Einleitung
In den Debatten über die Rolle sozialer Netzwerke bei Wahlen werden oft die Risiken von Mikrotargeting, Bots und Desinformation[1] thematisiert. Häufig geht es dabei auch um die Sorge, dass rechtsextreme Kräfte die sozialen Medien dominieren – besonders unter jungen Menschen, die sich vor allem online informieren[2]. Bei der Kampagne für die vorgezogenen Bundestagswahlen 2025 konnte sich jedoch nicht die AfD, sondern die Partei Die Linke unter den jungen Wählerinnen und Wählern durchsetzen.
25 % der 18- bis 24-Jährigen stimmten für sie, während die AfD „nur“ auf 21 % kam. Besonders bei jungen Frauen erzielte Die Linke hohe Werte: 35 % wählten sie, im Vergleich zu 16 % der jungen Männer[3]. Auch bei den Erstwählenden war das Ergebnis eindeutig: 27 % entschieden sich für Die Linke – ein Anstieg um beeindruckende 19 Prozentpunkte im Vergleich zu 2021. Selbst bei den unter 18-Jährigen lag die Partei vorne: Fast 21 % gaben an, sie wählen zu wollen[4]. Die AfD bleibt bei diesen Gruppen sehr beliebt: 15 % der unter 18-Jährigen hätten sie gewählt[5], während 24 % der 25- bis 34-Jährigen bei der Wahl tatsächlich ihre Stimme für die Partei abgaben.
Diese Ergebnisse überraschen, da Die Linke auf nationaler Ebene lediglich 8,8 % der Stimmen erreichte und lange Zeit befürchten musste, an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern. Ein zentraler Faktor für ihren Erfolg war die gezielte Nutzung sozialer Netzwerke. Die Partei richtete ihre Kampagne stark auf junge Menschen aus – eine Wählergruppe, die oft unentschlossen ist und sich mit dem aktuellen politischen Kurs unzufrieden zeigt. Die Spitzenkandidatin Heidi Reichinnek hat auf TikTok über 600.000 Follower – deutlich mehr als Robert Habeck (100.000) oder Friedrich Merz (170.000), wenn auch weniger als Alice Weidel (960.000). Ein zentrales Ziel der Online-Kampagne war es, „die digitalen Räume nicht den Faschisten und Neoliberalen zu überlassen“[6], wie es in einem Handbuch der Rosa-Luxemburg-Stiftung, einer nahestehenden Stiftung der Partei Die Linke, heißt.
Dieser kurze Beitrag analysiert die Social-Media-Strategie Der Linken und zeigt, welche Rolle soziale Netzwerke bei ihrem Erfolg unter jungen Wählerinnen und Wählern gespielt haben – und mit welchen Mitteln dies gelang. Interessanterweise ähneln einige dieser Methoden denen der französischen Bewegung „La France Insoumise (FI)“.
[1] Die Jugendlichen sind sich dieses Risikos übrigens bewusst: https://europa.eu/eurobarometer/api/deliverable/download/file?deliverableId=96878
[2]https://library.fes.de/pdf-files/a-p-b/21862-20250226.pdf
[3] Ebd.
[4]https://wahlen.u18.org/wahlergebnisse/bundestagswahl
[5] Ebd.
[6]https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/luxemburg_beitraege/lux_beitr_19_Influencing_web.pdf, S. 3
Die Kampagne der Partei Die Linke
Schauen wir zunächst auf den Wahlkampf Der Linken zurück – eine Kampagne, in der die Partei ums politische Überleben kämpfte. Seit der Abspaltung von Sahra Wagenknecht, die inzwischen ihre eigene Partei gegründet und bei dieser Wahl kandidiert hatte, schien Die Linke dem Untergang geweiht. Lange war unklar, ob sie die nötigen 5 % für den Einzug in den Bundestag überhaupt erreichen würde.
Um dennoch eine Chance auf Parlamentssitze zu wahren, startete die Partei die „Mission Silberlocke“[] – eine Strategie, die sich um die ikonischen Figuren Bodo Ramelow, Gregor Gysi und Dietmar Bartsch drehte. Ihr Ziel: durch die Hintertür der drei Direktmandate ins Parlament einzuziehen. Der Wahlkampf konzentrierte sich stark auf diese populären Persönlichkeiten, wobei von Anfang an Humor eine zentrale Rolle spielte. Schon damals wollte die Partei gezielt junge Menschen ansprechen – etwa durch das Treffen zwischen Gregor Gysi und DJ Gysi (einem DJ, der Gysis Reden remixte) oder Bodo Ramelows Auftritt als geschminkter Metal-Sänger.
