Bilingualer Sachfachunterricht und Abibac auf Réunion
Wenngleich der bilinguale Sachfachunterricht auf La Réunion sicherlich die gleichen grundlegenden Charakteristika und Zielsetzungen hat wie im französischen Mutterland und letztlich auch jenen in Deutschland vergleichbar sein dürfte, wenn auch natürlich die Zielsprachen umgekehrt sind, so weist er doch in einem Schulamtsbezirk, der auf einer fast 10 000 km von Paris entfernten Insel in einem Übersee-Departement im Südwesten des Indischen Ozeans liegt, besonders für die beteiligten Schüler einen ganz unbestreitbaren, pädagogischen und persönlichen Mehrwert auf und besitzt daher dort auch für die Position des Deutschunterrichts einen ganz besonderen Stellenwert.
Grundsätzlich trägt natürlich auch auf dieser Insel die Tatsache, dass in den Europaklassen gewisse Punkte des Lehrplans, hauptsächlich im Fach Geschichte-Geografie, in einer Art Wahlfach in ein bis zwei Wochenstunden zusätzlich nochmals auf Deutsch vertieft werden, vor allem zu einer deutlichen Verbesserung der mündlichen Sprachkompetenz der Schülerinnen und Schüler in der Zielsprache Deutsch bei. Im Abibac liegt selbstverständlich auch auf Réunion der Akzent eher auf dem schriftlichen Ausdruck und Verständnis, ganz speziell, was die Prüfungsanforderungen in Geschichte und Erdkunde betrifft, wo der Unterricht naturgemäß auf Deutsch stattfindet, selbst wenn im Literaturunterricht natürlich auch hier das Mündliche nicht zu vernachlässigen ist.
Neben der Vertiefung der Sprachkompetenz sind es jedoch ganz unleugbar namentlich die internationale Öffnung und Vernetzung des Schulsystems, die auf Réunion, einer Region der Europäischen Union in äußerster Randlange, die im oftmals zudem projektbezogenen Sachfachunterricht in der Fremdsprache vor allem zum Tragen kommen. Natürlich ist dies auch im restlichen Sekundarbereich der Fall, aber sämtliche acht Lycées der Insel, die derzeit noch über Europaklassen in Geschichte-Geografie verfügen, sowie auch die beiden Abibac-Schulen Réunions, legen ganz besonderen Wert auf regelmäßigen Schüleraustausch mit deutschen Partnerschulen, wobei stets auch der bilinguale Sachfachunterricht im Zentrum der pädagogischen Projekte steht. Auch dies ist wiederum gewiss in Frankreich und Deutschland nicht anders.
Aber in diesem Zusammenhang muss man sich vergegenwärtigen, dass die reunionesischen Schüler anlässlich der Austauschaufenthalte in Deutschland ihre Insel nicht selten zum allerersten Mal in ihrem Leben überhaupt verlassen, was die Situation einschließt, eine gewisse Zeit außerhalb der gewohnten Umgebung und des Elternhauses zu verbringen und was eben nicht nur für ihren schulischen, sondern auch für ihren eigenen, auch psychologischen Werdegang und die Herausbildung ihrer Persönlichkeit von nicht zu unterschätzendem Belang ist.
Das Gleiche gilt auch für den individuellen Langzeitaustausch vom allem vom Typ Sauzay, der gerade seit der Corona-Epidemie auf Réunion deutlich zugenommen hat und sich ganz besonders an den Schulen mit bilingualem Sachfachunterricht, also mit Abibac und/oder Europaklassen, stark entwickelt hat. Bis vor der Corona-Epidemie nahmen jedes Schuljahr rund 700 reunionesische Schüler aus dem Sekundarbereich am klassischen Gruppenaustausch mit den deutschsprachigen Ländern teil, was bedeutet, dass fast alle Collèges und Lycées, an denen auf der Insel Deutsch unterrichtet wird, eine Schulpartnerschaft mit Gruppenaustausch unterhielten. Natürlich bedeutete die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen gerade auch auf Réunion aufgrund der extremen Insellage eine enorme Zäsur, von der sich die Zahlen des Schüleraustauschs noch nicht wieder ganz erholt erhaben, auch wenn die Tendenz inzwischen wieder deutlich aufwärts weist.
Fast alle Collèges und Lycées auf Réunion, an denen Deutsch unterrichtet wird, unterhalten eine Partnerschaft mit einer deutschen Schule.
