‚Mes études ont renforcé mon identité européenne‘
Erfahrungsberichte aus dem integrierten Bachelorstudiengang Mainz-Dijon
Die Universitätspartnerschaft zwischen Mainz und Dijon ist in einzigartiger Weise in eine Regional- und Städtepartnerschaft eingebunden und mit ihrem über 30-jährigen Bestehen eine wahrhaft europäische Erfolgsgeschichte. Seit dem Jahr 1990, in dem ein multidisziplinäres deutsch-französisches Studienprogramm in den Geistes- und Kulturwissenschaften eingerichtet wurde, haben etwa 1200 Studierende ein deutsch-französisches Doppelstudium in Mainz und Dijon absolviert. Die Mobilität der Studierenden wird dankenswerterweise von der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH) in Saarbrücken gefördert.
Als einmalig in der Landschaft binationaler Studiengänge kann die Vielfalt der möglichen Fächer erachtet werden, die von Deutsch, Französisch, Englisch und Komparatistik über Geographie und Geschichte bis zu Philosophie reicht. Zudem nimmt das Tandem Mainz-Dijon im Bereich der binationalen Lehramtsausbildung eine Vorreiterrolle ein.
Zwei Abschlüsse, zwei Städte, drei Semester in Mainz, drei Semester in Dijon – was einfach klingt, ist in Realität ein komplexes Gebilde, auf das sich die Studierenden einlassen. Zwei von ihnen kommen nun zu Wort und beschreiben den Mehrwert, den diese besondere Art der Ausbildung in zwei nationalen Bildungssystemen für ihre persönliche und akademische Entwicklung hat.
Erfahrungsbericht Jasmina Kreher, Studierende im Bachelor of Education, Geschichte und Französisch
Das dfi berät die Baden-Württemberg Stiftung beim Programm Nouveaux horizons, einem lebendigen Austausch zwischen Akteuren aus BW und Frankreich.
Welche Grenzen und Chancen sie in ihrem Mainz-Dijon-Studium im Allgemeinen und ganz konkret in ihren Fächern Geschichte und Französisch wahrgenommen hat, erklärt Jasmina Kreher, Studierende im Bachelor of Education mit Studienstart Mainz:
„Beim Semesterrhythmus handelt es sich um ein erstes übergeordnetes strukturierendes Element, anhand dessen Unterschiede zwischen den beiden zu betrachtenden Universitätssystemen deutlich werden: Im Gegensatz zum deutschen Planen in Semestern und dem dazugehörigen regelmäßigen Alternieren zwischen Vorlesungszeiten und vorlesungsfreier Zeit, ist in Frankreich das akademische Jahr die wichtigere Größe. Es sind zwar hin und wieder schulferienähnliche kurze Unterbrechungen der Veranstaltungen vorgesehen, aber das Pendant zum deutschen Sommersemester beginnt unmittelbar nach der Klausurenphase des Wintersemesters. In Sachen Kräftehaushalt war dieser nahtlose Übergang nicht besonders leicht zu bewältigen, und doch stellte sich mit dem Beginn des zweiten Semesters gleich eine gewisse Vertrautheit ein. Auch die deutsche Gewohnheit, sich den eigenen Stundenplan selbst zusammenzustellen, wird in Frankreich durch eine eher schulisch anmutende vorgegebene Wocheneinteilung ersetzt. Ein weiterer fundamentaler Unterschied des französischen Studiums besteht darin, dass man mit zwei Fächern im Lehramt nicht die Regel, sondern die Ausnahme bildet. Die Bildungswissenschaften werden für die drei Semester in Dijon völlig ausgesetzt.
