Deutsch französisches Institut:
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dfi Analyse Nr. 1 September 2026 / Autorin: Eileen Keller

Frankreichs angespannte Haushaltslage

Implikationen für das Wahljahr 2027

Zusammenfassung

Frankreich weist mit 118% der Wirtschaftsleistung den dritthöchsten Schuldenstand der Eurozone auf und verfügt mit 5% (2025) über das zweithöchste Defizit. Das Land befindet sich seit Juli 2024 in einem (derzeit ruhenden) EU-Defizitverfahren und muss, sofern konjunkturelle oder sogenannte außergewöhnliche Gründe nicht ein Verlangsamen bzw. Aussetzen des Konsolidierungspfades begründen, bis 2029 die Neuverschuldung auf die geltenden europäischen Regeln reduzieren.

Zugleich belegen Simulationen des Zusammenspiels von hohem Defizit, hohem Schuldenstand, schwachem Wachstum und weiter steigenden Zinszahlungen, dass der Konsolidierungsdruck auch unabhängig von den europäischen Vorgaben hoch ist, zumal die Sicherheitslage in Europa sowie der Klimawandel unausweichlich einen erhöhten Investitionsbedarf mit sich bringen.

Die vorliegende dfi Analyse untersucht die französische Haushaltslage und die Dynamiken, die diese prägen. Sie stützt sich dabei auf mehrere Analysen und Berichte, die sich im Vorfeld der Wahl(en) 2027 mit der französischen Haushaltslage beschäftigen.

Abstract

At 118 per cent of GDP, France has the third-highest level of debt in the eurozone and, at 5 per cent, the second-highest deficit in 2025. Since July 2024, the country has been subject to a (currently suspended) excessive deficit procedure and, unless cyclical or so-called exceptional circumstances justify a slowdown or suspension of the consolidation path, it must reduce new borrowing to levels compliant with current European rules by 2029.

At the same time, simulations of the interplay between a high deficit, high debt levels, weak growth and further rising interest payments show that the pressure to consolidate is high independently of the European requirements, particularly as the geopolitical threats in Europe and climate change will inevitably entail an increased need for investment.

This dfi Analyse examines the French budgetary situation and the dynamics that shape it, drawing on several analyses and reports that address the French budgetary situation in the run-up to the 2027 election(s).

Die dfi-Analyse

Frankreichs angespannte Haushaltslage

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Eileen Keller
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Eileen Keller

