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Quoi de neuf - Nouvelles du bilingue 2026

Am Hartmannswillerkopf mit Gerd Krumeich

Ausflug zu einer deutsch-französischen Gedenkstätte 

Im Rahmen der jährlichen Ausflüge zu den Schauplätzen des 1. Weltkrieges hat die 11. Klasse der Europäischen Schule in Straßburg am 4. November 2025 einen Ausflug zur deutsch-französischen Gedenkstätte des Hartmannswillerkopfs (Vieil Armand) unternommen. Das in den Vogesen liegende Bergmassiv des Hartmannswillerkopfs - von den deutschen Soldaten damals als „Todesberg“ bezeichnet, von den französischen Soldaten „Mangeur d’hommes“ genannt - bildete während des 1. Weltkrieges eine hart umkämpfte Frontlinie.

Unsere Klasse hatte das Glück, vom renommierten Historiker Gerd Krumeich empfangen und begleitet zu werden, dessen Bücher über den 1. Weltkrieg auch ins Französische übersetzt worden sind bzw. mit anderen bekannten Vertretern der französischen Historiographie wie Jean-Jacques Becker oder Antoine Prost geschrieben worden sind. Begleitet wurden wir auch von Gilbert Wagner, der schon 2600 Führungen am deutsch-französischen Erinnerungsort unternommen hat und somit die Geschichte des Schlachtfeldes wie seine eigene Westentasche kennt.

Für die Schüler:innen war es sehr anregend, den Klassenraum zu verlassen, um hautnah Geschichte an einem authentischen Ort zu erleben. Dafür mussten sie aber den 4,5 km langen Rundweg mit langem Anstieg in Kauf nehmen, der sich angesichts des sonnigen Tages dennoch als angenehm erwies.

Trotz seiner 80 Jahre marschierte Gerd Krumeich mit uns und unterbrach einige Male den Guide, um Fakten zu präzisieren. Er erklärte uns zum Beispiel, dass die französischen Kriegsveteranen jahrzehntelang Druck auf die französische Politik und offizielle Geschichtsschreibung ausgeübt hatten, um eine Erinnerung an deutsche Soldaten zu verhindern. Es sollte nicht öffentlich zum Ausdruck gebracht werden, dass französische Gebeine mit deutschen in der Krypta lagen.

Erst mit der Renovierung des Beinhauses zur Eröffnung des Historials wurde auch die Inschrift neutral gestaltet: „1914-Hartmannswillerkopf-1918“. Für die mehrheitlich deutsch-französischen Schüler:innen unserer Europäischen Schule war diese Polemik unverständlich. Sie konnten sich nur schwer vorstellen, dass in vergangenen Jahrzehnten allein an ihre französischen Vorfahren erinnert worden war.

Nach der Besichtigung des Soldatenfriedhofs und der Krypta wurde es für die Schüler:innen besonders in den Schützengräben interessant. Sie haben vorher nicht geahnt, dass sich französische und deutsche Soldaten während des 1. Weltkrieges so dicht gegenüber gelegen hatten.

Deutsche Schützengräben sind zementiert worden, weil sich die deutsche Heeresleitung langfristig auf dem Schlachtfeld festsetzen wollte. Die Zementsäcke sowie den Großteil ihrer Versorgung erhielt die Armee über eine Seilbahn, während auf französischer Seite Esel eingesetzt worden waren. Ein kleiner Teil des Schützengrabens auf französischer Seite machte uns stutzig, da auch er zementiert war und sich in einem sehr guten Zustand befand. Gilbert Wagner erklärte uns, dass ein exzentrischer Apotheker aus der Umgebung sich vor mehreren Jahren als Hobby-Archäologe betätigt habe, indem er Relikte des Großen Krieges nachbaute, wobei er durchaus historische Paradoxa in Kauf genommen hat.

Dank des guten Wetters besaßen wir eine wunderbare Aussicht bis zu den Schweizer Alpen hin. Die strategische Bedeutung des Bergmassivs wurde dadurch deutlich. Mit der Einnahme der 956 Meter hohen Bergkuppe war auch die Oberhand über die Eisenbahnlinie Colmar-Mulhouse verbunden bzw. konnte die Versorgung von Soldaten und Zivilbevölkerung der Gegner verhindert werden.