Abibac als Öffnungsfaktor
Die Bedeutung gerade des Abibac als regelrechter, internationaler Öffnungsfaktor ist auch insofern nicht zu unterschätzen, wenn man sich des Weiteren vor Augen hält, dass der bedeutende Prozentsatz der inzwischen über 500 Absolventen des Doppelabschlusses auf Réunion, der heute in Deutschland lebt und arbeitet, bei rund 25 Prozent liegen dürfte, was durchaus bemerkenswert und keinesfalls selbstverständlich ist. Denn auch auf der fernen Insel bleibt in den Augen der Abibacheliers eine der sog. Vorbereitungsklassen auf die französischen Elitehochschulen, die Grandes Ecoles, meistens der Königsweg, über den sie zunächst einmal ihr Studium einleiten möchten.
In den frühen Jahren des Abibac auf Réunion, nach der Eröffnung der beiden Abibac-Abteilungen am Lycée Leconte-de-Lisle im Inselhauptort St-Denis im Jahre 2005 und ein Jahr später am Lycée Roland-Garros in Le Tampon im Süden der Insel, entschloss sich zunächst eine gewisse Anzahl für ein Medizinstudium in Deutschland, da bekanntlich dieser anspruchsvolle Studiengang zwar auch dort einem Numerus clausus unterliegt, aber eben doch den Vorteil hat, dass nicht, wie in Frankreich, zumindest bisher nach dem ersten Studienjahr nochmals kräftig ausgesiebt wird.
Seit den 2010er Jahren jedoch und in ganz speziellem Ausmaß seit dem Ende der Covid-19-Krise zeichnet sich nun auf der Insel ein besonders erfreulicher Trend ab. Denn in der jüngsten Vergangenheit entschließen sich nun immer mehr Abibac-Absolventen auch direkt für einen der integrierten Studiengänge der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH), und zwar in Bezug auf einen immer breiter ausgerichteten Fächer von Studiengängen mit doppeltem, binationalem Abschluss. Jura, Ingenieurs- und Natur-, aber durchaus auch Geisteswissenschaften und Fremdsprachen erfreuen sich dabei steigender Beliebtheit.
Das Abibac gibt es auf Réunion am Lycée Leconte-de-Lisle in Saint-Denis seit 2005, am Lycée Roland-Garros in Le Tampon seit 2006. Bislang haben es an den beiden Schulen insgesamt ca. 500 Schülerinnen und Schüler bestanden. Im Schuljahr 2024 waren es 15 am Lycée Roland-Garros und 13 am Lycée Leconte-de-Lisle.
Vor diesem Hintergrund wird natürlich bereits in der gymnasialen Oberstufe die Studienberatung der Abibac-Schüler immer wichtiger, besonders, seit das internetgestützte, zentrale und relativ komplexe Studienplatzvergabesystem Parcoursup vor nunmehr sechs Jahren eingeführt wurde. Und auf Réunion ist es für die künftigen Abiturienten nun eben nicht so einfach wie im Mutterland oder in Deutschland, mal eben zum Tag der Offenen Tür bei einer der Universitäten zu gehen, die für sie eventuell in Betracht kämen oder dem Deutsch-Französischen Forum einen Besuch abzustatten, jener alljährlich im Herbst stattfindenden Hochschul- und Studienmesse in Straßburg, bei der die künftigen Studierenden konkrete Hilfe finden können, einen passenden, binationalen Studiengang herauszusuchen, ein internationales Profil aufzubauen und sich über spätere Berufschancen und Karrieremöglichkeiten in diesem Zusammenhang zu informieren.
Allerdings bieten die sog. „Semaines de l’Abibac et du Supérieur“, kurz SAS genannt, die vom Réseau Abibac, dem französischen Gegenstück zur deutschen Arbeitsgemeinschaft Libingua, jeweils im Januar online veranstaltet werden, ähnliche und sehr wohl vergleichbare Möglichkeiten. Und selbst wenn auf Réunion die Weihnachtsferien noch bis Mitte/Ende Januar dauern, um den Schülern und Lehrern im Unterricht zumindest die allergrößte Hitze des Tropensommers zu ersparen, wird der Zuspruch und die Teilnahme der reunionesischen Abibac-Schüler an den SAS von Jahr zu Jahr größer.
„Semaines de l’Abibac et du Supérieur“ machen es möglich, sich auch von Réunion aus über DFH-Studiengänge zu informieren.