Auf die durchaus nicht unerheblichen methodischen Differenzen fühlte ich mich durch die Kombination meiner bilingualen Schulzeit und dem fachsprachlichen Propädeutikum, das im Mainzer Studienteil vorgesehen ist, recht gut vorbereitet. Von „dissertations“ über „commentaires“ und „explications de texte“, jedes Format hält seine ganz eigenen Regeln und Erwartungen bereit. Sie geben einen Rahmen vor, der zwar recht rigide, aber doch oft weniger einschränkend ist, als man denken könnte. Es kann zwar durchaus vorkommen, dass man an seine Grenzen stößt, weil man Gedanken hat, die man als zielführend erachtet, und daran verzweifelt, dass sie sich partout nicht ins vorgegebene Schema eingliedern lassen wollen. Oft ist dieses Arbeiten aber auch eine Chance, die Ideen nach einem bereits vorgegebenen und eingeübten Muster zu strukturieren, ohne sich selbst eines überlegen zu müssen, wodurch mehr Zeit bleibt, sich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen. […]
Dass Chronologien und das Auswendiglernen einer schier endlosen Reihe an Jahreszahlen und Daten, besonders im Fach Geschichte, in Dijon eine so große Rolle in der Klausurvorbereitung spielten, wäre als ausschließlicher Ansatz für mich eher unzufriedenstellend, aber in Kombination mit dem, was ich aus Mainz mitbekomme, war es für mich eine wertvolle Gelegenheit, mein Wissensarchiv zu erweitern. […]
Auf die methodischen Differenzen fühlte ich mich recht gut vorbereitet.
Insgesamt war das Studium also durchaus exemplarisch für Unterschiede im deutsch-französischen Kontext.
Interessant ist auch das Fach Französisch an sich: In Dijon wird im Prinzip nicht mehr "Französisch" als ein aus deutscher Perspektive fremdsprachliches Fach studiert, sondern „Lettres Modernes“, eher eine Art französische Literaturwissenschaft aus dem französischen Blickwinkel, der sich also den Werken des eigenen Kulturkreises annähert. Gerade diese verschiedenen Ausgangspunkte machen den Austausch mit Kommilitoninnen so spannend, da man einander im Grunde genommen ständig gegenseitig den Horizont ein Stück erweitert. Gerade bei den Veranstaltungen aus „Lettres modernes“ ist es besonders wertvoll, sie in Frankreich von französischen Dozent:innen vermittelt zu bekommen: Ist eine solche Vorlesung im Prinzip für Muttersprachler:innen gedacht, geht sie eben in der Kürze der Zeit doch anders in die inhaltliche Tiefe als ein Pendant, das Studierenden eine Fremdsprache näherbringen soll. Insgesamt war das Studium also durchaus exemplarisch für Unterschiede im deutsch-französischen Kontext und gerade dadurch zwar geprägt von einigen Herausforderungen, aber auch eine sehr bereichernde Erfahrung. […]
Insgesamt bin ich mehr als dankbar für die Möglichkeit, mein Studium binational zu absolvieren. Ich empfinde es als sehr bereichernd, aus verschiedenen kulturellen Perspektiven auf die Inhalte blicken zu können, die mir vermittelt werden und bin sehr froh, mich trotz des fordernden Studienprogramms für den cursus intégré entschieden zu haben. […] Dabei bin ich mir sehr bewusst darüber, dass ich mich sehr glücklich schätzen kann, keiner Sprachbarriere begegnet zu sein und auch methodisch keine völlig unbekannten Gewässer durchqueren zu müssen - dass bereits meine Schullaufbahn deutsch-französisch geprägt war, erleichterte mir vieles in meinem Dijoner Studienalltag ungemein. Ich habe gelernt - und kann diese Fähigkeit Stück für Stück immer weiter verfeinern - mich zwischen zwei Welten relativ mühelos hin- und herzubewegen, und vor allen Dingen empfinde ich es als großes Privileg, zwei Systeme zu haben, aus denen ich meinen Erfahrungsschatz schöpfen kann. Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass die Stärken der einen die Schwächen der anderen Perspektive ausgleichen können und umgekehrt - die Summe aus beidem kann also fast nur bereichernd sein.“
Ich habe gelernt mich zwischen zwei Welten relativ mühelos hin- und herzubewegen.
Erfahrungsbericht Solène Ehresmann, Studierende im Bachelor of Arts mit den Fächern American Studies und Germanistik
Das dfi berät die Baden-Württemberg Stiftung beim Programm Nouveaux horizons, einem lebendigen Austausch zwischen Akteuren aus BW und Frankreich.
