Deutsch französisches Institut:
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Europaseminar nach Straßburg und Lyon

Tour d’horizons

Unter dem Motto „Europa geht uns alle etwas an“ reisten zwölf hoch motivierte Nachwuchswissenschaftler gemeinsam mit dem dfi und der Gips-Schüle-Stiftung nach Straßburg und Lyon.

Begegnung mit der europäischen Komplexität in Straßburg

Die vorwiegend aus naturwissenschaftlichen und technischen Studienfächern rekrutierten Studierenden eint, dass sie ein von der Gips-Schüle-Stiftung finanziertes Stipendium für ihr Studium erhalten. Hierzu müssen sie neben hervorragenden Noten auch ehrenamtliches Engagement nachweisen. Dieses über das eigentliche Studium hinausgehende Engagement zeigten die jungen Menschen auch während der Studienreise, deren Ziel es ist, durch das tiefe Eintauchen in die sozioökonomische Lebenswirklichkeit eines europäischen Partnerlandes das häufig abstrakte Konstrukt „Europa“ näher zu bringen. Neben den europäischen Strukturen soll aber auch das Nachbarland in seiner politischen, sozialen und wirtschaftlichen Realität erlebt werden.

Zum Beginn des diesjährigen Seminars trafen sich die Teilnehmenden in Straßburg – europäische Hauptstadt und deutsch-französische Grenzstadt. Zwei Termine im Europäischen Parlament gaben erste Eindrücke von der Komplexität der Aufgaben, aber auch Erkenntnisse über die Arbeitsweisen dieser Institution. Ein interaktiv gestaltetes Treffen bei der europäischen Ombudsstelle, bei dem der Repräsentant Fallbeispiele präsentierte und mit den Teilnehmenden diskutierte, hinterließ tiefe Spuren:

  • „(…) war das Beeindruckende für mich eigentlich, wie viel Einfluss ein so kleines Team in einem so großen, komplexen Konstrukt wie der EU hat.“ (Carla)
  • „Sie (die Fallbeispiele, SB) zeigten eindrücklich, wie die Ombudsstelle konkret zur Verbesserung der EU-Institutionen beiträgt.“ (Elisabeth)
Ansprechpartner/in
Susanne Binder

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

+49 7141-9303-36

Ebenso spannend war das Treffen mit der neugewählten Abgeordneten und Mitglied des EP, Dr. Andrea Wechsler, da sie

  • „(…) erklärt, wie das Parlament genau funktioniert (…) Es war sehr eindrücklich, mit welcher Begeisterung sie über Europa und Demokratie gesprochen hat. Dieser Europafunke ist von ihr auf uns übergesprungen.“ (Pauline)

Neben dem Kennenlernen dieser großen europäischen Strukturen war es ebenso wichtig, über die Möglichkeiten des grenzüberschreitenden Engagements zu sprechen. Hierzu waren Treffen im „Tiers-Lieu“ Kaleidoscoop vorgesehen. Zwei Vertreterinnen der Maison de l‘Emploi berichteten von ihren Bemühungen, grenzüberschreitend Angebote für Arbeitssuchende anzubieten und damit einen Mehrwert der europäischen Freizügigkeit zu nutzen. Zudem konnte ein Vertreter der Jungen Europäer Oberrhein über die Tätigkeiten seiner Organisation – nicht nur im Grenzgebiet – berichten. Es gab eine angeregte Diskussion mit den Teilnehmenden zu den Zielen und Aufgaben. Der Ort des „Kaleidoscoop“ selbst wurde mit Interesse besichtigt.

Begegnung mit der städtischen Realität in Lyon

Nach einer gemeinsamen Fahrt nach Lyon traf die europäische Komplexität auf städtische Realität. Im Rathaus der Stadt Lyon, das nicht nur durch seine herrlichen, schlossähnlich anmutenden Räumlichkeiten beeindruckt, wurden der Gruppe kommunal organisierte internationale Projekte vorgestellt, die von der EU finanziert werden. Es sind größtenteils best practise Projekte mit Hilfe derer die beteiligten Städte und Kommunen von den Erfahrungen der anderen profitieren. Schöne Beispiele der europäischen Wirksamkeit wurden präsentiert, auf so unterschiedlichen Gebieten wie der Risikoabwägung bei kulturellen Veranstaltungen in der Stadt, dem Wunsch nach gesundem Kantinenessen in Schulen oder dem Versuch, Städte klimaneutral hinsichtlich der Stadtentwicklung, Gesundheitsförderung oder Begrünung zu gestalten. Die Fragen der Teilnehmenden zeugten vom tiefen Interesse an den vorgestellten Projekten.