DFH-Studiengang „Franko-Germanistische Studien : Deutschsprachiger Raum und Übersee-Frankreich“ an der Université de La Réunion
Diese insgesamt sehr positive Entwicklung wurde kürzlich noch durch einen weiteren Faktor stimuliert, als am Germanistischen Institut der Universität Réunion im Studienjahr 2021-2022 in Partnerschaft mit der Ruhr-Universität Bochum ein Doppel-Studiengang unter dem Dach der DFH eingerichtet wurde, der für die gesamten französischen Überseegebiete, wie auch zuvor bereits das Abibac, eine Premiere und absolute Ausnahme darstellte und bis heute geblieben ist. Die durchaus selektiven und sehr attraktiven „Franko-Germanistischen Studien : Deutschsprachiger Raum und Übersee-Frankreich“ ziehen unterdessen immer mehr Bewerber an, unter denen sich gerade auch immer zahlreichere Abibac-Absolventen befinden, denn diese neue, spezifische Studienrichtung bietet neben dem international ausgerichteten Studien-Umfeld, das es zuvor in dieser Art auf Réunion eben nicht gab, ausgezeichnete Chancen auf dem Arbeitsmarkt gerade auch in Deutschland, die mit sehr guten Perspektiven in den Bereichen Tourismus, Journalismus, Marketing, Personalführung, Kultur und Eventmanagement, aber natürlich auch im Bildungswesen weit über das hinausreichen, was man sich gewöhnlich von einem Deutsch- oder Romanistik-Studium versprechen kann.
Gerade im Tourismus bieten sich auf Réunion mit strukturierten und vertieften Deutschkenntnissen, wie man sie im bilingualen Sachfach- und Literaturunterricht erwerben kann, ganz ausgezeichnete Berufs- und Karrierechancen, was ein paar nackte Zahlen belegen. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der deutschsprachigen Touristen, die Réunion besuchen, verfünffacht, von ca. 4000 zu Beginn der 2000er Jahre auf heute über 20 000 jährlich. Längst ist Réunion für deutsche Besucher kein Geheimtipp mehr und wird auch schon lange nicht mehr nur als Package mit Mauritius gebucht, sondern längst um seiner eigenen Qualitäten willen, wie beispielsweise als ausgesprochener Hotspot für Bergwandern, Paragliding, Canyoning, Rafting und andere Formen gerade auch umweltbewussten und nachhaltigen Tourismus‘. Die Deutschen sind heute auf Réunion mit Abstand die größte ausländische Urlaubergruppe vom Alten Kontinent.
Des Weiteren bietet sich gerade für Abibac-Schüler bietet daher nun die Möglichkeit, ihre speziellen Erfahrungen als junge Reunionesen vor Ort in solch einen deutsch-französischen Studiengang einzubringen, was bisher nicht gegeben war und damit auf ihrer Heimatinsel in ihrem Studium selbst die quasi logische Fortsetzung dessen zu beginnen, was das Abibac im Sekundarbereich darstellt. Zumindest tendenziell gilt die gleiche Feststellung auch für die Schülerinnen und Schüler der Europaklassen auf Réunion, wenn sicherlich auch nicht ganz gleichermaßen wie im Abibac.
Situation des Deutschunterrichts auf Réunion
Leider entgeht der Deutschunterricht auf Réunion selbstredend nicht der ziemlich ernüchternden Bestandsaufnahme, die seit der verhängnisvollen Reform des Collège, also der Mittel- und Unterstufe ab dem Jahre 2016, für ganz Frankreich gilt. Immer weniger Schüler lernen Deutsch und besonders bei der Wahl der zweiten Fremdsprache liegt das Deutsche auch auf der Insel immer weiter hinter dem Spanischen zurück. Aber immerhin liegen die Zahlen doch nur knapp unter dem nationalen Durchschnitt (13 %), wenn man sich vergegenwärtigt, dass auf Réunion nach den letzten verfügbaren Statistiken mit rund 12 000 Deutsch-Lernerinnen und -Lernen eben doch ca. 10,8 % der Schülerinnen und Schüler die Sprache Goethes wählen, was Réunion im Vergleich zu den restlichen französischen Überseegebieten eine absolute Ausnahmestellung verleiht. Und es dürfte kaum übertrieben sein, zu behaupten, dass die Abibac- und Europaklassen und speziell der bilinguale Sachfachunterricht dazu einen kaum zu überschätzenden Beitrag geleistet haben und dies auch weiterhin der Fall sein wird.
Ortwin Ziemer unterrichtet seit 2000 auf Réunion an zwei Lycées Deutsch und Geschichte-Geografie bilingual, ortwin.ziemer@yahoo.com
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