Vom 27. Januar bis zum 13. März 2026 ist sie noch einmal im Landratsamt Tübingen zu sehen: Die deutsch-französische Geschichtsausstellung “Train de Loos” der Bili-Kursstufe des Kepler-Gymnasiums Tübingen. Sie ist der Abschluss des gleichnamigen Projekts und präsentiert anschaulich die Schicksale der Deportierten des letzten Konvois Nordfrankreichs im Kontext der deutschen Besatzungszeit (1940-44). Im Folgenden berichten die an der Ausstellung beteiligten SchülerInnen selbst über den Projektverlauf, die Ausstellungskonzeption sowie von ihren persönlichen Eindrücken.
Projektbeschreibung



Bereits in den Newsletter-Ausgaben von 2022 und 2024 berichteten wir von diesem außergewöhnlichen deutsch-französischen Geschichtsprojekt: Dem Projekt “Train de Loos”, das wertvolle Erinnerungsarbeit leistet. Seit dem Projektstart im September 2021 ist einiges passiert:
Drei deutsch-französische Begegnungen, zwei KZ-Gedenkstättenbesuche, eine Ehrung in der französischen Botschaft in Berlin, 80 von uns verfasste Biographien, d.h. knapp 10% des biographischen Lexikons „Histoire et mémoire des déportés du Train de Loos“, das inzwischen veröffentlicht ist… und die Vernissage unserer Ausstellung, die dem Projekt öffentliche Sichtbarkeit verleiht und aktuell zum zweiten Mal in Tübingen gezeigt wird!
Nochmal zum Hintergrund: Das Projekt „Train de Loos“ ist ursprünglich ein groß angelegtes Forschungsprojekt des Geschichtszentrums La Coupole in Helfaut-Wizernes (Pas-de-Calais), an dem dank der Initiative von Constanze Rentmeister-Reich (Tübingen) und Bernard Doncker (Saint-Omer / La Coupole) auch deutsche und französische SchülerInnen beteiligt wurden. So sind auch wir, der aktuelle Bili-Geschichtskurs des Kepler-Gymnasiums Tübingen (inzwischen Jahrgangsstufe 2), mit dem Projekt in Berührung gekommen.
Über vier Schuljahre hinweg beschäftigten sich jeweils die SchülerInnen der Jahrgangsstufe 1 im AbiBac-Zug des Kepler-Gymnasiums Tübingen sowie eine feste Arbeitsgruppe von SchülerInnen der Première und Terminale des Lycée Blaise Pascal in Longuenesse (in der Nähe von La Coupole) seit September 2021 mit dem sogenannten Train de Loos. Der Deportationszug brachte am 1. September 1944, unmittelbar vor der Befreiung der Region, noch knapp 900 Résistancekämpfer aus Nordfrankreich in deutsche Konzentrationslager. Ziel des Projekts war es, die einzelnen Schicksale der deportierten Menschen zu erforschen und sichtbar zu machen, um deren Erinnerung aufrechtzuerhalten. Keiner von ihnen kann heute noch persönlich von seinen Erfahrungen berichten: Der letzte Überlebende des Train de Loos, Daniel Bouwet, ist im Januar 2025 verstorben.
Die SchülerInnen der drei Jahrgangsstufen vor uns arbeiteten im deutsch-französischen Tandem und recherchierten zu einzelnen Deportierten anhand von historischen Quellen, die von La Coupole zur Verfügung gestellt wurden. Auf dieser Grundlage entstanden zweisprachige Biographien, die Teil des umfangreichen biographischen Lexikons “Histoire et mémoire des déportés du Train de Loos” (La Voix Éditions) wurden. Dieses wurde im Sommer 2024 anlässlich des 80. Jahrestages der Abfahrt des Train de Loos sowie der Libération Frankreichs veröffentlicht. Um diese Arbeit zu würdigen und die Projektergebnisse auch für die deutsche (oder zumindest die Tübinger) Öffentlichkeit sichtbar zu machen, gestaltete unser Bili-Kurs eine Ausstellung. Diese wurde im April und Mai 2025 im Institut culturel franco-allemand (ICFA) in Tübingen präsentiert.
Einen umfangreichen Einblick in die Entstehung des Projekts und den Verlauf bietet unsere Projektseite:
https://padlet.com/polack/das-projekt-train-de-loos-of5kqdxv8axxnvrg
Die Exkursion nach Nordfrankreich im Januar 2025: Unsere Einführung ins Projekt
Um das Projekt “Train de Loos" besser verstehen zu können und um es in Tübingen umfassend vorstellen zu können, ist unser Bili-Kurs im Januar 2025 nach Nordfrankreich zu La Coupole gereist. La Coupole ist ursprünglich ein ehemaliger deutscher Militärbunker aus dem Zweiten Weltkrieg und dient heute als Archiv, Forschungszentrum und Museum.
Die dortige Ausstellung “Les chemins de la Libération” (Juni 2024-Juni 2025), diente uns als inhaltliches Vorbild für unsere eigene Ausstellung. Im Anschluss an die Führung durch Bunkeranlage und Ausstellung erzählten uns der Historiker Laurent Seiller sowie unsere französischen AustauschschülerInnen vom Projekt und führten uns ein in die historische Quellenarbeit am Beispiel des biographischen Lexikons, das sie mitgestaltet haben. