Deutsch französisches Institut:
https://www.dfi.de/dossiers/neuwahl-in-frankreich-2024/der-wahlkampf-im-internet-die-politischen-fancams

Der Wahlkampf im Internet

Die politischen „Fancams“ auf TikTok und Twitter

  • Kurzanalyse des Wahlkampfs auf Internet
  • Übersicht über die politischen Fancams
  • Skizzen der möglichen politischen Effekte von Fancams

Einleitung

Emmanuel Macrons Entscheidung, die französische Nationalversammlung aufzulösen (zum ersten Mal seit 1997), führte zu dem kürzesten Wahlkampf in der Geschichte der V. Republik. 21 Tage dauerte er, nur einen Tag länger als die in der Verfassung vorgesehene Mindestdauer.

Neben dem klassischen Wahlkampf, der auf Bühnen und Marktplätzen geführt wurde, fand noch eine andere Kampagne statt, die zwar weniger medienwirksam, aber dennoch ebenso aktiv war. Die sozialen Netzwerke – insbesondere Twitter/X und TikTok – waren die Bühne für einen parallelen Kampf um Sichtbarkeit, der sich vor allem zwischen den Anhängern des Rassemblement National (RN) und denen des Nouveau Front Populaire (NFP) abspielte. Auf TikTok schienen sich die rechtsextremen Inhalte durchzusetzen, wohingegen auf Twitter die pro-NFP-Inhalte gediehen. Dieser Kampf wurde vor allem durch kurze Videos, sogenannte „Fancams“, ausgetragen.

Eine Fancam oder ein Edit ist ein Video in häufig satten Farben. Es dauert nur einige Dutzend Sekunden und zeigt eine oder mehrere Personen. Das Video ist mit Musik unterlegt, die zu dem Eindruck passt, den es vermitteln soll. Ursprünglich aus der Welt des K(orean)-Pop stammend und in den sozialen Netzwerken verbreitet, zielten diese Videos darauf ab, eine Sängerin, einen Sänger oder eine Band in den Vordergrund zu rücken, um ihre Schönheit oder zumindest ihr gutes Aussehen zu betonen. Diese bewusst kawaii (japanisch für niedlich) gestalteten Videos wurden zunächst in die Welt der US-amerikanischen Popkultur und Politik (z. B. Taylor Swift[1] oder Bernie Sanders[2]) übernommen, bevor sie auch in der französischen Politik Einzug hielten. Teilweise finden sich auch Videos mit kürzeren Auszügen aus Reden. Fancams von Politikern existieren zwar seit mehreren Jahren, aber der kurze Parlamentswahlkampf 2024 hat ihre Verbreitung in Frankreich beschleunigt.

Die vorliegende Kurzanalyse gibt einen Überblick über diese Fancams und ihre unterschiedliche Nutzung durch rechtsextreme und linke Gruppen. Trotz ihrer amateurhaften und unterhaltsamen Anmutung werfen diese Videos Fragen auf hinsichtlich ihrer Beziehung zu politischen Persönlichkeiten, aber auch zu bestimmten Wahlkampfstrategien.


[1]https://x.com/swiftscrumb/status/1807089517465047401

[2]https://x.com/_mariahterry/status/1615588283630911488

Baptiste Bouchet
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Baptiste Berge-Bouchet

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Die wichtigsten sozialen Netzwerke im Wahlkampf

Twitter (heute X) ist eine Mikroblogging-anwendung, mit der man kurze Nachrichten mit oder ohne Bilder oder Videos in seinem eigenen Kanal veröffentlichen kann.

TikTok ist eine App, die vor allem mit Videos arbeitet. Die geteilten Videos sind maximal eine Minute lang und können sehr unterschiedliche Inhalte haben (Tänze, Informationen, Tutorials...).

