Ein Studium, zwei Länder, drei Abschlüsse und unzählige gemeinsame Erfahrungen
Das universitäre Partnerschaftsprogramm zwischen Sciences Po Lille und der Universität Münster ermöglicht es den Studierenden, nicht nur einen Bachelor-, Master- und französischen Diplomabschluss zu erlangen, sondern auch deutsch-französische Kooperation und Zusammenarbeit aus erster Hand zu erleben.
Seit mehr als 25 Jahren beginnen jedes Jahr etwa 20 Studierende aus Deutschland und 20 Studierende aus Frankreich diesen auf fünf Jahre angelegten Studiengang. Ihr erstes Jahr absolvieren Sie an Sciences Po Lille, bevor sie dann jährlich zwischen Lille und Münster wechseln. Unterstützt wird diese Mobilität durch die Deutsch-Französische Hochschule (DFH) in Saarbrücken.
Thematisch lernen die Studierenden neben der Politikwissenschaft weitere sozialwissenschaftliche Disziplinen kennen und haben die Möglichkeit, sich in einem von zahlreichen Bereichen zu spezialisieren.
Während in Münster die Studierenden somit in den Studiengang „Internationale und Europäische Governance“ eingeschrieben sind, werden sie in Lille Teil der „filière franco-allemande“ – kurz „FIFA“ genannt.
Welche Chancen sich aus dieser Kooperation ergeben und wie die Herausforderungen eines solchen binationalem Studiengangs bewältigt werden, erzählt eine Studierende aus dem vierten Jahr.
Erfahrungsbericht Lena F., Studierende im Studiengang Internationale und Europäische Governance
Ich studiere momentan im vierten Jahr den Studiengang „Internationale und Europäische Governance“ zwischen Sciences Po Lille und der Universität Münster und habe sehr viele Erfahrungen während dieser Zeit sammeln können.
Das erste Studienjahr findet in Lille an Sciences Po statt und ich denke, die allermeisten werden sagen, dass es auch das anspruchsvollste Jahr ist. Man lernt in dieser Zeit sehr viel über die unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Bereiche, wie beispielsweise über Geschichte, Wirtschaft, Recht und Politik. Auswendiglernen ist dabei sehr wichtig. Historische Fakten, wie etwa, dass Casimir Perier 1832 an Cholera gestorben ist, werden mir wohl noch lange im Kopf bleiben. Man lernt allerdings nicht nur viel Inhalt, sondern auch die Studierenden kennen.
Schon vor Beginn der Kurse habe ich durch die Integrationswoche, die regelmäßig zu Beginn des Studienjahres an Sciences Po Lille stattfindet, Freundschaften geschlossen, die noch heute existieren. Gemeinsam waren wir nicht nur oft in Lille unterwegs, sondern auch im nahgelegenen Paris und Brüssel. Durch die häufigen Gruppenarbeiten wird man außerdem schnell integriert und hilft sich gegenseitig. Die anfangs noch anonymen Gesichter wurden dadurch schnell zu Bekannten und Freunden. Besonders schön ist der interkulturelle Austausch zwischen den Studierenden aus Deutschland und aus Frankreich.
Das zweite Studienjahr findet an der Universität Münster statt. Für dieses erste Studienjahr in Deutschland zogen viele - wie ich auch - in eine WG mit Personen aus dem gleichen Studiengang. Es war praktisch, dass man sich als Gruppe schon kannte und zusammen Münster entdecken konnte. Besonders gut finde ich in dieser Stadt die Möglichkeit, über die Universität kostengünstig verschiedene Sportarten zu machen und gratis Sprachkurse zu besuchen.
Das Studium in Münster ist freier gestaltet als an Sciences Po Lille, da man weniger Kurse verpflichtend belegen muss als in Lille und viele Wahlmöglichkeiten hat.
Während man noch in Lille unter anderem durch die kleinen Gruppen eher das Gefühl hatte, an einer Schule zu sein, fühlt man sich hier in der Uni angekommen. Außerdem hat man beim Schreiben verschiedener Hausarbeiten die Möglichkeit, sich gezielt mit bestimmten Themen auseinanderzusetzen. Ich hatte mir beispielsweise einen Kurs ausgesucht, der verschiedene nicht-westliche Kulturen behandelt.
Während dieser Zeit legt man außerdem schon sein Thema für die Bachelorarbeit fest, die im 3. Studienjahr geschrieben wird und sucht sich einen der vielen thematischen Schwerpunkte von Sciences Po Lille für das dritte Jahr aus.
