Anlässlich des Baden-Württemberg Tags 2025 kamen 40 aktuelle und ehemalige StipendiatInnen der Gips-Schüle-Stiftung zu einem Netzwerktreffen zusammen.
Alumni Netzwerktreffen Gips-Schüle-Stiftung StipendiatInnen
Aus Anlass des 60-jährigen Jubiläums der Stiftung und um die 6-jährige Zusammenarbeit des dfi mit der Stiftung zu feiern, sollte für Nachwuchswissenschaftlerinnen, die von der Stiftung gefördert werden oder wurden, ein Rahmen geschaffen werden, in dem sie sich austauschen und vernetzen können. Ebenso sollte es ermöglicht werden, sich miteinander über eigene Erfahrungen und Erlebnisse zu „Europa“ auseinanderzusetzen sowie Themenfelder identifizieren, die aus ihrer Sicht relevant für die zukünftige Arbeit der EU sind.
Der Einladung zu einem Alumni Netzwerktreffen an aktuelle und ehemalige StipendiatInnen der Gips-Schüle-Stiftung sind knapp 40 junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gefolgt.
Nach zwei ausführlichen Workshops haben die jungen Europäer Vorschläge oder Empfehlungen an die Europäische Kommission formuliert, die wir folgendermaßen zusammengefasst haben:
Mehr europäische Identitätsgefühle schaffen
Die EU wird die großen Schritte zu mehr Integration und Problemlösungen nur schaffen, wenn auch die Bevölkerungen unserer Länder den Weg mittragen. Anderenfalls werden die populistischen, im Kern antieuropäischen Parteien bald die Mehrheit erhalten.
Die oft zitierte und auch in unseren Diskussionen genannte „Wertegemeinschaft“ bleibt eine Worthülse, wenn sie nicht durch persönliche Erfahrung und niedrigschwelligen Zugang zu Förderung bzw. Partizipation evident wird. Solch eine konkrete Erfahrung kann sowohl rational als auch emotional erfolgen. Auf der rationalen Wissensebene sollte ein verpflichtendes Schulfach „Europa“ ab der Primarschule oder auf jeden Fall während der Schulpflicht in ganz Europa eingeführt werden.
Eine weitere, absolut mögliche Maßnahme zur Förderung konkreter Zugehörigkeitsgefühle wäre ein Welcome-Set für alle neuen Mitglieder der EU (für Neugeborene und bei Einbürgerung). Einige Mitgliedstaaten haben bereits solche Instrumente und die Bilanz ist sehr positiv.
Auf der emotionalen Ebene ist der Schlüssel eine persönliche Erfahrung der Gemeinsamkeit, bei gleichzeitiger Differenzerfahrung. Diese gilt es zu ermöglichen und zu stärken. Wir schlagen vor, einen verpflichtenden Austausch mit einem Partnerland in die Grund(aus)bildung aller jungen Europäerinnen und Europäer zu integrieren.
Im Anschluss an die Schulpflicht soll ein ebenfalls verpflichtender „sozialer Dienst“ in einem europäischen Partnerland (oder in einem internationalen Kontext im eigenen Land) eingerichtet werden. Dabei kann es sich um Wehrpflicht, Mitarbeit im Katastrophen- und Zivilschutz, um Kulturarbeit oder Mitarbeit in der Pflege handeln. Eine Ausweitung der Erasmus-Programme kann von der EU in diesem Sinne finanziert werden. In diesem Zusammenhang kommt dem verstärkten Ausbau grenzüberschreitender Schnellbahnverbindungen besondere Bedeutung zu.
Und schließlich schlagen wir zur Förderung der Identifikation mit dem europäischen Integrationsprojekt vor, bei der Verteilung von EU-Fördergeldern vor Ort Elemente der Bürgerpartizipation verpflichtend einzuführen. Dies würde gleichzeitig das Bewusstsein fördern, dass die EU für alle Bürgerinnen und Bürger Chancen und Vorteile bedeutet.
Anders kommunizieren
Ein wichtiger Teil unserer Diskussionen drehte sich um die Frage der Kommunikation. Dabei geht es weniger um die Kommunikation insgesamt (die Kommission publiziert sehr viel), sondern eher um die Form der Kommunikation. Positive Narrative sind der Schlüssel, damit alle Menschen den Nutzen und die Faszination spüren können. Für die jüngere Generation ist dabei die Welt der Social Media von entscheidender Bedeutung. Alternative Social Media Plattformen müssen gefördert werden, um die Abhängigkeit von US-amerikanischen und chinesischen Plattformen zu beenden. Diese könnten dann schlicht abgeschaltet werden.
Eine weitere Ebene der Kommunikation sind Symbole und symbolische Aktionen. Warum gibt es nicht einen wirklichen europäischen Feiertag in allen Ländern (der 9. Mai erreicht nicht sehr viele Menschen)? Eine gemeinsame europäische Telefonvorwahl wäre eine weitere Maßnahme, die umsetzbar wäre. Und wenn alle ganz praktischen Errungenschaften (wie der einheitliche USB-Anschluss) als solche gekennzeichnet würden? Dann würden sich viele Menschen erst bewusst, dass Vereinheitlichung nicht nur Schikane ist.
Mehr Souveränität und Zuständigkeit für die EU
Die europäische Souveränität ist heute in aller Munde. Als junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sehen wir vor allem Handlungsbedarf in den Bereichen der epochalen Innovationen: Die EU muss eigene KI-Modelle schaffen und sowohl die Forschung dazu als auch die industrielle Nutzung fördern. Zu den dringendsten Aufgaben gehören auch die Schaffung und Förderung von Quantencomputern. Insgesamt muss die Forschung in diesen Bereichen stark gefördert werden. Zu viele Startups wandern in die USA aus, weil die unternehmerische Entwicklung in Europa durch zu viele administrative Vorgaben behindert wird.
Vetos einzelner Mitglieder verhindern sinnvolle und von der großen Mehrheit getragene Entscheidungen, weshalb Mehrheitsentscheidungen unverzichtbar sind. Wenn dies im Rahmen der bestehenden Verträge nicht einfach umzusetzen ist, müssen einzelne Staaten vorangehen - notfalls durch die Schaffung eines Kerneuropa. Diese Idee ist ja nicht neu und wurde immer wieder vorgebracht. Parallel müssen härtere Sanktionen gegen diejenigen EU-Länder verhängt werden, die sich nicht an die vereinbarten Regeln halten.
Nicht alle Vorschläge sind neu, andere in ihrer Einfachheit überraschend. Wir haben diese Empfehlungen an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gesendet mit der Bitte, sie an den entsprechenden Stellen in die Diskussionsprozesse einzubringen.





