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Frankreich unregierbar?

Nach den Parlamentswahlen
dfi-analyse Juli 2024

Nach den von Emmanuel Macron überraschend angesetzten Parlamentswahlen am 30. Juni und 7. Juli 2024 kann festgehalten werden, dass die vom Präsidenten gewünschte „Klärung“ (clarification) nicht eingetreten ist – oder höchstens in dem Sinne, dass die in der französischen Gesellschaft seit längerem bestehenden politischen Trends noch verstärkt wurden: Die Gesellschaft ist politisch in drei fast gleichgroße Blöcke gespalten, die sich unversöhnlich gegenüberstehen. Die politische Debatte wird von radikalen und extremen Forderungen befeuert und dominiert. Die lautesten Töne kommen dabei von „populistischen“ Parteien, die noch nie Regierungsverantwortung übernommen haben. Interessanterweise sind sich linksextreme (LFI) und rechtsextreme (RN) Akteure darin einig, jeweils nur dann den Regierungsauftrag akzeptieren zu wollen, wenn sie alleine an die Macht kommen. Die Suche nach Mehrheiten und Kompromissen, das Wesen demokratischer Politik, lehnen sie damit ab[1].

Allerdings fehlt derzeit eine Partei, die mit einem überzeugenden alternativen Regierungsprogramm Präsident Macron gefährlich werden könnte. Die früheren liberal-demokratischen Regierungsparteien (Parti socialiste und Les Républicains, d.h. Sozialdemokraten und bürgerliche Rechte) erfüllen diese Rolle derzeit nicht und so sind mehr und mehr Wählerinnen und Wähler bereit, für Parteien am linken und rechten Rand zu stimmen. Trotz aller Erfolge – insbesondere der extremen Rechten – zeigt sich jedoch, dass eine deutliche Mehrheit der Wählerschaft einer möglichen Machtübernahme durch den Rassemblement national (RN) skeptisch bzw. ablehnend gegenübersteht. Wie kann es in dieser Lage weitergehen? Die vorliegende Analyse will zunächst den Wahlausgang zusammenfassen und die daraus sich ergebenden Konsequenzen beleuchten, dann die gesellschaftlichen Hintergründe des Wahlausgangs skizzieren und schließlich einige Konsequenzen für Europa und Deutschland angesichts der möglichen Entwicklungen benennen.

 


[1] Terminologisch wird deshalb in diesem Artikel unterschieden zwischen „liberal-demokratischen“ Parteien, die die Grundlagen von Mehrheitsentscheidungen und Rechtsstaatlichkeit im Rahmen des politischen Systems der französischen Republik akzeptieren bzw. verteidigen. Ihnen stehen „extreme“ Parteien gegenüber, die das liberal-demokratische System überwinden oder entkernen wollen. Insbesondere auf der extremen Rechten haben Reconquête und Rassemblement national (RN) Positionen formuliert, die sich bspw. gegen die Verfassungsgerichtsbarkeit wenden oder das Staatsangehörigkeitsrecht fundamental verändern wollen. Auch bei den Linken finden sich extreme Standpunkte, die etwa die Gültigkeit der EU-Verträge oder den Vorrang des EU-Gemeinschaftsrechts ablehnen. Diese Parteien werden hier deshalb als „extrem“ bezeichnet. Das französische Innenministerium klassifiziert seinerseits offiziell die verschiedenen Parteien, um den Wählerinnen und Wählern eine Orientierung zu ermöglichen. Das Innenministerium ordnet Reconquête und Rassemblement national als rechtsextrem ein (extrême droite), das Linksbündnis NFP, die kommunistische PCF und LFI als links (gauche). Linksextrem (extrême gauche) sind demnach Parteien außerhalb des Parlaments, etwa die trotzkistische Parti des Travailleurs oder die Nouveau parti anticapitalisate (NPA). Der RN ist gegen diese Einordnung gerichtlich vorgegangen, das höchste Verwaltungsgericht Frankreichs (Conseil d’Etat) hat sie jedoch bestätigt.

