Am 23. September hat der ehemalige italienische Ministerpräsident Enrico Letta das dfi besucht und in Gesprächen mit Vertretern der Landesregierung Baden-Württemberg und Unternehmern aus der Region seine Vision für die Zukunft des Binnenmarktes vorgestellt. Grundlage war der Bericht im Auftrag des Europäischen Rates, den er im April dieses Jahres vorgelegt hat. Im Gespräch geht er auf die wichtigsten Anliegen seines Berichts ein.
Warum „Much more than a market“?
Herr Letta, warum trägt Ihr Bericht den Titel „Much more than a market“?
Natürlich gibt es in meinem Bericht eine ganze Reihe von Vorschlägen technischer Natur, die sich mit unterschiedlichen Dimensionen des Binnenmarktes befassen. Zunächst aber geht es mir darum, dass der Binnenmarkt viel mehr als ein Markt ist, weil er Teil unserer Lebensrealität in der Europäischen Union geworden ist, als Verbraucher, Arbeitnehmer oder Unternehmer, um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Häufig bringen wir den Binnenmarkt und das europäische Einigungsprojekt mit einer kosmopolitischen Klasse in Verbindung, die mehrere Sprachen spricht und sich zwischen den Ländern bewegt. Das greift zu kurz. Neben der Freiheit, sich frei zu bewegen (freedom to move), braucht es auch die Freiheit zu bleiben (freedom to stay). Überall in der Union müssen die Lebensbedingungen so sein, dass man gerne bleibt bzw. sich für eine Zeit wegbewegt, aber sich auch vorstellen kann, wieder zurückzukehren. Dies ist heute nicht der Fall. Die Wanderungsströme gehen vor allem von Süden nach Norden und von Osten nach Westen. Eine Zirkularität wäre aber wichtig.
Wie muss sich der Binnenmarkt verändern?
Wie muss sich der Binnenmarkt verändern, um zukunftsfähig zu sein?
Der Binnenmarkt wurde in den 1980er Jahren geschaffen und spiegelt deshalb die wirtschaftlichen Realitäten des 20. Jahrhunderts wider. Das „Groß“ von gestern wird nicht mehr das „Groß“ von morgen sein. Die geopolitischen und wirtschaftlichen Realitäten haben sich verändert und das muss sich in unserer Binnenmarktpolitik widerspiegeln. Wenn Europa nicht zu einer Kolonie Chinas oder der USA werden möchte, muss es sich verändern.
Ein zentraler Ansatzpunkt ist, die Rahmenbedingungen in Europa so zu verändern, dass europäische Unternehmen wachsen können und im Weltmaßstab gesehen wettbewerbsfähig mit US-amerikanischen, indischen oder chinesischen Unternehmen sind, die über deutlich größere Heimatmärkte verfügen. Natürlich muss die typisch europäische Struktur aus kleinen, mittelgroßen und großen Unternehmen durch eine stringente Wettbewerbspolitik bewahrt werden. Aber dort, wo wir Gefahr laufen, zugunsten von Unternehmen aus Drittstaaten aus Märkten verdrängt zu werden, besteht Handlungsbedarf. Das zeigt das Beispiel der Zahlungskarten: Die US-amerikanischen Anbieter Visa und Mastercard dominieren den Markt und mit jeder Transaktion liefern wir Daten an die Amerikaner. Umgekehrt ist das absolut unvorstellbar. Wie wenig es hierfür ein Bewusstsein gibt, hat mich überrascht.
Welche weiteren Bereiche betrifft das ganz konkret?
In meinem Bericht stehen drei Bereiche im Vordergrund, die in der Anfangszeit des Binnenmarktes zunächst weitgehend in den Händen der Nationalstaaten verblieben waren: Finanzen, Telekommunikation und Energie. Hier haben wir zwar eine geteilte Kompetenz zwischen EU und Mitgliedstaaten, aber die Umsetzung läuft den Realitäten hinterher.
Zentral ist die Schaffung eines einheitlichen Kapitalmarktes im Rahmen einer Spar- und Investitionsunion als Weiterentwicklung der unvollständig gebliebenen Kapitalmarktunion. Heute fließt ein erheblicher Teil europäischer Sparguthaben in die USA ab und finanziert dort Unternehmen, die dann wiederum unsere europäischen Unternehmen aufkaufen.
Selbiges gilt im Übrigen auch für den Verteidigungsbereich: Von den 140 Milliarden, die man in der EU in Form von militärischer Unterstützung der Ukraine bereitgestellt hat, werden zu etwa 80% US-amerikanische Waffensysteme gekauft. Das ist, mit anderen Worten, ein mit unseren Steuern finanziertes Jobprogramm für Minnesota oder Wisconsin. Es ist ärgerlich, dass das in der öffentlichen Diskussion nicht mehr thematisiert wird.