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

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Details

Wichtige Erkenntnisse

  • Frankreichs Haushaltslage ist ernst, aber beherrschbar. Problematisch ist vor allem das anhaltend hohe strukturelle Primärdefizit, also der negative Saldo aus Einnahmen und Ausgaben ohne Zinszahlungen und bereinigt um die konjunkturelle Lage. Frankreich leistet sich dauerhaft ein Ausgabenniveau, das nicht durch entsprechende Einnahmen gedeckt und somit nicht nachhaltig finanziert ist. Ein im europäischen Vergleich umfängliches System der sozialen Absicherung sowie die seit 2017 vorgenommenen Absenkungen bei Steuern und Abgaben für Unternehmen und Haushalte tragen zu den hohen Defiziten bei.   
  • Ohne Reformen wird Frankreichs Staatsverschuldung in den kommenden Jahren weiter steigen. Modellberechnungen erwarten ausgehend vom aktuellen Trend – also ohne Reformen, die die Struktur von Einnahmen und Ausgaben verändern – Schuldenstände von 140 Prozent oder mehr der Wirtschaftsleistung im Jahr 2035 und bis zu 245% im Falle ungünstiger Umstände für 2050 (Tabelle 2). Dazu tragen vor allem die alternde Bevölkerung, der zusätzliche Investitionsbedarf sowie steigende Zinskosten bei.
  • Ein glaubhafter, mehrjähriger Konsolidierungskurs kann den französischen Staatshaushalt langfristig stabilisieren. Um eine weitere Verschuldung zu verhindern, braucht es in den kommenden Jahren Einsparungen in der Größenordnung von etwa 100 Milliarden Euro (Tabelle 3). Im günstigsten Fall kann dies im Einklang mit den europäischen Verschuldungsregeln gelingen. Wird die Trendumkehr weiter aufgeschoben, macht dies den Anpassungsprozess prinzipiell schwieriger und kostspieliger. Wie der politische Weg dahin aussehen könnte, ist allerdings alles andere als klar.
  • Idealerweise sollte ein solcher Konsolidierungskurs durch eine neue Finanzgovernance abgesichert werden. Viele Experten in Frankreich und darüber hinaus sind skeptisch, dass es politisch gelingt, einen solchen mehrjährigen Sparkurs durchzuhalten. Nicht zuletzt die Verhandlungen zum Haushalt 2026 haben gezeigt, wie schwierig es ist, Mehrheiten nicht auch durch höhere Ausgaben bzw. geringere Kürzungen zu „erkaufen“. Eine verbindliche mehrjährige Finanzplanung, Verschuldungsregeln, die den politischen Handlungsspielraum begrenzen sowie eine Stärkung des Mandats des Haut Conseil pour les Finances Publiques könnten, so die Hoffnung, zu einer neuen Finanzkultur beitragen.
  • Wird der Ernst der französischen Haushaltslage im Wahlkampf nicht entsprechend thematisiert, drohen Frankreich weitere Verwerfungen. Frankreich ist auf seinen guten Ruf als verlässlicher Schuldner an den internationalen Finanzmärkten angewiesen – an dieser harten Realität kommt keine neue Regierung vorbei. Teure, nicht glaubhaft gegenfinanzierte oder euroskeptische Wahlversprechen stellen in dieser Hinsicht ein Risiko dar, ebenso wie einseitig auf höhere Einnahmen setzende Konsolidierungsstrategien. Wird im Wahlkampf der Ernst der Lage negiert oder werden Versprechungen gemacht, die der neue Präsident bzw. eine neue Regierung nach der Wahl nicht halten kann, droht das sowieso schon labile Vertrauen in die französische Demokratie weiter zu erodieren.

I. Ausgangslage

Frankreichs Staatsverschuldung beläuft sich auf rund 118% der Wirtschaftsleistung (über 3.550 Milliarden Euro). Das für 2026 anvisierte Defizit liegt bei 5,4%, die Zinslast im laufenden Jahr wird auf 63,6 Mrd Euro (Regierung) bzw. 77,4 Mrd. (Rechnungshof) geschätzt.1 Trotz deutlicher Bemühungen gelingt es der Regierung Lecornu u.a. angesichts der Krise im Mittleren Osten nicht, das zu Jahresbeginn anvisierte Defizit von 5% zu halten. Seit Juli 2024, nachdem die seit der Pandemie ausgesetzten (reformierten) Verschuldungsregeln wieder greifen, befindet sich Frankreich in einem Überschuldungsverfahren (EDP, excessive deficit procedure). Bis 2029 – also zwei Jahre nach den Präsidentschaftswahlen – muss, die 3%-Defizit-Grenze wieder eingehalten werden.

Im innereuropäischen Vergleich verfügte Frankreich hinter Belgien 2025 über das zweithöchste Defizit der Eurozone und nach Griechenland und Italien den dritthöchsten Schuldenstand. Mit 57% der Wirtschaftsleistung hat das Land zugleich hinter Finnland die zweithöchste Staatsquote. Die Möglichkeiten, Einnahmen und Ausgaben über eine Anhebung des Abgabenniveaus in Einklang zu bringen, sind vor diesem Hintergrund begrenzt.

[1] Rapport d’avancement annuel (RAA) 2026, Cours des Comptes (2026).

Insgesamt hat sich die Verschuldungslage der öffentlichen Haushalte in Frankreich deutlich schlechter entwickelt als die der Eurozone insgesamt, wobei divergente Entwicklungen vor allem in den Jahren vor der Finanzkrise (2000-2007) sowie ab 2019 aufgetreten sind.2

Zwischen 2000 und 2024 hat die französische Staatsverschuldung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung um 53 Prozentpunkte zugenommen. Dies ist mehr als etwa in Deutschland (+ 5), Spanien (+44) oder Italien (+27), aber weniger als etwa in den USA und Großbritannien (> + 60 ) im selben Zeitraum. Wesentlich zu den innereuropäisch divergenten Entwicklungen beigetragen hat neben den Konsolidierungsbemühungen der „PIIGS“-Staaten (Portugal, Irland, Italien, Griechenland, Spanien) im Zuge der Euro-Krise auch die über Jahre entgegengesetzte Haushaltsentwicklung in Deutschland (Haushaltsüberschüsse zwischen 2014 und 2019).3 