Stefan Seidendorf
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Ausgang der Wahlen: drei große Blöcke, keine Mehrheit

Der Logik des Wahlsystems und der Tradition der französischen V. Republik folgend, haben sich nach der ersten Wahlrunde am 30. Juni in den meisten Wahlkreisen, in denen drei oder mehr Kandidaten in der Stichwahl standen, die am schlechtesten platzierten Bewerber zurückgezogen, um eine „unbeabsichtigte“ Wahl der Kandidaten der extremen Rechten zu verhindern. In Frankreich wird diese Form der „Brandmauer gegen Rechts“ als front républicain bezeichnet. Trotz aller Schwierigkeiten im Einzelnen konnte sich letztendlich in den meisten Fällen auch das Zentrum oder die bürgerliche Rechte der Legitimität dieser Logik nicht entziehen und stimmte im Zweifel auch für weit links stehende Kandidaten und somit gegen Bewerber der extremen Rechten. So zogen sich in 217 Wahlkreisen Kandidaten zurück und forderten dazu auf, einen besser platzierten Konkurrenten aus dem gegnerischen Lager zu unterstützen, um einen Erfolg des Rassemblement national in diesen Wahlkreisen zu verhindern. Im Detail traten 130 Kandidaten des Linksbündnisses und 81 des Bündnisses Ensemble pour la République, das Emmanuel Macron unterstützt, nicht zur Stichwahl an.

Von Seiten des Rassemblement national (RN) und der ihn unterstützenden Medien wird nun das Narrativ einer „gestohlenen Wahl“ verbreitet. Die „Systemparteien“ hätten sich verbündet, um den Erfolg der extremen Rechten zu verhindern. Diese Argumentation ist leicht als das zu durchschauen, was sie ist, nämlich der Versuch des RN, das im Vergleich zu den Erwartungen nach dem ersten Wahlgang für die Partei doch enttäuschende Abschneiden auf äußere Faktoren abzuschieben: Die Wählerinnen und Wähler hatten in jedem Fall die Wahl zwischen einem republikanischen Kandidaten und dem Kandidaten des RN. Wo Anhänger Macrons für einen linken oder sogar linksextremen Kandidaten stimmten, war dies eine bewusste Absage an die extreme Rechte. Genauso, wenn Anhänger des linken Blocks für Macron (oder die wenigen verbliebenen Gaullisten) stimmten, um den Sieg des RN in ihrem Wahlkreis zu verhindern. Die Wahl wurde also nicht gestohlen, sondern es war eine bewusste Abstimmung einer Mehrheit der Französinnen und Franzosen gegen den Rassemblement national und die im Bereich des Möglichen stehende Übernahme der Regierungsmacht durch diese Partei: In absoluten Zahlen entfielen zwar 8,7 Millionen Stimmen auf den RN und 1,3 Millionen auf seine Verbündeten, die 7 Millionen Stimmen für das Linksbündnis und die etwa 6,3 Millionen für Macrons Bündnis ergeben jedoch zusammen eine deutliche Mehrheit gegen die extremen Rechten.

Zur Ablehnung des RN hat dabei beigetragen, dass zwischen den Wahlgängen deutlich wurde, dass die Partei entgegen ihrer Behauptungen doch nicht auf die Übernahme von Regierungsverantwortung vorbereitet war. Vor dem zweiten Wahlgang entpuppten sich zahlreiche Kandidaten des RN als offensichtlich überfordert oder ungeeignet (Personen, die unter Vormundschaft standen und deshalb nicht wählbar waren, oder die in der Vergangenheit wegen einer Geiselnahme verurteilt worden waren), oder fielen mit extremistischen Äußerungen in den sozialen Netzwerken auf. Dazu kam, dass es offensichtlich kein konkretes Wahlprogramm gab und stattdessen auf Elemente aus dem Programm der Präsidentschaftswahl 2022 zurückgegriffen werden musste. Diese wurden jedoch bei Bedarf auch wieder als „nicht mehr“ gültig bezeichnet – so bspw. die Forderung Marine Le Pens (im Wahlprogramm 2022 enthalten), aus der NATO auszutreten und sich mit Russland in einem Vertrag auf dem Rücken der Ukraine zu einigen. Auch die Äusserung, nur dann Regierungsverantwortung übernehmen zu wollen, wenn eine absolute Mehrheit und damit eine Alleinregierung möglich sei, schreckte viele Wähler letztendlich ab.

Hintergrund: Das französische Wahlsystem

Das französische Wahlsystem basiert auf dem Mehrheitswahlrecht. In jedem der 577 Wahlkreise wird die Person gewählt, die die meisten Stimmen auf sich vereinen kann.

Im Gegensatz zum oft als extrem ungerecht beschriebenen britischen Mehrheitswahlsystem gibt es in Frankreich zwei Wahlgänge, wobei in der Stichwahl im zweiten Wahlgang mehr als zwei Kandidaten antreten können – nämlich alle diejenigen, die im ersten Wahlgang in einem Wahlkreis die Stimmen von mindestens 12,5% der registrierten Wählerinnen und Wähler auf sich vereinen können.