Den entscheidenden Wendepunkt brachte jedoch die Abstimmung über einen von der CDU/CSU Ende Januar 2025 eingebrachten Antrag zur Migration. Der Antrag löste massive Kritik und Proteste in weiten Teilen der Gesellschaft aus. Für Die Linke wurde dieser Protest durch Heidi Reichinnek verkörpert: Ihre wütende Rede im Bundestag verbreitete sich viral im Netz und sorgte vor allem bei jungen Menschen für große Sympathie. Dieser Moment stellte eine entscheidende Wende im Wahlkampf dar und führte zu einer Dynamik, die maßgeblich von jungen Wählerinnen und Wählern getragen wurde. Am Ende gelang Der Linken nicht nur die Rückkehr ins Parlament mit über 8 % der Stimmen – sie konnte sich zudem sechs Direktmandate sichern.
Less is more: Eine klare Botschaft für eine größere Verbreitung
In den sozialen Netzwerken hat sich Die Linke gezielt an die Jugend gewandt – und das auf verschiedene Weise. Drei Beispiele veranschaulichen diesen Ansatz und zeigen, welche Strategien sich besonders eignen, um junge Menschen anzusprechen. Das erste Beispiel ist ein Beitrag, in dem die Partei sich selbst mit der Figur Michael Scott aus der US-Sitcom The Office vergleicht. In der Szene sagt Scott – hier als Personifizierung Der Linken – angesichts erster Umfragen, die die Partei über die entscheidende 5 %-Hürde heben: „Ich bin wieder da.“ Das Narrativ des „Comebacks des Jahres“ zieht sich durch zahlreiche weitere Beiträge (z. B. hier oder da). Diese Art des Storytellings funktioniert hervorragend – schließlich lieben viele Menschen Geschichten über triumphale Rückkehrer. Besonders clever ist auch der gewählte Verweis: The Office ist eine extrem beliebte Serie, die viele junge Menschen anspricht. Die Botschaft „Die Partei ist zurück“ wird mit einem bekannten und aussagekräftigen kulturellen Verweis kombiniert – simpel, aber wirkungsvoll. Gerade für junge Menschen, die politische Sprache oft als unverständlich oder wenig authentisch empfinden [8], ist diese klare und humorvolle Kommunikation ein Vorteil. Kurz gesagt, eine klare Botschaft in einem gemeinsamen Verständnisrahmen.
Das zweite Beispiel ist ein Video, in dem die Spitzenkandidatin Heidi Reichinnek das Wahlprogramm Der Linken „rappt“ - unterlegt mit Rap God von Eminem. Auch hier setzt die Partei auf eine geteilte Kultur: Der Song und das Format sind bekannt, gleichzeitig wird ein komplexes politisches Thema kreativ vermittelt. Politische Programme lassen sich in sozialen Netzwerken oft schwer platzieren, weil Inhalte dort kurz und prägnant sein müssen. Doch in diesem Fall hat sich die Idee gelohnt: Das Video wurde über zwei Millionen Mal angesehen – und das, obwohl (oder gerade weil) es in weniger als 40 Sekunden einen Großteil des Parteiprogramms vorstellt. Diese Form der politischen Kommunikation macht Inhalte zugänglich, ohne zu verkopft oder trocken zu wirken.

Das dritte Beispiel ist der Meme-Wettbewerb des Instagram-Accounts die.linke.memes. Obwohl es sich nicht um einen offiziellen Parteikanal handelt, wurde der Wettbewerb vom Karl-Liebknecht-Haus (der Parteizentrale) unterstützt. Hier zeigt sich ein weiterer zentraler Aspekt der Kampagne: das gezielte Schaffen von Engagement. Es reicht nicht aus, bekannte Jugendformate klug zu adaptieren – entscheidend ist, dass die Inhalte auch gesehen und weiterverbreitet werden. Ein Meme-Wettbewerb ist dafür ein ideales Mittel: Er generiert nicht nur eine kostengünstige Werbekampagne, sondern baut auch eine aktive und engagierte Community auf. Wer einmal selbst ein Meme erstellt und eingereicht hat, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder tun – und andere dazu motivieren, ebenfalls mitzumachen.
Auf diese Weise hat Die Linke eine einfache, aber äußerst wirksame Social-Media-Strategie entwickelt. Durch klare, leicht verständliche Inhalte in vertrauten Formaten erreicht sie junge Menschen auf Augenhöhe. Gleichzeitig fördert sie durch interaktive Formate wie Wettbewerbe eine aktive Community, die über ein bloßes Like hinausgeht – und so eine treue, engagierte Anhängerschaft schafft.
Die Linke und La France insoumise: ähnliche linke Strategien
Die Kommunikationsstrategie Der Linken in den sozialen Netzwerken weist viele Parallelen zu der von La France Insoumise (LFI) auf. Das ist wenig überraschend, denn beide Parteien haben ideologische Gemeinsamkeiten – und Jean-Luc Mélenchon hat die Partei „Parti de Gauche“ nach dem Vorbild Der Linken gegründet. Oskar Lafontaine war sogar beim ersten Kongress anwesend.