Frankreichs Bonität hat sich unter diesen Entwicklungen in den letzten Jahren deutlich verschlechtert (vgl. Tabelle 1). Zwei der insgesamt vier Abwertungen der Agentur S&P fanden dabei in den letzten zwei Jahren statt, wobei die politische Lage und der Mangel an Konsens im Hinblick auf den nötigen Konsolidierungsbedarf im Vorfeld der Präsidentschaftswahl 2027 explizit als Risiko erwähnt wird.4

Tabelle 1: Ratingabwertungen Frankreichs (S&P)
Seit Juni 1975Jan 2012Nov 2013Mai 2024Okt 2025
AAAAA+AAAA-A+

Quelle: Eigene Darstellung nach Trading Economics.

[2] Heyer et al. 2025.

[3] Ibid (Heyer et al.).

[4]  S&P: France Ratings Lowered To 'A+/A-1' From 'AA-/A-1+' On Heightened Risks To Budgetary Consolidation; Outlook Stable, 17. Oktober 2025.

Während die Risikoaufschläge auf 10-jährige italienische und spanische Staatsanleihen im Vergleich zu entsprechenden deutschen Bundesanleihen zwischen Mai 2022 und Juli 2026 deutlich gesunken sind, sind die auf französische zeitgleich von 79 auf 81 Basispunkte (bp) leicht gestiegen.5 Frankreich und Italien refinanzieren sich derzeit zu sehr ähnlichen Konditionen, wobei Italien zwar einen höheren Schuldenstand (138% des BIP), zugleich aber einen Primärüberschuss aufweist.

[5] Italien: von 189 auf 79 bp, Spanien: von 105 auf 50; vgl. Jaravel et al. S. 17.

II. Handlungsdruck und Herausforderungen

Seit der Wahl Emmanuel Macrons ist die Staatsverschuldung um 17 Prozentpunkte gestiegen. Die hohen Defizite sind bei konstanten Ausgaben vor allem auf eine Absenkung der Steuerlast zurückzuführen. Dies geschah zunächst im Rahmen des von Präsident Macron verfolgten angebotsorientierten Reformkurses für die Unternehmen und wurde mit der Gelbwestenkrise auf die Haushalte ausgedehnt.6 2025 ist es vor allem dank höherer Abgaben gelungen, das Defizit von 5,8 Prozent des BIP auf 5,1 deutlich zu senken. 

Besonders problematisch an der französischen Haushaltslage ist das anhaltende, hohe strukturelle Primärdefizit – also das negative Haushaltssaldo ohne Zinszahlungen und korrigiert um die konjunkturelle Lage. Während der Wert in der Eurozone zwischen 2010 und 2025 im Schnitt bei -0,3% des potenziellen BIP lag, belief sich der Wert in Frankreich auf -2,3% (Deutschland + 0,5, Italien + 0,9, Griechenland + 4,2).7

Vereinfacht ausgedrückt: Frankreich ist nicht im Defizit aufgrund hoher Zinszahlungen oder weil der Staat die schlechte Konjunktur abfangen muss, sondern weil das Land mehr ausgibt als es einnimmt und somit gewissermaßen dauerhaft über seine Verhältnisse lebt. 2025 belief sich das Primärdefizit auf -3% bzw. 90 Milliarden Euro.8 Besonders hoch im Vergleich zur Eurozone fallen dabei die Ausgaben in den Bereichen Rente, Gesundheit und soziale Absicherung aus.9

[6] Heyer et al. 2025.

[7] Cour des Comptes (2026), S. 101.

[8] https://dettedelafrance.fr/qu-est-ce-que-le-deficit-primaire 

[9] Jaravel et al., S. 25.

