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Quoi de neuf - Nouvelles du bilingue 2026

„Ungebetener Experte“ oder „lächelndes Lexikon“?

Kinder mit zielsprachlichem Hintergrund im Französischunterricht – Wahrnehmungen, didaktische Herausforderungen und Potenziale

Einleitung

„Besserwisser“, „Notnagel“, „Vorzeigeexemplar“ und „persönliche Assistentin“ – dies sind nur einige der Zuschreibungen, mit denen Kinder und Jugendliche mit zielsprachlichem Hintergrund täglich im Fremdsprachenunterricht konfrontiert werden. Gemeint sind Schüler*innen, die aufgrund ihres familiären Umfelds bereits über Vorkenntnisse in der Zielsprache verfügen. Im Falle des Französischunterrichts also häufig bilingual deutsch-französisch aufgewachsene Kinder und Jugendliche ohne eigene Migrationserfahrung – sogenannte Heritage Speaker.

Heritage Speaker sind in der Regel bilingual aufgewachsen und erwerben Deutsch als Umgebungssprache und Französisch als Herkunftssprache. Im Laufe der Kindheit entwickelt sich Deutsch meist zur dominanten Sprache, während Französisch ungesteuert und überwiegend oder ausschließlich im familiären Kontext erworben und verwendet wird. In der Spracherwerbsforschung werden Heritage Speaker als eine sehr heterogene Gruppe beschrieben. Ihre Sprachbiografien variieren stark – Inputmenge, familiäre Sprachpraktiken, Kontakt in das Herkunftsland, (außer)schulische Fördermöglichkeiten und soziale Rückmeldungen zur Mehrsprachigkeit beeinflussen sie ganz individuell. Während einige Heritage Speaker nahezu muttersprachliche Kompetenzen erwerben, verfügen andere über vorwiegend rezeptive Fähigkeiten oder einen stark kontextgebundenen Wortschatz. 

Im Rahmen meiner Bachelorarbeit erforschte ich, wie Heritage Speaker mit der Herkunftssprache Französisch im Französischunterricht von ihren Lehrkräften und Mitschüler*innen wahrgenommen werden, wie mit ihnen umgegangen wird und wie sie den Unterricht selbst erleben. Hierzu führte ich von Januar bis März 2025 deutschlandweit eine Online-Umfrage mit Französischlehrkräften und (ehemaligen) Schüler*innen mit und ohne französischsprachigen Hintergrund durch. Je nach individuellem Profil durchliefen die rund 180 Teilnehmenden einen von sieben Fragesätzen zu ihren Erfahrungen mit Heritage Speakern im Französischunterricht.

Aus den Ergebnissen dieser Erhebung leitete ich Handlungsempfehlungen für die bessere Nutzung sprachlicher und kultureller Ressourcen von Heritage Speakern ab, sodass sie selbst besser gefördert und gefordert werden und  auch ihre Mitlernenden stärker von ihnen profitieren können.

Wahrnehmung von Heritage Speakern durch Französischlehrkräfte

Französischlehrkräfte stehen Heritage Speakern überwiegend positiv gegenüber. Viele fühlen sich durch ihre Anwesenheit motiviert, inspiriert und optimistisch. Dabei wird ein Spannungsfeld deutlich: Während Lehrkräfte emotional häufig positiv reagieren, fühlen sie sich didaktisch nicht ausreichend vorbereitet. Die Anwesenheit von Heritage Speakern wird zwar als Bereicherung wahrgenommen, stellt aber zugleich für viele eine Herausforderung dar – vor allem in Bezug auf Differenzierung, Leistungsbewertung und Aktivierung.

Hinzu kommt eine deutliche Erwartungshaltung: Lehrkräfte gehen in der Regel davon aus, dass Heritage Speaker über höhere Kompetenzen in Aussprache, Hörverstehen und mündlicher Kommunikation verfügen als reguläre Fremdsprachenlernende. Lediglich im Bereich der Orthographie werden geringere Kompetenzen erwartet. Die Lehrkräfte rechnen mit einem geringeren Lernfortschritt im Vergleich zu anderen Kindern und Jugendlichen.