Damit soll gewährleistet werden, dass die Vorteile des Mehrheitswahlsystems – die direkte Verbindung der Abgeordneten zu ihren Wahlkreisen und die im Regelfall klaren Mehrheitsverhältnisse – mit der Möglichkeit verbunden werden, unterschiedliche demokratische Präferenzen nuancierter auszudrücken. Insbesondere der erste Wahlgang erlaubt, auch Kandidaten mit wenig Aussicht auf Erfolg zu unterstützen – um im zweiten Wahlgang dann strategisch, gegebenenfalls für das „kleinere Übel“ zu stimmen.

Im Ergebnis stehen sich nun drei scheinbar unvereinbare „Blöcke“ gegenüber. Diese Sichtweise überdeckt jedoch, dass sich dahinter eine rekordverdächtige Zahl von elf Fraktionen („Gruppen“) im Parlament verbergen. Die meisten davon haben sich im Vorfeld der Wahl einem der Wahlbündnisse angeschlossen. Das trägt nun zu den offensichtlichen Schwierigkeiten der „Blöcke“ bei, sich untereinander zu verständigen und als Koalition oder in einer anderen Form von Kooperation gemeinsam Regierungsverantwortung zu übernehmen.

Auch diese Konstellation erklärt sich aus der Logik des politischen Systems und insbesondere des seit 1958 (mit Ausnahme der Parlamentswahl von 1984) angewandten Wahlrechts. Das Mehrheitswahlrecht erlaubt es kleineren Parteien, ihre Chancen auf den Gewinn eines Wahlkreises und sogar des Einzugs in das Parlament zu maximieren, indem sie sich vor dem ersten Wahlgang absprechen, dann erneut zwischen den Wahlgängen. Diese Absprachen zu Wahlbündnissen sind dabei keineswegs Lappalien, sondern benötigen ausdauernde Verhandlungen, harte Kompromisse und schwierige Entscheidungen. Dafür steht beispielhaft das Linksbündnis Nouveau front populaire (NFP), das sich in Rekordzeit über Fragen einigen konnte, die die beteiligten Parteien - Parti socialiste (PS), La France Insoumise (LFI), Grüne und Kommunisten (PCF) – eigentlich deutlich voneinander trennen. Unter anderem setzte sich der PS etwa bei der Klassifizierung der Hamas als „Terrororganisation“ durch (zuvor von der linkspopulistischen LFI abgelehnt), ebenso bei dem Bekenntnis zur weitergehenden Unterstützung der Ukraine oder bei einem konstruktiveren Verhältnis zur Europäischen Union. Man stelle sich etwa eine vergleichbare Wahlplattform in Deutschland vor, der eine Einigung zwischen SPD und Der Linken zugrunde liegt, unter Einbeziehung der Grünen und des BSW. Auf der Grundlage der erreichten programmatischen Kompromisse können sich die beteiligten Parteien dann bei der Aufstellung ihrer Kandidatinnen und Kandidaten in den Wahlkreisen absprechen und hier strategisch vorgehen (sich also nicht gegenseitig Konkurrenz machen, sondern der Wählerschaft nur eine einzige „linke“ Kandidatur anbieten). In gewisser Weise finden in Frankreich die Koalitionsgespräche also bereits im Vorfeld der Wahl statt, gehen allerdings kaum über ad hoc-Absprachen hinaus. Umso schwieriger werden dann erneute Koalitionsgespräche nach der Wahl, wenn es konkret um die Übernahme von Regierungsverantwortung geht und sich Fragen politischer Gestaltungskraft stellen.

Konsequenzen: schwierige Mehrheitsfindung

Die direkte Konsequenz der beschriebenen Logik ist eine verstärkte Blockbildung, die in „normalen“ Zeiten sogar ein erwünschter Effekt ist – das französische Parteiensystem war seit 1958 bipolar um die beiden großen Pole links und rechts der Mitte organisiert, was den regelmäßigen demokratischen Wechsel erlaubte. Macrons Wahlsieg 2017 und seine bewusste Ablehnung dieser Bipolarität hat jedoch dazu geführt, dass auf der Linken die wenigen verbliebenen Sozialisten sich der extremen Linken zuwandten, auf der Rechten die im bürgerlichen Lager verbliebenen Républicains intern gespalten sind zwischen den Vertretern eines Bündnisses „aller Rechten“ unter Einbeziehung des RN und den Gegnern einer solchen Verbindung.

