlingskrise im Jahr 2015. Deshalb, wegen ihrer langen Amtszeit, und auch weil sie in Frankreich im Laufe der Jahre fast schon zu einer mythologischen Gestalt überhöht wurde, ist Angela Merkel mit 1.390 Darstellungen, von denen 433 frei verfügbar sind, in unserer Sammlung die Persönlichkeit, die am häufigsten im deutsch-französischen Kontext karikiert wurde.
Dies liegt aber auch daran, dass sich die Zahl der nachgewiesenen Karikaturen mit dem Aufkommen des Internets massiv erhöht hat: Bis in die 1990er-Jahre erschienen Karikaturen fast ausschließlich in Tageszeitungen und Magazinen, wohingegen es heutzutage viele Karikaturisten gibt, die eigene Webangebote betreiben (z.B. die deutschen Karikaturisten Jürgen Tomicek (https://tomicek.de/, 99 Karikaturen in unserer Sammlung) oder Heiko Sakurai (https://sakurai-cartoons.de/, 33 Karikaturen in unserer Sammlung)), und Internetzeitungen und -zeitschriften, die passende Karikaturen enthalten. Dennoch geht die Zahl satirischer Darstellungen deutsch-französischer Zustände seit 2019 zurück. In der Phase von 2010 – 2018 haben wir im Jahresdurchschnitt knapp 200 davon nachgewiesen, seitdem ist der Schnitt auf etwas über 60 pro Jahr gefallen.
Ob dies an einem zunehmenden wechselseitigen Desinteresse oder einem Rückgang von Themen liegt, die Karikaturisten zu einer Zeichnung inspirieren, bleibt eine offene Frage.
Das dfi Repositorium
Zur digitalen Langzeitarchivierung von Presseartikeln, Zeitschriftenaufsätzen, Karikaturen, Vortragsmitschnitten, Podcasts, Videos u.a. zur Entwicklung Frankreichs seit 1944 und den deutsch-französischen Beziehungen hat die Abteilung Digitale Bibliothek der Verbundzentrale des GBV nach den Vorgaben der Frankreich-Bibliothek ein Repositorium eingerichtet. Ermöglicht wurde dies ebenfalls durch Sondermittel von Seiten des Bundesamts für Auswärtige Angelegenheiten (BfAA).
Es enthält derzeit knapp 250.000 Datensätze und die ihnen zugehörigen Digitalisaten, von denen ein kleiner Teil (u.a. die Karikaturen, für die Nutzungsrechte eingeworben wurden) frei zugänglich ist.
Adresse: https://repositorium.dfi.de/