Hiervon gibt es viele, von klassischen politischen Themen wie Sicherheitspolitik über Philosophie und Wirtschaft bis zu „Boire, Manger, Vivre“ – einem Schwerpunkt im Gastronomie- und Ernährungsbereich.
Ich habe mich für das Profil „Management des Institutions Culturelles“ entschieden und bin immer noch sehr glücklich mit meiner Wahl.
Dieser Schwerpunkt spezialisiert sich auf kulturelle Institutionen und man lernt deren rechtlichen, wirtschaftlichen, geschichtlichen, politischen und soziologischen Grundlagen kennen. Außerdem besucht man selbst kulturelle Institutionen aus vielen verschiedenen Bereichen. Wir waren zum Beispiel mehrere Tage auf einer Konferenz im Centre Pompidou in Paris, in der Académie des Arts Royales in Brüssel und auf einer Vernissage im Palais des Beaux-Arts. Zudem haben wir eine Studie an der Oper in Lille durchgeführt und durften im „ballet du nord“ selbst Improvisationstanz ausprobieren. Das Jahr war also gleichermaßen vielfältig wie kurzweilig und ging dementsprechend gefühlt auch sehr schnell vorbei. Das dritte Jahr abgeschlossen hat die Abgabe der Bachelorarbeit und eine mündliche Masterprüfung, das „Grand oral“. Beides im gleichen Monat abzulegen, in dem auch wieder der Umzug aus Lille anstand, forderte gute Nerven und man hatte sich die danach anstehenden Ferien verdient.
Im vierten Jahr begann dann auch schon der Master in Münster. Während dieser Zeit kann man sich wieder Kurse aussuchen und durch Hausarbeiten sowie einem Forschungsprojekt seine eigenen Interessen verfolgen. Zudem hat man auch Freiraum für weitere Aktivitäten, beispielsweise arbeite ich noch als studentische Hilfskraft für die Universität und als Werksstudentin in einem Museum.
Im fünften Jahr habe ich vor, wieder nach Lille zurückzugehen. Theoretisch könnte man aber auch in Münster bleiben, oder ein bzw. zwei Semester in einem weiteren Land studieren. In allen Fällen erhält man nach dem 5. Jahr den Master der Uni Münster sowie das Diplom von Sciences Po Lille.
Der Aufbau des Studiums ist insgesamt anspruchsvoll und gerade das jährliche Umziehen bringt einiges an zusätzlichen Aufwand mit sich. Man lernt daher nicht nur zwei verschiedene Kulturen kennen, sondern auch deren Bürokratie.
Allerdings sammelt man dadurch auch sehr viele Eindrücke, lernt eine Menge Leute kennen und entwickelt sich persönlich in vielen Bereichen weiter. Die Erfahrungen, die man während dieser Zeit sammelt, sind daher für mich mindestens genauso wichtig wie die Diplome. Außerdem sind Lille und Münster Städte, die Studierenden wirklich viel bieten, sodass einem nie langweilig wird.
Des Weiteren habe ich das Gefühl, dass der Studiengang einen gut auf den Einstieg in das Berufsleben vorbereitet. Durch die diversen Spezialisierungen kann man schon gut auf seine beruflichen Ziele hinarbeiten. Zudem muss man mindestens ein Pflichtpraktikum absolvieren und hat in den Semesterferien außerdem die Möglichkeit, weitere, freiwillige, Praktika zu absolvieren. Ich habe beispielsweise mehrere Hausarbeiten und meine Bachelorarbeit zu Themen der Erinnerungskultur geschrieben und auch zwei Praktika auf Gedenk-/ Erinnerungsstätten absolviert.
Ich kann daher jedem den Studiengang empfehlen, der sich für Sozialwissenschaften interessiert, gerne reist und Lust hat, in zwei Studentenstädten zu studieren. Ich selbst hatte weder Abi-Bac noch Französisch als Leistungskurs und bin die erste Person aus meiner Familie, die studiert. Trotzdem habe ich mich auch dank des guten Zusammenhalts in der „FIFA“ immer gut aufgenommen gefühlt. Daher kann ich aus eigener Erfahrung auch denen meinen Studiengang empfehlen, die nicht schon seit der Schulzeit das typische deutsch-französische Profil haben!
Stephanie Burwinkel, M.Ed., Studiengangsbüro für den binationalen Studiengang "Internationale and Europäische Governance" Universität Münster, stephanie.burwinkel@uni-muenster.de
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