Angesichts dieser Zuspitzung, die durch das (semi-)präsidentielle System und die dort angelehnte Blockbildung nochmals befördert wird, ist es nun nach der Wahl umso schwieriger, die innerhalb der Wahlbündnisse erreichten Kompromisse und Maximalforderungen wieder aufzugeben, um mögliche alternative Mehrheiten und Koalitionen zu verhandeln. In der derzeitigen Debatte lehnen weite Teile des linken Bündnisses jede Zusammenarbeit mit Ensemble, der Macron unterstützenden Wahlplattform, ab – die dort beteiligten Parteien positionieren sich ihrerseits gegen bestimmte Parteien und Politiker des linken Bündnisses, verlangen also von diesem, die gerade neu gefundene Einheit aufzugeben bzw. das Bündnis aufzubrechen.

Mögliche Bündnisse und Stimmengewichte

KoalitionSitze: 577
Mehrheit: 289
Ensemble (Macron, 173 Sitze) + NFP (Linke 196)369-372
Ensemble (Renaissance 98 und Modem 33 ) + Linke (118, ohne LFI, PCF)244
PS (64), div. Linke (13), Ensemble (173), LR/UDI/Droite (61)298-311
Ensemble (173) + LR/UDI/Droite (61)234
RN (143) + LR / UDI / Droite (61)204

Minderheitenregierung kaum denkbar

In dieser Situation wird es keine einfachen Lösungen geben, die sich quasi „von selbst“ aufdrängen. Die zahlenmäßig größte Partei ist das Rassemblement national mit 126 Abgeordneten, mit dem jedoch außer den abtrünnigen Konservativen um Eric Ciotti (17 Abgeordnete) keine andere Partei koalieren will. Ihm steht das größte ParteienbündnisNouveau front populaire (NFP, „neue Volksfront“) auf der Linken gegenüber mit 196 Abgeordneten. Schließlich liegt zwischen RN (einzelner Partei) und NFP (linkes Parteienbündnis mit acht Parteien) die Plattform, die Präsident Macron unterstützt (Ensemble, mit sieben Parteien), mit 173 Abgeordneten.

Eine Minderheitenregierung scheint in dieser Lage kaum denkbar, denn alle Akteure sind zu weit von einer Mehrheit (289 Sitze) entfernt, um darauf hoffen zu können, mit wechselnden Partnern von Fall zu Fall Gesetze verabschieden zu können. Eine förmliche Koalition wäre möglich zwischen Linken und Ensemble (zusammen 369-372 Sitze), würde aber die Bereitschaft voraussetzen, sich gegenseitig in Gänze anzuerkennen – im Klartext, unter Einbeziehung der populistischen Linken Jean-Luc Mélenchons zu regieren. Ein Bündnis der Mitte mit Grünen und Sozialisten, unter Ausschluss der Linkspopulisten (LFI) und Kommunisten (PCF), käme auf 244 Sitze, wäre also ohne Mehrheit. Sozialdemokraten und Grüne müssten dafür außerdem ihr gerade gegründetes linkes Bündnis aufgeben. Eine solche Koalition wären nur dann mehrheitsfähig, wenn zumindest ein Teil der verbliebenen Gaullisten (LR) ihrerseits bereit wären, sich auf eine Kooperation nicht nur mit Macrons Gefolgschaft, sondern auch mit den von ihnen stark bekämpften linken Sozialisten und Grünen einzulassen. Ensemble und die Gaullisten kämen ihrerseits zusammen auf 214 Stimmen, auch das zu weit von der Mehrheit von 289 Sitzen entfernt.

Derzeit scheint keine einzige dieser Optionen realisierbar. Auch ein denkbares Bündnis (oder eine fallweise Unterstützung) eines Premierministers aus den Reihen der extremen Rechten mit den Républicains hätte noch keine Mehrheit (204 Sitze), und würde zunächst voraussetzen, dass Präsident Macron einen entsprechenden Kandidaten zum Premierminister ernennt.