Die Jugendlichen waren auch von den riesigen Löchern, welche die Granaten hervorgerufen hatten, beeindruckt. Selbst Gerd Krumeich war verwundert, wie hoch sich die Wege dazwischen in den letzten hundert Jahren aufgetürmt hatten. Unser Guide präzisierte uns daher, dass bei Kriegsende jegliches Material, was sich auf dem Bergmassiv befunden hatte, vergraben worden war, da der Transport ins Tal zu umständlich gewesen wäre. Auch wir Geschichtslehrer:innen waren sehr dankbar über diese Informationen, die man nicht in einem Geschichtsbuch finden kann!

Unterwegs trafen wir auf Soldat:innen des aktuellen 152. Infanterieregiments; diese Einheit hatte damals am Hartmannswillerkopf gekämpft. Im Rahmen der Weitervermittlung dieses Erbes nehmen die jungen Rekruten an Märschen über das Gelände und an Weiterbildungen im Dokumentationszentrum teil.

Durch die vielen Stopps und Erklärungen ist der Anstieg zum Kreuz auf 956 Meter Höhe weniger anstrengend verlaufen als manche Schüler:innen befürchtet hatten, als sie ihn vom Soldatenfriedhof betrachtet hatten.

Da bereits eine Schulklasse auf dem Gipfel picknickte, traten wir den Rückweg zum Historial an. Den hungrigen Jugendlichen schienen Flügel gewachsen zu sein, so geschwind verlief der zweite Teil des Weges!

Unsere Schüler:innen freuten sich über das breitgefächerte kulinarische Angebot im Café des Historials, durch welches sie ihr Picknick mit Kuchen und Café bereichern konnten.

Nachdem der ehemalige Kriegsschauplatz bereits im Jahr 1932 zum französischen Nationaldenkmal erklärt worden war, ist das Historial mit Dokumentationszentrum 2017 von den damaligen Staatsoberhäuptern Emmanuel Macron und Joachim Gauck eingeweiht worden. Gerd Krumeich konnte einige Anekdoten von dieser Begegnung erzählen, aber auch von einer Gedenkfeier in Paris mit dem damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy, zu der er erst 24 Stunden vorher eingeladen worden war und für die der Düsseldorfer Professor emerit schnell einen Anzug hat anfertigen lassen müssen.

Nach der Mittagspause sahen wir im Auditorium einen Einführungsfilm, welcher die geopolitische Lage bei Ausbruch des 1. Weltkrieges erklärte. Im Anschluss darauf hielt Gerd Krumeich einen Vortrag über den 1. Weltkrieg unter Berücksichtigung der besonderen Situation des Elsass. Die Klasse stellte viele Fragen, wodurch der Vortrag interaktiv verlief.

Zum Schluss besichtigten wir das Dokumentationszentrum mit 3D-Darstellungen zu fünf verschiedenen Themengebieten über den 1. Weltkrieg und der deutsch-französischen Aussöhnung. Im Vergleich zum Museum des Col du Linge, der ein noch blutigerer Schauplatz in den Vogesen während 1. Weltkrieges gewesen ist, gibt es im Historial viel weniger authentische Objekte. Jedoch ist die pädagogische Aufarbeitung des 1. Weltkrieges und der lokalen Gefechte sehr gut gelungen. Da das Museum am Col du Linge allein durch den Einsatz ehrenamtlicher Personen getragen wird, stößt es trotz bemerkenswerten Engagements schnell an seine logistischen und wissenschaftlichen Grenzen. 

Besonders interessant ist im Historial die Projizierung der Tagebuchausschnitte von französischen und deutschen Soldaten, die auch von einer aufgenommenen Stimme vorgelesen werden. Angesichts der Todesängste auf beiden Seiten, des Grauens und der vielen Opfer junger Menschen ist die Unsinnigkeit dieses Krieges bewusst geworden.

Nach einem erfüllten Tag, der reich an Fakten und kleiner Geschichten über den 1. Weltkrieg gewesen war, der uns aber auch über ein schönes Bergmassiv der Vogesen geführt hatte, traten wir unsere fast zweistündige Rückfahrt nach Straßburg an.

Dank

Dr. Karen Denni, Lehrerin für Geschichte, Geographie, Deutsch und Ethik, Koordinatorin der deutschen Sprachabteilung der Europäischen Schule Strasbourg, karen.denni@ac-strasbourg.fr

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