Wahlkampf online : Das Internet als neuer Ort der politischen Kommunikation

Die Entwicklung des Internets hat neue Horizonte eröffnet und die zwischenmenschliche Kommunikation und Vernetzung beschleunigt. Informationen zirkulieren schneller und es ist viel einfacher, mit jemandem in einer anderen Stadt oder einem anderen Land in Kontakt zu treten. Das Aufkommen der sozialen Netzwerke und ihre Verbreitung haben diesen Prozess weiter verstärkt. Diese Entwicklung wurde von einem Wahlkampfstrategen der UMP (heute LesRépublicains) im Jahr 2013 wie folgt zusammengefasst: „Früher warst du um 8 Uhr im Fernsehen, 2007 hast du einen Blödsinn gesagt, das kam in den 13-Uhr-Nachrichten oder vorher im Radio. Jetzt machst du um 8.00 Uhr einen Blödsinn, um 8.15 Uhr ist es auf Twitter, um 8.30 Uhr hast du das Video auf Dailymotion [3].“[4]  Die Möglichkeit einer Korrektur des Gesagten ist damit fast nicht mehr möglich.

Dieser neue Kommunikationsraum wird auch für politische Zwecke genutzt, zunächst in den USA und später auch im Rest der Welt. Anfänglich wurden das Internet und die sozialen Netzwerke lediglich als Ergänzung zu analogen politischen Kampagnen gesehen. Ihre politische Nutzung hat sich jedoch so weit diversifiziert, dass heute Social-Media-Strategen in die Wahlkampfteams eingebunden werden. Menschen auf Marktplätzen spricht man anders an als auf Twitter.

Für politische Parteien sind das Internet und soziale Netzwerke Resonanzkörper, die es ihnen ermöglichen, ein großes Publikum zu erreichen und sich und ihre Botschaft bekannter zu machen. Dank der Vielzahl von sozialen Netzwerken (Twitter, Facebook oder TikTok) kann eine einzelne Stellungnahme eine sehr große Reichweite haben, und das zu geringen Kosten bzw. mit wenig Aufwand, wenn sie auf verschiedenen Plattformen gepostet wird. Dank der Algorithmen und der viralen Effekte können Stellungnahmen weit über ihren primären Sendekreis hinausgehen und eine sehr große Anzahl an Menschen erreichen.

[3] Dailymotion ist ein Videoportal, ähnlich zu YouTube.

[4] Theviot, Anaïs (2018): Facebook, Twitter, Youtube. Vers une « révolution » de la participation et de l’engagement politique en ligne ?, in: Idées économiques et sociales, Vol. 194, N°. 4, pp. 24-33.

Soziale Netzwerke sind politisch umso nützlicher, je mehr sie sich bei einem bestimmten Publikum durchgesetzt haben. TikTok und Twitter haben in Frankreich weit über 10 Millionen Nutzer. Twitter wird eher von den 18- bis 34-Jährigen genutzt, die über 70 % der Nutzer ausmachen [5];  hingegen sind 72,2 % der TikTok-Nutzer jünger als 24 Jahre [6].  Von diesen sind 39 % zwischen 18 und 24 Jahre alt und damit wahlberechtigt [7]. Eine Präsenz auf diesen Plattformen ermöglicht es, eine potenzielle Wählerschaft anzusprechen, die sich im Übrigen vorwiegend online über das Geschehen in der Welt informiert. 74% der Twitter-Nutzer geben an, Twitter dafür zu nutzen, während 20% der 18- bis 24-Jährigen das Weltgeschehen über TikTok folgen. [8]

Soziale Netzwerke stellen somit nicht nur einen neuen Raum für Innovationen in der politischen Kommunikation dar, sondern ermöglichen es auch einer größeren Anzahl von Menschen, sich im Vergleich zu den klassischen Medien barrierefrei auszudrücken und potenziell ein breiteres Publikum zu erreichen. Nicht zuletzt stellen die Nutzer sozialer Netzwerke - allen voran Twitter und TikTok - eine nicht zu vernachlässigende Wählerschaft dar.

Soziale Netzwerke und Desinformation

Die sozialen Netzwerke haben sich zu einer nützlichen und weit verbreiteten Informationsquelle entwickelt, sie sind aber auch anfällig für Desinformationskampagnen, die dort regelmäßig stattfinden. Die jüngsten Parlamentswahlen in Frankreich und Großbritannien waren beispielsweise Gegenstand solcher Kampagnen, die von russischen Konten ausgingen. Der Verdacht der Datenmanipulation kam erstmals im Zusammenhang mit dem Vorgehen der Datenfirma Cambridge Analytica im Zusammenhang mit dem Brexit-Votum 2016 und dem US-Wahlkampf im selben Jahr auf. Desinformationskampagnen zielen häufig auf Destabilisierung ab, indem sie entweder Falschmeldungen verbreiten oder Schlüsselmomente in den Nachrichten aufbauschen, um alternative Konzepte und Narrative zu verbreiten.