Gesellschaftliche Konflikte und Auswirkungen auf das politische System

In dieser Situation muss die Suche nach möglichen Mehrheiten neben den aktuellen politischen Kräfteverhältnissen auch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Realitäten des Landes einbeziehen. Wie gesehen, ist die französische Gesellschaft derzeit politisch tief gespalten. Es bedürfte also mit Sicherheit eines gemäßigten Kandidaten, der konsens- und anschlussfähig ist und gleichzeitig über den nötigen Rückhalt verfügt, um Kompromisse zu schließen – das scheint Kandidaturen der extremen Rechten oder Linken auszuschließen. Andererseits würde ein Vertreter aus Macrons Parteienbündnis kaum über den Rückhalt und die nötige Legitimität verfügen, um der gemäßigten Linken und Rechten Kompromisse abzuringen. Zu sehr ist die Person Macrons und seine Bewegung mit der Entscheidung zu den Neuwahlen verknüpft, und zu deutlich hat das Parteienbündnis Ensemble an Ansehen und Abgeordneten verloren, um jetzt als Wahlverlierer dennoch den Posten des Premierministers beanspruchen zu können.

Die Regierungspraxis eines solchen Kompromisskandidaten wird sich außerdem in Zukunft nicht mehr auf diejenigen Instrumente der Verfassung der V. Republik stützen können, die den „rationalisierten Parlamentarismus“ begründeten – also die besonders starke Rolle der Exekutive. Dazu gehören insbesondere der Verfassungsartikel 49.3, der es der Regierung erlaubt, das parlamentarische Verfahren abzukürzen und einen Gesetzesvorschlag mit einem Misstrauensvotum zu verbinden. Gelingt es dem Parlament nicht, die Regierung zu Fall zu bringen, gilt das Gesetz als angenommen. Auch die weitreichenden Möglichkeiten, mit Verwaltungserlassen (décret) Gesetze außer Kraft zu setzen oder im Sinne der Exekutive auszugestalten, scheint kaum mit einer Situation vereinbar, in der sich die Regierung Mehrheiten im Parlament erarbeiten muss.

Ein Blick auf die wirtschaftlichen Realitäten zeigt zweitens, dass die Spielräume für jede Regierung extrem eingeschränkt sein werden. Bereits vor den Neuwahlen war der französische Staatshaushalt durch ein sehr hohes Defizit (5,5% 2023, nach 4,7% 2022) bei fortbestehendem hohen Schuldenstand (über 110% des PIB) gekennzeichnet. Beides wurde von der Regierung mit den nachwirkenden Folgen der Coronakrise und den Kosten für den notwenigen Umbau des Wirtschaftssystems hin zu einem klimafreundlicheren, energieeffizienteren und nachhaltigeren Modell begründet. Dabei haben die bisher unter Präsident Macron realisierten Reformen und Programme sich durchaus positiv auf die französische Wirtschaft ausgewirkt, was zu einer Senkung der Arbeitslosenzahlen und einer Verbesserung des Investitionsklimas geführt hat, aber eben unter Inkaufnahme eines erheblichen Haushaltsdefizits und einer erheblichen gesellschaftlichen Polarisierung. Die ersten Reaktionen der Finanzmärkte auf das Ergebnis der Neuwahlen lassen vermuten, dass diese alle mit Ausgabenerhöhungen verbundenen Politiken deutlich abstrafen würden. Damit verbieten sich ebenfalls die extrem kostspieligen Vorschläge des linken (wie des extrem rechten) Programms.

Schließlich können noch die gesellschaftlichen Bruchlinien und Präferenzen herangezogen werden, um die möglicherweise zustimmungsfähigen Kompromisslinien bei der Suche nach einer neuen Regierung in Frankreich zu identifizieren. Einerseits lässt sich mit guten Gründen argumentieren, dass es den Wählerinnen und Wählern mehrheitlich um „rechte“ Themen ging – sie führen über die verschiedenen Lager hinweg Immigration, Sicherheit und Identität als wichtige Sorgen und Themen an, die ihre Wahl beeinflusst haben. Dazu gehört auch, dass auf den RN insgesamt über 10 Millionen Stimmen entfallen sind, während das Linksbündnis etwa 7,4 Millionen Stimmen auf sich vereinen konnte, auf die Unterstützer Macrons entfielen 6,4 Millionen Stimmen. Diese Themen und die damit verbundenen Sorgen müssten adressiert werden – jedoch nicht notwendigerweise über die im rechten und rechtsextremen Lager diskutierten Ansätze.