Zwei Faktoren erschweren die Stabilisierung der Verschuldungsdynamik:

Erstens, knapp die Hälfte der öffentlichen Ausgaben entfallen auf den Bereich Soziales, insbesondere Rente und Gesundheit, was in Anbetracht einer alternden Bevölkerung ohne Reformen automatisch zu höheren Ausgaben führt. Hinzu kommt der Investitionsbedarf, welcher aufgrund der Sicherheitslage in Europa sowie des Klimawandels (bzw. dessen Folgen) auch zur Vermeidung volkswirtschaftlicher Schäden nötig ist.10

Zweitens, angesichts deutlich gestiegener Leitzinsen verteuert sich der Schuldendienst in den kommenden Jahren zunehmend, da die in der Niedrigzinsphase aufgenommenen Gelder sukzessive zu deutlich höheren Zinskosten refinanziert werden müssen. Bereits zwischen 2020 und 2026 haben sich die Zinszahlungen von 29,7 auf 77,4 Mrd. Euro mehr als verdoppelt.11 Der Zinssatz für 10-jährige französische Staatsanleihen ist im September mit 4,5% auf den höchsten Stand seit 2008 gestiegen (USA 5%). Der spread zu 10-jährigen deutschen Bundesanleihen liegt bei über einem Prozentpunkt. Liegt der durchschnittliche zu zahlende Zinssatz dabei über der Wachstumsrate, was in naher Zukunft der Fall sein dürfte, erschwert dies die Stabilisierung zusätzlich (sog. Schneeballeffekt). 

Ausgehend vom heutigen Trend (ohne Gegensteuern) werden für Frankreich deshalb deutlich weiter steigende Schuldenstände erwartet (vgl. Tabelle 2).

Tabelle 2: Trend-Szenarien für die Entwicklung der französischen Staatsverschuldung (in % des BIP)
 JahrSchuldenstandAnmerkungen
European Debt Sustainability Monitor 2025 (Europäische Kommission)2036144%Aufschläge von bis zu 12 Prozentpunkten in Stresstest-Szenarien
HCSP (Claeys et al.)2035140% (134%; 147%)In Klammern: sehr pessimistisches bzw. sehr optimistisches Szenario
 2050186% (146%; 245%)In Klammern: sehr pessimistisches bzw. sehr optimistisches Szenario
Mission pour la transparence des finances publiques (Jaravel et al.)2030130,5% 
Cour des Comptes (2026)2031119%Günstigstes Szenario (Konsolidierung, aber steigende Zinsen + 100bp) 
  135%Ungünstigstes Szenario (Zinssteigerungen, schwaches Wachstum und steigende Ausgaben) 

Quelle: Eigene Zusammenstellung.

[10] Claeys et al.

[11] Cour des Comptes (2026) : La Situation et les Perspectives des Finances Publiques. S. 70.

Modellberechnungen zeigen zugleich, dass es bei einem glaubhaften mehrjährigen Konsolidierungskurs gelingen kann, die französische Haushaltslage im Einklang mit den europäischen Regeln zu stabilisieren. Der nötige Einsparbedarf für die kommenden Jahre wird dabei, je nach Modell, Szenario und Zeitraum, auf Werte in der Größenordnung von 75 bis 160 Mrd. Euro geschätzt (vgl. Tabelle 3). Hierfür ist bis 2032 ein Primärüberschuss in der Größenordnung von 0,8% des BIP nötig, was im Schnitt in etwa jährlichen Einsparungen von 20 Mrd. Euro gegenüber dem Trendszenario entspricht.12 Zu den möglichen Hebeln, um eine Konsolidierung in der genannten Größenordnung zu erzielen, hat der Conseil d’Analyse Economique (CAE) belastbare Rechengrundlagen zusammengestellt.13

Da sich die Auswirkungen haushälterischer Anpassungen (zu- wie abnehmende Verschuldung) erst mit zeitlichem Abstand in voller Deutlichkeit zeigen, macht jeder weitere Aufschub die Trendumkehr prinzipiell schwerer und folgenreicher im Hinblick auf negative Begleiterscheinungen wie steigende Arbeitslosigkeit oder Wachstumseinbußen. Dies auch ohne dass sich die Refinanzierungskosten durch steigende Risikoaufschläge (spreads) zusätzlich und dies unter Umständen auf sehr unvorhersehbare, sprunghafte Weise verschlechtern. 