Um diese antidemokratischen Angriffe abzuwehren, gehen Online-Plattformen und Gesetzgeber mit unterschiedlichen Maßnahmen vor: Löschung falscher Inhalte durch Moderationsteams, Verbot politischer Inhalte oder (bei Twitter) die Möglichkeit der Kontextualisierung bei der Weiterverbreitung von Tweets Dritter. Nicht immer führen diese Strategien zum gewünschten Erfolg, was neue Strategien erforderlich macht.

Die charismatische Figur des Jordan Bardella auf TikTok

Der Front National (Vorläufer des heutigen Rassemblement National) hat wie viele rechtsextremistische Parteien eine lange Erfahrung mit Internet. Er war die erste französische Partei, die eine landesweite eigene Website aufbaute. Der aktuelle starke Präsenz vom RassemblementNational auf TikTok lässt sich teilweise durch diese Erfahrung erklären. Die TikTok-Inhalte, die von oder über den RN in Frankreich gepostet werden, beziehen sich fast ausschließlich auf Jordan Bardella. Auch wenn Bardella einen persönlichen Account pflegt, stehen bei den Famcams die Aktivitäten und Accounts von Dritten im Mittelpunkt.

Jordan Bardella, ein Star auf TikTok

Gemeinsam mit seinem Kommunikationsteam beherrscht der Vorsitzende des RN die Codes des Internets. Dies belegt sein TikTok-Konto eindeutig. Fast 2 Millionen Menschen folgen ihm. Sein Konto umfasst nicht nur Videos, die sein Programm oder seine Reden vorstellen, sondern auch andere, die sich explosionsartig verbreiten und keinen politischen Inhalt haben. Die Wirksamkeit seines Accounts lässt sich an seiner Engagementrate messen, die angibt, wieviele Zuschauer (in %), die ein bestimmtes Video gesehen haben über Likes, Kommentare etc. darauf reagieren. Während diese bei den bekanntesten Influencern häufig nur bei 1 % liegt, beläuft sich Bardellas Engagementrate auf rund 9 %. Seine Videos führen auch zu mehr Reaktionen als die der anderen Kandidaten. Insgesamt haben die Videos der Kandidaten während des Wahlkampfs zu den Parlamentswahlen auf Tiktok 23 Millionen Reaktionen erhalten, 13 Millionen davon entfielen auf Jordan Bardella [9].

Die Idee ist immer die gleiche. Jordan Bardella wird entweder zu Popmusik oder zu spannungsgeladener Musik vorgestellt. Je nach Musik sollen entweder seine Jugend oder sein Aussehen bewundert werden; alternativ wird er auch als charismatische Persönlichkeit dargestellt, die Respekt einflößt. Die „charismatischen“ Videos bedienen sich übrigens häufig der im Internet sehr präsenten Vorstellung des „Alpha-Männchens“ - einem sehr männlich auftretenden, muskulösen und dominanten Manne. Der „charismatische“ Jordan Bardella ist am häufigsten auf TikTok zu finden. Diese Fancams befassen sich überhaupt nicht mit dem Programm seiner Partei, vielmehr ist seine dem Anschein nach charismatische Persönlichkeit der Kern der Botschaft.

Jordan Bardella spielt diese Nähe auch bei seinen Reisen aus. Ausschnitte hiervon finden sich ebenfalls in den Fancams auf TikTok. Man kann ihn beispielsweise dabei beobachten, wie er Selfies mit Jugendgruppen macht oder ein Glas Wein trinkt - eine Art, sich sympathisch und zugänglich zu zeigen. Ein TikTok, das auf seinem persönlichen Konto veröffentlicht wurde, zeigt ihn, wie er nach einem Apfel fragt, ihn wäscht und anschließend hineinbeißt. Mit über 5 Millionen Aufrufen wurde das Video nicht nur sehr bekannt, sondern wurde auch durch Fancams genutzt, was zeigt, wieviel virales Potenzial in einfachen Lebensausschnitten steckt.