Daneben fällt jedoch auf, dass durch alle politischen Lager die Themen „Kaufkraft“ und „Sorge um das Wirtschaftssystem“ weit oben bzw. an der Spitze liegen. Auch bei den Analysen der Debatten im Internet und qualitativen Untersuchungen steht der Wunsch nach „mehr Gerechtigkeit“ weit oben, dekliniert als „soziale Gerechtigkeit“ und „ökologische Gerechtigkeit“. Auch diese Themen wären zu adressieren. Mit über 3 Millionen Angestellten des privaten Sektors (17,3% aller Angestellten, ohne Landwirtschaft) ist der Anteil der Bezieher des Mindestlohns inzwischen (2023) so hoch wie seit 1991 nicht mehr. 2021 waren es 12%, 2022 14,5% der Angestellten. Zusammen mit den durchaus spürbaren Sparanstrengungen in der Daseinsvorsorge (Gesundheit, Bildung, Mobilität) führt diese Entwicklung zu erheblichen Spannungen, die sich in erster Linie als Bruchlinien zwischen den dynamischen Metropolen und dem eher statischen und fragilen ländlichen Frankreich manifestieren. Die Regierungszeit Emmanuel Macrons war seit 2017 mehrfach durch zum Teil äußerst gewalttätige Protestbewegungen gekennzeichnet, angefangen bei den „Gelbwesten“, über die Proteste gegen die Rentenreform bis zu den vorstädtischen Unruhen, die sich im Juli 2023 am Tod eines Jugendlichen bei einer Polizeikontrolle entzündeten. Die damit verbundenen Spannungen und Konflikte durchziehen die Gesellschaft und stellen ein erhebliches Problem bei der Definition konsensfähiger Politiken dar. Emmanuel Macron und seine Regierungen haben es bisher nicht vermocht, diese Spannungen überzeugend zu adressieren und Politiken oder zumindest einen Prozess zu definieren, die dem Verlust gesellschaftlicher Kohäsion entgegenwirken könnten.

In den Nachwahlbefragungen zeigt sich das Bild einer verunsicherten Gesellschaft, die auf der Suche nach Orientierung und Antworten ist. Der Wahlkampf, den insbesondere die extreme Rechte mit angstbesetzten Themen (Sicherheit, Immigration, wirtschaftlicher Abstieg) geführt hat, verstärkte diese Gefühle noch, allerdings ohne tragfähige Antworten zu skizzieren.

Ein politisches Projekt, dem es gelingen soll, diese Spaltung zumindest in Teilen zu überwinden und die beschriebenen gesellschaftlichen Spannungen abzubauen, müsste vermutlich auf der Basis breiter parlamentarischer Mehrheiten entwickelt werden (s. oben) und sich zusätzlich auf die gesellschaftlichen Interessenvertreter und Zwischengewalten stützen, die im Rahmen eines breiten Prozesses einbezogen und gehört werden müssten. So hatte bspw. die gemäßigte Gewerkschaft CFDT im Rahmen der Rentenreformdebatte einen eigenen Vorschlag entwickelt, der durchaus in die Beratungen hätte einfließen können, letztendlich von Präsident Macron aber abgelehnt wurde.

Konsequenzen für Deutschland und die EU

Aus dieser Beschreibung des Wahlausgangs ergibt sich auch für Frankreichs Partner und Verbündete in Europa eine schwierige Situation. Frankreich wird in nächster Zeit mit innenpolitischen Fragen beschäftigt sein und für weitreichende Initiativen und Vorschläge, wie diese in der Vergangenheit, nicht zuletzt von Präsident Macron, formuliert wurden, kaum noch den Spielraum finden. Gleichzeitig bleibt Frankreich aber wirtschaftlich und demographisch zu groß und sein institutionelles Gewicht im Europäischen Parlament und im Rat der EU zu wichtig, als dass es ignoriert oder übergangen werden könnte. Das Wahlergebnis in seiner ganzen Widersprüchlichkeit muss also zunächst als Ausdruck demokratischer Willensbildung auch von Frankreichs Partnern ernstgenommen werden und sollte deshalb eingehend analysiert werden.

Unabhängig von der Mehrheitsbildung wird es darum gehen, rasch ein Arbeitsverhältnis zu einer neuen französischen Regierung zu entwickeln, die möglicherweise auch Politiker umfassen wird, die Deutschland gegenüber ablehnend oder skeptisch eingestellt sind, . Dabei sollte im Mittelpunkt stehen, solche gemeinsamen europäischen Projekte zu identifizieren, die genügend Mehrwert für alle Beteiligten bieten, um sich auf politisch kostspielige Kompromisse einzulassen. Die Fragen der Ausgestaltung der ökologischen Transformation auf EU-Ebene und die notwendigen sozialen Begleitmaßnahmen könnten dabei ganz oben auf der Agenda stehen.

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