Tabelle 3: Schätzungen der nötigen Konsolidierung (in Euro)
 Anpassungsbedarf und ZeitraumAnmerkungen
HCSP (Claeys et al.)140 Mrd. (Wert von 2026) innerhalb von 5 JahrenEinsparung ggü. dem Trendszenario
CAE (Aucler et al.)112 Mrd. bis 2032 (ab 2025), davon 27 Mrd. im ersten Jahr
127 Mrd. bei steigenden Zinsen 
Einschließlich Krisenvorsorge 
Stabilisierung des Schuldenstandes bei 124% des BIP (zentrales Szenario) 
Ofce (Heyer et al.)75-80 Mrd. (Wert von 2025) bis 2029Wachstumsschonender Kurs, der mehr Anpassungsleistung für die Zeit nach 2029 vorsieht; Stabilisierung langfristig bei 110%
Mission pour la transparence des finances publiques (Jaravel et al.) 125 Mrd. (im Wert von 2030) bis 2032
160 Mrd. einschließlich Krisenvorsorge
Setzt einen strukturellen Primärüberschuss von 0,8% des BIP im Jahr 2032 voraus
IAG (Batut et al.)Mindestens 137 Mrd., um die Neuverschuldungsdynamik bis 2040 bei 121% des BIP zu stabilisieren; danach leichter RückgangMittleres Szenario 

Quelle: Eigene Zusammenstellung.

[12] Jaravel et al., S. 18 ff.

[13] Auclert et al. (2025) identifizieren mögliche Ausgabenkürzungen in Höhe von 108 Milliarden Euro, 111 Milliarden an zusätzlichen Einnahmen und 45 Milliarden, die durch Strukturreformen (höhere Einnahmen bzw. niedrigere Ausgaben dank mehr Wachstum) realisiert werden können.

III. Implikationen für 2027

Der oder die NachfolgerIn von Emmanuel Marcron im Elysée-Palast sowie die neue Regierung „erben“ ganz automatisch die angespannte finanzielle Haushaltslage. Schon allein um den europäischen Verpflichtungen des Landes im Rahmen der Währungsunion nachzukommen, müsste die neue Regierung den Konsolidierungskurs fortsetzen bzw. intensivieren. 

Trotz erkennbarer Bemühungen wird die Regierung Lecornu auch angesichts schwieriger Kräfteverhältnisse in der Assemblée nationale die in der mittelfristigen Finanzplanung vorgesehene Reduzierung des Defizits für das laufende Jahr deutlich verfehlen (Tabelle 4). Die zu Jahresbeginn anvisierte Neuverschuldung von 5% für das laufende Jahr musste die Regierung zuletzt auf 5,4% korrigieren. Die Unsicherheiten, die mit der Verabschiedung eines Haushaltes für 2027 verbunden sind, könnten die laufenden Einsparbemühungen konterkarieren, ebenso wie Ausgabenposten, die inflationsindexiert sind.

Tabelle 4: Anvisiertes Haushaltssaldo laut mittelfristiger Finanzplanung (in Prozent des BIP)
 2023202420252026202720282029
Haushaltssaldo-5,5
(-5,4)
-6,1
(-5,8)
-5,0
(-5,1)
-4,6
(-5,4)*
-4,0
(-5,0)*
-3,3
 
-2,8
 

Quelle: PSMT 2025-2029, S. 68 und INSEE. In Klammern: tatsächliche Entwicklung; *anvisiert.

 

Dies führt dazu, dass mehr von der bis 2029 nötigen Konsolidierung in die Zeit nach der Präsidentenwahl fällt, beziehungsweise immer schwieriger zu realisieren wird. Bezeichnenderweise hat die aktuelle Regierung trotz der deutlichen Abweichung für 2026 im April keinen aktualisierten Konsolidierungspfad bis 2029 vorgelegt. Es ist vor diesem Hintergrund möglich, dass das derzeit ruhende Defizitverfahren wieder aufgenommen wird. Dies kann das Verhältnis zwischen Brüssel und Paris belasten.