Die Fancams auf Twitter: die NFP-Kandidaten kawaii und sympathisch machen

Seitens linker Aktivisten wurde nach der Auflösung der Nationalversammlung schnell dazu aufgerufen, das Internet mit Inhalten (insbesondere Fancams) von linken Persönlichkeiten zu fluten. Hauptsächlich geschah dies, um im Wahlkampf an Sichtbarkeit zu gewinnen (d. h. Twitter mit linken Inhalten zu sättigen, um so die Inhalte der Gegner zu „verstecken“), aber auch um Wahlberechtigte dazu zu bringen, wählen zu gehen. Bei der Gelegenheit konnte man feststellen, dass aktive politisierte Twitter-Nutzer häufiger den NFP als den RN unterstützten.

Im Gegensatz zu den TikTok-Inhalten aus rechtsextremen Kreisen, die sich fast ausschließlich auf Jordan Bardella bezogen, konzentrierten sich diese Fancams von Anfang an auf mehrere linke Persönlichkeiten, vor allem vom La France Insoumise, die sowohl in den klassischen als auch in den sozialen Medien viel Beachtung fanden. Dazu zählten Alma Dufour und Sébastien Delogu, die durch das Hissen der palästinensischen Flagge in der Nationalversammlung bekannt geworden waren, sowie David Guiraud und die Europaabgeordnete Rima Hassan, die sich ebenfalls mit ihrer Unterstützung für Palästina profilierten. Später wurden auch andere bekannte Kandidaten, wie Aymeric Carron oder Rachel Keke (LFI), sowie einige weniger medienwirksame Kandidaten in Fancams dargestellt. Bemerkenswert ist die Abwesenheit von Jean-Luc Mélenchon und anderen wie Raquel Garrido. Es ist zu vermuten, dass diese die jüngsten Wähler wenig ansprechen. Außerdem hat Jean-Luc Mélenchon nicht kandidiert.

Diese Fancams scheinen nicht von den Parteien selbst initiiert worden zu sein, obwohl die Personen, die sie erstellen, offensichtlich Aktivisten sind. Einige Fancams werden von Einzelpersonen erstellt, während andere aus Gruppen stammen, die zum Teil sehr gut organisiert sind. Bei einem Konto, das Edits verbreitet, sind die aktiven Mitglieder in vier Rollen aufgeteilt: Content Manager, Kreative, Community Manager und Aktivisten [10]. Außerdem wurde ein Google Drive (eine Online-Speicherplattform) eingerichtet, in dem Videoausschnitte von über 40 NFP-Persönlichkeiten gesammelt werden, um die Erstellung von Fancams zu erleichtern.

Auffällig ist die stark ausgeprägte Kawaii-Ästhetik der Twitter-Fancams. Die Kandidaten werden vor allem aufgrund ihres Aussehens oder ihres vermeintlichen Charismas gezeigt. Die Musik und die Montage übernehmen dabei weitestgehend die Codes der K-Pop-Fancams und sorgen so für einen sehr kitschigen Effekt. Charisma entsteht nicht durch imposanten Respekt wie bei Jordan Bardella, sondern eher durch die naive Anmutung dieser Videos. Der so präsentierte Kandidat wirkt sympathisch, weil er sich selbst nicht zu ernst nimmt (auch wenn er das Video nicht selbst erstellt hat). Ähnlich wie bei TikTok wird auch hier auf eine Programmanalyse verzichtet.

Die linken Persönlichkeiten reagieren sehr unterschiedlich auf die Fancams, in denen sie dargestellt werden. Einige wie Clémence Guetté oder Rima Hassan ignorieren die Videos oder verbreiten sie nicht weiter. Andere wie Sébastien Delogu oder David Guiraud teilen die Fancams gerne mit ihren Followern und erstellen teilweise sogar selbst Kurzvideos. Außerdem hat das Twitter-Konto von La France Insoumise zahlreiche Fan-Arts [11]  auf Twitter zusammengestellt, was zeigt, dass die Bedeutung der sozialen Medien bekannt ist und beobachtet bzw. gefördert wird [12].