Wenn wir die beiden Herausforderungen, die Transformation der Wirtschaft und die europäische Sicherheit bewältigen wollen, müssen wir erhebliche zusätzliche finanzielle Mittel mobilisieren. Hierfür braucht es zusätzliches privates und öffentliches Kapital – nur in dieser Mischung wird sich ein Kompromiss zwischen den sogenannten „Sparsamen“ und den südlichen Ländern in der Union finden lassen. Ich könnte mir beispielsweise auch vorstellen, den ESM (Europäischer Stabilitätsmechanismus), der von Italien in seiner reformierten Fassung noch immer nicht ratifiziert ist, für die Finanzierung von verteidigungspolitischen Ausgaben zu nutzen.
Der zweite Bereich ist die Telekommunikation: chinesische Anbieter verfügen im Schnitt über 467 Millionen Kunden, in den USA sind es 107, in Europa hingegen nur 4,5 Millionen. Wir brauchen 20 bis 30 europäische Anbieter, zwischen denen die Europäer auswählen können, nicht 5 bis 7 nationale in jedem Land.
Und nicht zuletzt geht es um die Energiekosten in Europa, die drohen, zu einem massiven Standortnachteil zu werden. Dabei geht es nicht um die Vereinheitlichung des Strommixes, sondern vor allem um die bessere Verzahnung der Infrastruktur durch Interkonnektoren zwischen den Ländern.
In einigen Bereichen ist der Binnenmarkt immer noch vor allem eine geographische, aber keine wirtschaftliche Realität und das muss sich ändern.
Wie lassen sich Fortschritte erzielen?
Wie lassen sich Fortschritte im Hinblick auf die unterschiedlichen nationalen regulatorischen Rahmenbedingungen erzielen?
Dass es illusorisch wäre, die 27 bestehenden Regimes zu vereinheitlichen, darüber bin ich mir im Klaren – überhaupt geht es mir darum, pragmatisch da anzusetzen, wo es keine Veränderung der EU-Verträge braucht. Die Idee wäre, im Bereich des Wirtschaftsrechts eine Art europäisches Delaware[1] in Form eines 28. Regimes einzuführen, das in allen 27 Mitgliedstaaten gilt – zusätzlich zu den bestehenden nationalen und teils auch subnational divergierenden Regelungen. Zusätzlich sollte man, wie Jacques Delors seinerzeit, wieder stärker auf Harmonisierung setzen, indem man Verordnungen anstelle von Richtlinien, die Spielräume bei der nationalen Umsetzung lassen, nutzt.
[1] In dem US-amerikanischen Bundesstaat Delaware hat die Einführung eines besonders liberalen Gesellschaftsrechts zu einer massiven Ansiedlung von Unternehmen geführt.
Was ist derzeit realistisch?
Bei den vergangenen Europawahlen haben vor allem europaskeptische Parteien dazugewonnen. Sind Vorschläge zu einer weiteren Vertiefung des Binnenmarkes derzeit realistisch?
Hinter verschlossenen Türen habe ich, rechts wie links des politischen Spektrums, viel Zustimmung zu meinen Vorschlägen erfahren und auch Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat einige der Vorschläge in ihrer Rede vor dem Europäischen Parlament im Juli und in den Briefen an die Kommissare aufgegriffen. Trotzdem fällt es politisch oft schwer, von nationalen Symbolen wie der eigenen Börse zugunsten europäischer Lösungen loszulassen, auch wenn wir wissen, dass wir diese brauchen. Diese Schritte nicht zu gehen, ist mit erheblichen Kosten verbunden, das müssen wir uns bewusstmachen.
Als junger Student dachte ich, dass es unendlich viel schwieriger sein müsste, die nationalen Währungen aufzugeben und eine weitere Harmonisierung in einzelnen Sektoren im Vergleich dazu einfacher vonstatten gehen müsste. Das umgekehrte war aber der Fall. Trotzdem stimmt mich der Verzicht auf die eigene Währung zugunsten der Gemeinschaftswährung optimistisch und ich glaube ehrlich gesagt auch nicht, dass wir uns politisches Theater im Angesicht der Größe der Herausforderungen leisten können. Der Euro ist bei den Menschen beliebt, auch wenn vor der Einführung teils Skepsis in den Bevölkerungen herrschte – warum sollte das bei anderen Bereichen nicht auch so sein, wenn die Resultate stimmen?
Redaktion: Eileen Keller, keller@dfi.de
dfi-Zusammenfassung des Berichts
Der ehemalige Ministerpräsident Italiens und jetzige Präsident des Jacques Delors Instituts Enrico Letta hat im April 2024 unter dem Titel Much more than a market – Speed, Security, Solidarity: Empowering the Single Market to deliver a sustainable future and prosperity for all EU Citizens für den Europäischen Rat einen Bericht über die Zukunft des Binnenmarkts vorgelegt.
Die dfi-Zusammenfassung von Enrico Lettas Binnenmarktbericht
Die dfi-Zusammenfassung von Enrico Lettas Binnenmarktbericht als PDF-Datei