Erfahrungen von Heritage Speakern im Französischunterricht

Einerseits erleben viele positive Aufmerksamkeit, Anerkennung und eine besondere Rolle im Kurs. Andererseits beschreiben sie Situationen, in denen sie sich auf ihre sprachlichen Kompetenzen reduziert fühlen: Sie werden ungefragt und häufig ad hoc als Übersetzer*innen eingesetzt, sollen Mitschüler*innen helfen oder fungieren als „Absicherung“ für die Lehrkraft. Dies führte bei den Heritage Speakern teilweise zu einem ständig empfundenen Druck, herausragende Leistungen zu erbringen und zu sozialen Spannungen mit Mitlernenden aufgrund von wahrgenommener Ungerechtigkeiten und Neid.

Dominante Erfahrungen im Französischunterricht sind darüber hinaus Langeweile und Unterforderung. Einige Heritage Speaker berichteten davon, dass durch die Lehrkraft versucht wurde, dem mit fachfremden Aufgaben oder der Erledigung von Hausaufgaben entgegenzuwirken. Ein Kompetenzzuwachs im Fach Französisch fand in diesen Situationen nicht statt.

 

Besonders im Bereich der schriftsprachlichen Kompetenzen und der formalen Register haben einige Heritage Speaker Förderbedarf, der im Unterricht jedoch wenig Beachtung findet. Hier entsteht eine paradoxe Situation: Die Heritage Speaker gelten als besonders kompetent, fühlen sich aber gleichzeitig dort allein gelassen, wo sie sich weiterentwickeln könnten.

Wahrnehmung von Heritage Speakern durch ihre Mitschüler*innen

Für die übrigen Lernenden beeinflusst die Anwesenheit von Heritage Speakern den Unterricht und das eigene Lernen maßgeblich. Viele Fremdsprachenlernende berichten von Motivation, Orientierung und einem authentischen Sprachmodell. Sie verfügen über positivere Grundeinstellungen zu Frankreich und zur französischen Sprache und schreiben sich selbst höhere Kompetenzen in fast allen Teilkompetenzbereichen zu, als die Vergleichsgruppe mit Französischlernenden ohne Heritage Speaker im Unterricht.

Gleichzeitig äußern einige auch Verunsicherung oder das Gefühl, sich permanent vergleichen zu müssen und dabei schlechter abzuschneiden. 

Insgesamt deutet sich an, dass nicht die Heritage Speaker selbst, sondern vielmehr ihre Einbindung in den Unterricht – und damit der Umgang der Lehrkräfte mit ihnen – entscheiden für die Bewertung der Situation durch alle Beteiligten ist. 
Aus den Berichten der Schüler*innen lässt sich schließen, dass in der Regel keine klare didaktische Rahmung existiert. Dies führt dazu, dass informelle Hierarchien entstehen, die sowohl für die Heritage Speaker als auch für ihre Mitschüler*innen belastend sein können. (siehe oben)      
Differenzierungsmaßnahmen liegen nicht oder nicht ausreichend vor, so dass es zu einer Unterforderung und Langeweile bei den Heritage Speakern kommt, die langfristig auch deren Motivation und Kompetenzentwicklung beeinträchtigen.

Praxisempfehlungen

Aus den Ergebnissen lassen sich zentrale Handlungsempfehlungen ableiten:

Allem voran steht die differenzierte Diagnose. Die sprachlichen Vorkenntnisse der Heritage Speaker sollten nicht pauschal interpretiert, sondern individuell entlang der Teilkompetenzbereiche erhoben werden.

 