  • „Die Gegenüberstellung dieser beiden Ebenen – der europäischen und der kommunalen – empfand ich als besonders klug gewählt, inspirierend und lehrreich.“ (Frédéric)

Weitere Termine in der Stadt zeigten neben der Realität einer dynamischen Region auch die Folgen sozialer Ungleichheit mit der Lyon, wie andere Städte auch, zu kämpfen hat. Der Umgang und die Unterstützung für Geflüchtete gab einen Einblick in die für deutsche „Ohren“ ungewöhnliche Trennung von Staat und Kirche in Frankreich und damit dieser sozialen Aufgabe. Studierende, die sich für sozial benachteiligte Kinder engagieren, gaben ein inspirierendes Beispiel für die Teilnehmenden:

  • „Die Mission der AFEV, Studierende zu mobilisieren, um sich freiwillig für die Bewohner benachteiligter Viertel einzusetzen und gegen soziale und schulische Ungerechtigkeiten zu kämpfen, hat mich stark beeindruckt.“ (Yuliia)
  • „[hat mir gezeigt] (…) dass ich aus meiner Komfortzone herausgehen kann und aktiver bei Projekten außerhalb meiner eigenen Thematiken mitwirken sollte.“ (Carla)

Neben einem kulturellen Ausflug ins Conservatoire de la musique de Lyon, das in einem ehemaligen Jesuitenkloster untergebracht ist und von dem aus sich ein hervorragender Blick auf Lyon bietet, konnten die Teilnehmenden während einer Führung zu eher bekannten Angeboten einer Musikschule auch modernste Techniken musikalischer Produktionen kennenlernen.

In europäische Realitäten und Kooperationen führte eine Mitarbeiterin des größten französischen Gasnetzbetreibers ein. Sie präsentierte der Gruppe verschiedene EU-Projekte, die den Umstieg der Gaslieferungen von fossilem auf erneuerbare Energien begleiten. Enge deutsch-französische Kooperationen auf diesem Gebiet lassen teilweise die Differenzen bezüglich der Energiegewinnung (Stichwort Atomenergie vs Grüne Energie) in den Hintergrund treten. Grundsätzlich sind jedoch die deutlichen Bemühungen zu erkennen, das bis zum Jahr 2030 der Umstieg der Gasproduktion und damit auch der Gasspeicherung und -transport auf erneuerbare Energien gelingen kann. Im Mittelpunkt der sehr großen und europaweiten Infrastrukturvorhaben stehen Transportwege für zunehmend nachhaltig produzierten Wasserstoff.

Am letzten Tag der Studienreise stand ein Besuch in der ca. 30 km südlich von Lyon gelegenen Kleinstadt Vienne auf dem Programm. Nach einer interessant gestalteten Stadtführung vorbei an antiker römischer Architektur durfte die Gruppe das Projekt eines deutsch-französischen Architekten kennenlernen. Er hat eine ehemalige Lagerhalle, die in den Felsen gebaut und dem Verfall preisgegeben war, gekauft und mittlerweile ganz nach dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft in ein Büro- und Wohnhaus umgebaut.

  • „Die kreative Nutzung von Recyclingmaterialien und die Integration von bereits bestehenden Strukturen zeigten mir, wie Architektur aktiv alte Gebäude nachhaltig renovieren und umbauen kann.“ (Elisabeth)

Zuletzt erhielten die Teilnehmenden bei der Besichtigung einer Schule in Vienne Einblicke in das französische Bildungssystem. Diese auf agrarwissenschaftliche Schwerpunkte ausgerichtete Schule zeigte auf teilweise spielerische Art, wie mit einem zukunftsweisenden Thema umgegangen wird.

Sehr positives Feedback der Teilnehmenden

Das sehr positive Feedback der Teilnehmenden belegt, dass die Anstrengungen des dfi, ein ausgewogenes und erkenntnisreiches Programm zusammenzustellen, erneut zielführend waren.

  • „Insgesamt war das Seminar eine exzellente Erfahrung, die ich auch im positiven Sinne an meine Kommilitonen übermittelte, falls diese zukünftig auch eine Möglichkeit zur Teilnahme erlangen. Auch die Atmosphäre zwischen den Teilnehmenden und Organisatoren war auf persönlicher Ebene sehr angenehm und hat zu dem positiven Gesamteindruck beigetragen.“ (Jan)
  • „Abschließend möchte ich mich herzlich bei der Gips-Schüle-Stiftung bedanken. Die Organisation eines derart einzigartigen Seminars bietet MINT-Studierenden eine wertvolle Möglichkeit, sich intensiv mit den politischen und gesellschaftlichen Themen im europäischen Kontext auseinanderzusetzen. Ich ermutige alle zukünftigen Stipendiaten, diese einmalige Gelegenheit zu nutzen und freue mich darauf, die während der Woche geknüpften Kontakte weiter zu pflegen.“ (Frédéric)
  • „Trotz dieser Diversität [der Gruppenzusammensetzung, S.B.] glaube ich aber einen gemeinsamen Kern erkennen zu können (…), nämlich etwas mehr Hoffnung auf eine Zukunft, die sich gerade für junge Menschen momentan eher herausfordernd gestaltet. Alles hat auf irgendeine Art und Weise ein wenig Mut gemacht, dass Dinge doch besser werden können, wenn man sich nur aktiv bemüht.“ (Viviane)
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