[11] Eine Fan-Art ist ein gezeichnetes Werk, das von Fans einer Person (Künstlern, Filmcharaktern oder ähnlichem) anfertigen wird. Dabei wird oft die bewunderte Person als Motiv gewählt.

[12] https://x.com/FranceInsoumise/status/1804188530224013643

Die sozialen Medien als politische Strategie und Ort einer neuen Beziehung zu Politikern

Sieht man sich die Fancams an, fällt auf, dass Politiker des RN (eigentlich fast nur Jordan Bardella) und von La France Insoumise überrepräsentiert sind - letztere weitaus stärker als die anderen Parteien des NFP. Das Fehlen von Mitte-Links-/Rechts-Parteien (PS, Renaissance, LR) ist nicht überraschend. Im ersten Wahlgang der Parlamentswahlen teilten sich die NFP und der RN 80 % der Stimmen der 18- bis 24-Jährigen und 70 % der Stimmen der 25- bis 34-Jährigen. Außerdem stimmten die 18- bis 24-Jährigen und die 25- bis 34-Jährigen deutlich häufiger für La France Insoumise als für die anderen Linksparteien. Im Jahr 2022 vereinte Jean-Luc Mélenchon 31 % der Stimmen der Erstgenannten und 34 % der Zweitgenannten auf sich [13]. Diese Wählerschaft ist die in den sozialen Netzwerken präsenteste, die die Codes beherrscht, was sicher Teil der Erklärung der Überrepräsentation dieser Parteien ist.

Gleichzeitig sind die beiden Altersklassen auch diejenigen mit der höchsten Wahlenthaltung (43 bzw. 49 % Wahlenthaltung im ersten Wahlgang der Parlamentswahlen). Diese Videos „von jungen Leuten für junge Leute“ sind somit auch ein Mittel, um Menschen anzusprechen, die sich nicht für Politik interessieren. Außerdem erfolgt die Ansprache durch Videos, die die Kandidaten sympathisch machen und so zu einer Entdämonisierungsstrategie von Persönlichkeiten beitragen, die oft als extrem oder radikal bezeichnet werden.

Über die Wahlkampfstrategie hinaus sind diese Fancams Teil der Peopolisation des politischen Lebens (dt.: die Politik des Spektakels). Der Begriff stammt aus der politischen Kultur der USA und bezeichnet einerseits die Skandalisierung des Lebens von Politikern (beispielsweise die Bilder von François Hollande auf seinem Motorroller [14]) und andererseits die Inszenierung des Privatlebens von Politikern, um sie sympathischer und volksnäher zu machen (wie Marine le Pen und ihre bekannte Leidenschaft für Katzen [15]).

Indem sie nur das Charisma, die schöne physische Erscheinung oder Selbstironie (die durch den manchmal etwas lächerlichen Schnitt impliziert wird) zeigen, regen Fancams zwar dazu an, sich für Persönlichkeiten zu interessieren (oder sie zu bewundern), aber nicht unbedingt für ihre Ideen. Dies kann paradoxerweise zu einer begrenzten Politisierung führen, bei der man eine Person nicht wegen ihrer Ideen wählt, sondern weil man sie in den sozialen Netzwerken gesehen hat. Es kann auch zu Fällen führen, wo potenziell gewonnene Wähler für eine Person stimmen möchten, die jedoch nicht in ihrem Wahlkreis kandidiert. Dies war beispielsweise bei RN-Wählern der Fall, die verunsichert waren, weil sie den Namen Jordan Bardella nicht auf dem Stimmzettel sahen [16].

Diese entpolitisierte Politisierung scheint jedoch von einigen Gruppen und Verbreitungskanälen in Kauf genommen zu werden. Das Problem der fehlenden programmatischen Diskussion in diesen Formaten wird offen zugegeben, vor allem von linken Twitter-Accounts. Einige Gruppen betonen allerdings, dass es auch darum geht, den Kandidaten bekannt und sympathisch zu machen, um dann über das Programm zu diskutieren - eine Art Verkaufstrichter. Je näher der Wahltag rückte, desto mehr forderten diese Twitter-Accounts dazu auf, sich mit dem Programm zu beschäftigen oder die gegnerischen Programme zu kritisieren. Auf TikTok war dies hingegen kaum der Fall.  