Wie wirken sich diese Erfahrungen auf die persönliche Entwicklung aus? Eine ehrliche Antwort hat Solène Ehresmann hierauf gefunden. Als Studierende im Bachelor of Arts mit den Fächern American Studies und Germanistik hat sie ihr Studium an der Université Bourgogne Europe in Dijon begonnen und die Hälfte der Studienzeit in Mainz verbracht.
« Mes séjours à l'étranger ont nettement contribué à améliorer mes niveaux de langue, en allemand et en anglais. Durant mon séjour à Mayence, ce fut la première fois de ma vie que j'ai été complètement immergée dans la culture allemande, sans pouvoir recourir à mon côté français, puisqu’en plus de la vie quotidienne, mes cours et mes amitiés se déroulaient dorénavant en allemand. Et mon temps à Mayence a définitivement amélioré ma vision du monde du travail, puisque je me suis rendue compte, avec joie et soulagement, que j'étais capable de travailler en allemand grâce au stage de quatre semaines que j’ai effectué au Landesmuseum Mainz (musée du Land de Mayence), dans le secteur « pédagogie et éducation muséale.
Ce qui est sûr, c’est que j’ai énormément appris sur la France et l’Allemagne.
Mes séjours à Dijon et à Mayence n’ont pas forcément modifié mon lien avec la France ou l’Allemagne. Par contre, ce qui est sûr, c’est que j’ai énormément appris sur la France et l’Allemagne. Pas seulement au niveau des différences culturelles, mais aussi au niveau des différences de mentalités, du fonctionnement de la vie active ou de la bureaucratie. J’ai découvert un nouveau pays en quelques sortes, qui est pourtant sensé être le mien, puisque j’en parle la langue, et j’en ai reçu la nationalité. Et le temps que j’ai passé en France puis en Allemagne m’a permis d’en apprendre plus sur moi et ma famille. Mais je ne dirai pas que ma relation à la France ou à l’Allemagne a drastiquement changé, par contre mes études ont nettement renforcé mon identité européenne.
[…] Le Cursus Intégré m’a permis de prendre mon indépendance, […] mais j’ai également énormément appris sur mes deux pays dans plusieurs domaines, que ce soit la littérature, la langue, ou bien l’histoire. Mais si ces séjours à l’étranger m’ont permis d’apprendre une chose, c’est que peu importe où je vivrai, je resterai étrangère quoi qu’il arrive. Je suis partie à Dijon parce que j’éprouvais le besoin d’aller en France. Les pays où j’ai grandi ne m’ont pas accepté comme l’une des leurs, alors je suis allée tenter ma chance dans le pays de mes parents. Mais il se trouve que je ne suis pas totalement française, ni vraiment allemande, ce que j’ai appris à mes dépens. Je suppose que c’est une facette importante de l’interculturalité. Le mélange des cultures, sans qu’il y en ait une qui soit plus forte que l’autre. »
Diese Erfahrungsberichte der Studierenden zeigen, dass ein binationales Studium weit mehr ist als seine abgesprochenen Kurspläne, festgelegten Standorte und Ergebnisse auf dem Papier. In diesem vorgegebenen Rahmen bewegen sich individuelle Persönlichkeiten, die sowohl gemeinsame, ähnliche aber auch ganz persönliche, einzigartige Erfahrungen machen.
Informationen zum integrierten deutsch-französischen Bachelorstudiengang in den Geistes- und Kulturwissenschaften Mainz-Dijon unter: https://www.dijon.uni-mainz.de/
Univ.-Prof. Dr. Antje Lobin, Beauftragte der Johannes Gutenberg-Universität für die Partnerschaft mit der Université Bourgogne Europe Dijon und Programmbeauftragte der integrierten Studiengänge in den Geistes- und Kulturwissenschaften Mainz-Dijon, Romanisches Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, alobin@uni-mainz.de
Lina Würfel, Studiengangskoordinatorin, dijon@uni-mainz.de, Dijonbüro, Romanisches Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
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