Insgesamt gibt es wenig Optimismus, dass es den politischen Entscheidern gelingt, sich glaubhaft über mehrere Jahre hinweg zu einem kontinuierlichen Konsolidierungskurs zu bekennen. Expertenseitig werden deshalb auch in Frankreich Reformen gefordert, die den politischen Handlungsrahmen begrenzen, den Fokus stärker auf eine verbindliche mehrjährige Finanzplanung setzen und den Haut Conseil pour les Finances publiques (HCFP) als unabhängige Finanzinstitution stärken. Strebt man derartige Reformen an, sollte dies im Wahlkampf thematisiert werden.

Dass die Risikoaufschläge an den Finanzmärkten trotz der angespannten Haushaltslage bislang relativ niedrig sind, dürfte vor allem der Zugehörigkeit zum Euro und den gemeinsamen Absicherungsmechanismen zu verdanken sein. Auch dem Verhältnis zu Deutschland und dem deutschen Bekenntnis zur Eurozone kommt in diesem Zusammenhang perspektivisch eine wichtige Bedeutung zu.14 Entsprechend aufmerksam dürften die internationalen Geldgeber deshalb die Positionierungen der Kandidaten in europäischen Angelegenheiten verfolgen. 

Dies trifft aufgrund der hohen Umfragewerte ganz besonders auf den Rassemblement National zu, der sich zwar auf dem Papier von einem Austritt aus dem Euro verabschiedet hat und für einen strikten Sparkurs wirbt, dessen europapolitische Positionierungen aber weiterhin Konfliktpotenzial bergen – etwa im Hinblick auf den französischen Beitrag zum EU-Haushalt, Verstöße gegen die Regeln des Binnenmarktes (Stichwort priorité nationale) und das Auftreten im Rahmen der Gremien der Währungsunion. Ähnlich kritische Positionen etwa im Hinblick auf die europäischen Budgetregeln, das Mandat der EZB oder den Umgang mit Altschulden finden sich auch im Linksaußenlager um Jean-Luc Mélenchon. 

Im Hinblick auf das linke Lager insgesamt können Konsolidierungsbemühungen, die einseitig auf steigende Einnahmen durch höhere Abgaben insbesondere für Unternehmen und Vermögende setzen, Frankreich als Wirtschaftsstandort schwächen, das Wirtschaftswachstum beeinträchtigen und ebenfalls zu Verunsicherungen an den Finanzmärkten führen. 

[14] Vgl. auch Éric Chaney (2026): Comment pourrait s’amorcer la crise de la dette française, telos.eu.

Den Kandidaten aus dem Präsidentenlager sowie den langjährigen Regierungsparteien LR und PS kann die unzureichende eigene fiskalische Disziplin in Regierungsverantwortung zum Vorwurf gemacht werden. Ein vom RN-Abgeordneten Kévin Mauvieux als Rapporteur vorgelegter Bericht hebt etwa auf diesen Umstand ab.15

[15] Rapport d’information déposé en application de l’article 146 du règlement par la Commission des finances, de l’économie générale et du contrôle budgétaire sur l’effet boule de neige de la dette, S. 21.

IV. Fazit

Angesichts der ernsten Lage, der sich jede neue Regierung stellen muss, wäre es von übergeordneter Bedeutung, dass der Wahlkampf im Hinblick auf die fiskalischen Handlungsspielräume keine unerfüllbaren Begehrlichkeiten weckt. Teure Wahlversprechen, die nicht glaubhaft gegenfinanziert sind, stellen ein Risiko dar. Werden sie eingelöst, kann dies zu einem Vertrauensverlust an den Finanzmärkten und, in einem extremen Szenario, zu einer französischen Staatsschuldenkrise führen. Hält die neue Exekutive nicht, was sie vor der Wahl versprochen hat, könnte das labile Vertrauen in die französische Demokratie weiter erodieren. 

Entsprechend wichtig wäre über alle politischen Lager hinweg ein realistischer Blick im Wahlkampf auf die fiskalische Handlungsfähigkeit des Landes, der die Bevölkerung auf die nötige Trendumkehr einschwört. Nur so kann die neue Exekutive mit starkem Mandat den bereits eingeschlagenen Haushaltskurs als gesamtgesellschaftlichen Kraftakt zur Stärkung der Zukunftsfähigkeit des Landes fortführen (bzw. intensivieren), unter Berücksichtigung der jeweils spezifischen eigenen Prioritäten.

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