Anhand der verschiedenen verfügbaren Metriken kann festgestellt werden, ob das Ziel der Sichtbarkeit erreicht wurde. Die hohe Engagementrate bei den Videos von Jordan Bardella beweist einen gewissen Erfolg. Man kann auch durch den Vergleich von Aufrufen und Abonnenten den Erfolg eines Videos bewerten. Die Nutzer, die Fancams auf TikTok oder Twitter posten, haben oft nicht einmal 1.000 Abonnenten, es kann jedoch sein, dass die Videos sehr häufig angesehen werden. Manche haben mehr als 400.000 Aufrufe. Dabei sind die Videos über Jordan Bardella deutlich erfolgreicher als die Fancams von Linkspolitikern. Auf Twitter ist der virale Effekt gemäßigter, weil das soziale Netzwerk weniger für Videoinhalte geeignet ist, während TikTok-Fancams besser funktionieren.

Schließlich bleibt noch die Frage nach der tatsächlichen Wirksamkeit der beschriebenen Sachverhalte. In den TikTok- und Twitter-Kommentaren der Fancams geben einige User an, dass sie zur Wahl gegangen sind, weil die dargestellte Person sympathisch wirkte. Es scheint also einen gewissen Erfolg zu geben, der jedoch schwer zu quantifizieren ist. Fancams dürften die Sichtbarkeit eines Kandidaten beeinflussen, es ist jedoch nur schwer einzuschätzen, wie groß ihr Anteil an der endgültigen Wahlentscheidung ist. Diese Inhalte können zu einem weiteren Element einer gemeinsamen militanten und politischen Kultur werden. Im schlimmsten Fall tragen Fancams zur Verharmlosung von radikalen Inhalten bei und dienen eher der Desinformation denn der Aufklärung.

Für eine abschließende Beurteilung der Fancams und ihrer politischen Effekte ist es zu früh. Es ist allerdings zu erwarten, dass die Bedeutung des Wahlkampfes in den sozialen Medien in den kommenden Jahren weiter zunimmt. Entsprechend gilt es diese Entwicklungen weiter zu beobachten und kritisch zu reflektieren.

Kamala Harris Kandidatur zur US-Wahl, die jüngste Weiterentwicklung des Fancam-Phänomens

Die potentielle Kandidatur von Kamala Harris hat zu einer neuen Verbreitung von Fancams auf Twitter und TikTok geführt. Obwohl diese Fancams denen ähneln, die eben analysiert wurden, lassen sie neue Entwicklungen beobachten.

Ende Juli 2024 wurden die ersten Fancams aus einer im Mai 2023 gehaltenen Rede von Kamala Harris erstellt, in der sie eine Anekdote über eine Kokosnuss erwähnt. Anhand von Liedern aus dem Album „Brat“ der weltbekannten Popsängerin Charli XCX wurde Kamala Harris in den Fancams als „Brat Girl“ dargestellt. Ein Brat Girl bezeichnet eine ehrliche, direkte und etwas unberechenbare junge Frau, die gerne feiert. Es kann auch als feministischer Begriff verstanden werden. Feminismus war bisher in den Fancams wenig thematisiert. Diese neuen Fancams wurden von einem Tweet von Charli XCX unterstützt, in dem sie schrieb „kamala IS brat“. Dieser Tweet wurde 50 Millionen Mal aufgerufen [17], doppelt so oft wie die offizielle Bekanntgabe der Kandidatur von Kamala Harris.

Diese Fancams wurden mittlerweile sehr bekannt und nicht nur in amerikanischen Medien diskutiert, sondern auch in Europa. Es ist abzusehen, dass Inhalte auf sozialen Medien eine gewisse Rolle für die kommende Präsidentschaftswahl spielen werden, weil sie möglicherweise die amerikanische Jugend dazu bringen können, wählen zu gehen. Die 18- bis 34-Jährigen sind übrigens die Wahlberechtigten, die 2020 am wenigsten gewählt haben [18].

 Hier ein Beispiel von einer Harris-Fancam:  https://x.com/kraywhiseheart/status/1815463499990266237

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