Maßnahmen zur Förderung und Forderung von Heritage Speakern im Französischunterricht
  1. Metasprachliche Reflexionen, im Rahmen derer Heritage Speaker intuitiv verwendete grammatische Strukturen analysieren und sich bewusst machen. In der Praxis könnte dies so umgesetzt werden, dass Heritage Speaker zunächst spontan mündlich formulieren und im Anschluss ihre eigene (aufgenommene) mündliche Aussage bewusst auf grammatische Korrektheit überprüfen. 
  2. Die gezielte Schließung lexikalischer Lücken, indem der Wortschatz der Heritage Speaker um schulisch-akademische sowie fach- und themenbezogene Bereiche erweitert wird. Ein Praxisbeispiel hierzu wäre die Entwicklung von ergänzenden Wortfeldübungen (z.B. Themen wie Ökologie oder Politik), die den häuslichen Wortschatz erweitern.
  3. Die gezielte Unterstützung des Zugangs zu französischsprachiger Literatur, der das literarische Repertoire von Heritage Speakern ausbauen und vertiefen kann. Ein Praxisbeispiel ist die Etablierung eines regelmäßigen Formats wie eine individuelle „Lecture autonome“ (in Anlehnung an die „freie Schreibzeit“ nach Leßmann) bei der Heritage Speaker eigenständig anspruchsvolle, authentische Texte z.B. Romane, Gedichte lesen und in persönlichen Lesetagebücher schriftlich reflektieren, um auch den schriftsprachlichen Ausdruck zu fördern. 
  4. Die systematische Förderung der Orthographie im Rahmen bedeutsamer Schreibanlässe, die besonders morphologische Phänomene gezielt trainieren. 
  5. Eine gezielte Ausspracheförderung mittels der Bereitstellung authentischer Materialien (z.B. französische Podcasts, Radiosendungen, Hörbücher), um verschiedene Akzente und Sprechweisen der Zielsprache bewusst zu hören und evtl. nachzusprechen. 
  6. Der Einbezug der transkulturellen Erfahrungen von Heritage Speakern in den Französischunterricht. Die Ermutigung von Heritage Speakern, sich mit ihren Erfahrungen sichtbar und selbstbewusst in den Unterricht einzubringen, kann maßgeblich zur Reflexion über die eigene kulturelle Identität anregen und potenziell Identitätskonflikten vorbeugen. 
Maßnahmen zur Nutzung der Potenziale von Heritage Speakern im Französischunterricht, sodass auch ihre Mitschüler*innen von ihnen profitieren können
  1. Eine authentische Kommunikation, im Rahmen derer Heritage Speaker bewusst als „natürliche“ Gesprächspartner*innen mit authentischen Einblicken in Aussprache, Umgangssprache und verschiedene zielsprachliche Varietäten eingesetzt werden. Dies könnte beispielsweise in Form von regelmäßigen kleinen Gruppenaktivitäten passieren, bei denen Heritage Speaker dialogische Aufgaben (z.B. Interviews, Rollenspiele) mit ihren Mitschüler*innen durchführen und damit eine sprachliche Modellierung bieten. 
  2. Die aktive Integration der Interkulturellen Erfahrungen der Heritage Speaker in den Französischunterricht. Authentische Einblicke in kulturelle Praktiken und Alltagssituationen der Heritage Speaker und die gemeinsame Reflexion von kulturellen Gemeinsamkeiten und Unterschieden können die interkulturellen Kompetenzen aller Lernenden stärken. Ein Praxisbeispiel hierfür könnten das gemeinsame Feiern von Feiertagen mit den entsprechenden französischen Traditionen (Nationalfeiertag oder auch religiöse Feiertage) oder kulturelle Workshops zu französischen Rezepten, Spielen oder auch etwas abstrakter zu Mode/Musik/Literatur sein. 
  3. Methoden des kooperativen Lernens. Die Kompetenzen der Heritage Speaker können in klar umrahmten Lernsituationen mit ihren Mitschüler*innen an letztere weitergegeben werden (z.B. in Lerntandems). Auf eine dauerhafte, explizite Herausstellung der Heritage Speaker als Expert*innen oder gar als zweite Lehrperson sollte zur Vermeidung negativer sozialer Konsequenzen und auch zur Entlastung der Heritage Speaker in Bezug auf empfundenen Erwartungsdruck verzichtet werden. 

Die Implementierung dieser und ähnlicher Maßnahmen im Rahmen von Schulentwicklung kann einen Beitrag dazu leisten, dass bewusster mit Heritage Speakern, ihren Herausforderungen und Potenzialen umgegangen wird und der Französischunterricht durch und für sie intensiviert wird.

Amélie Ballast, Masterstudentin für Französisch und Wirtschaft-Politik/Sozialwissenschaften an der Universität Bonn, s3amball@remove-this.uni-bonn.de

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