Ein zentraler Punkt ist die gemeinsame Herangehensweise an soziale Netzwerke. Diese werden nicht als Nebenschauplatz betrachtet, sondern als essenzieller Bestandteil der politischen Kommunikation. Beide Parteien setzen darauf, Inhalte mit einer klaren und einfachen Botschaft zu verbreiten, die gezielt junge Menschen anspricht [9] – häufig in Form von Memes. Darüber hinaus beteiligen sich beide aktiv an der Verbreitung politischer Botschaften auf kreativen Wegen. Während Die Linke im Wahlkampf einen Meme-Wettbewerb unterstützte, verbreitete LFI 2024 zahlreiche künstlerische Zeichnungen ihrer Kandidatinnen und Kandidaten [10] – ein cleverer Anreiz, um noch mehr solcher Illustrationen zu erzeugen. Diese Strategie funktioniert vor allem deshalb, weil beide Parteien auf eine engagierte und aktive Basis setzen, die hilft, Botschaften weitreichend und kostengünstig zu verbreiten.
Ein weiteres gemeinsames Merkmal ist die gezielte Polarisierung. Der politische Diskurs von La France Insoumise ist stark protestgeprägt und schafft eine klare Gegenüberstellung von Wir und Sie. Dieses Muster findet sich auch bei Der Linken. So gibt es eine bewusste Selbstverortung als „Wir“, etwa in dem antifaschistischen Slogan „Wir sind die Brandmauer“. Besonders nach der Abstimmung über den CDU/CSU-Antrag spielte der Antifaschismus eine zentrale Rolle in der Kommunikation der Partei – ein Mittel, um die aus der Empörung entstandene Energie politisch zu nutzen. Gleichzeitig wird der Gegner – das „Sie“ – als Kontrastfigur aufgebaut. Ein Beispiel dafür ist die Verwendung des Songs „Not Like Us“ von Kendrick Lamar, der einen fundamentalen kulturellen Gegensatz zwischen einer antifaschistischen, sozialistischen Bewegung und einem oft bewusst vage gehaltenen politischen Gegner markiert.
Fazit
Die Strategie Der Linken zeigt eindrucksvoll, welche Möglichkeiten es gibt, junge Menschen über soziale Netzwerke zu erreichen. Durch die geschickte Nutzung der Plattform-spezifischen Codes und Elemente der Internetkultur lassen sich politische Inhalte ansprechend und zugänglich gestalten. Die Kombination aus Humor und Politik kann dabei helfen, potenzielle Wähler anzusprechen und langfristig an die Partei zu binden. Tatsächlich scheint Die Linke genau das besonders gut zu beherrschen – der deutliche Anstieg in den Umfragen und die hohen Stimmengewinne bei jungen Menschen sprechen für sich.
Wie wir gesehen haben, ist es Der Linken gelungen, die Anliegen und Interessen der jungen Generation gezielt anzusprechen. Doch es wäre ein Fehler zu glauben, dass diese Wählergruppe automatisch dauerhaft an eine Partei gebunden ist. Junge Wähler sind volatil. 2021 erzielten die Grünen und die FDP in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen starke Ergebnisse (jeweils 23 % und 21 %). Nur vier Jahre später mussten beide Parteien massive Verluste hinnehmen (jeweils 13 und 16 Prozentpunkte weniger). Diese Wechselhaftigkeit dürfte eng mit der Regierungsverantwortung zusammenhängen – und könnte für eine Oppositionspartei wie Die Linke in den kommenden Jahren von Vorteil sein.
Natürlich bleibt eine zentrale Frage: Kann politische Kommunikation im Netz allein auf kurze, humorvolle Formate setzen? Die Antwort ist klar: Nein. Politik erfordert oft tiefere Auseinandersetzungen, als es Social-Media-Inhalte zulassen. Dennoch können kurze, unterhaltsame Formate als Einstieg dienen, um Interesse zu wecken und dann auf ausführlichere Inhalte oder politische Debatten zu verweisen. Diese Strategie verfolgt nicht nur Die Linke – auch andere Parteien wie die SPD nutzen ähnliche Ansätze.
Es kann festgehalten werden, dass soziale Netzwerke kein Ersatz für klassische politische Formate wie Wahlkampfstände oder Podiumsdiskussionen sind, aber sie bieten eine wertvolle Möglichkeit, junge Menschen überhaupt erst zu erreichen und ins politische Geschehen einzubinden. Dabei zeigt sich: Digitale Inhalte können nicht nur emotionalisieren, sondern auch substanziell politische Themen vermitteln. So sind soziale Netzwerke zwar nicht die alleinige Lösung für eine erfolgreiche Jugendmobilisierung – aber sie sind ein entscheidender Baustein. Ein Baustein, den man nicht unterschätzen sollte.


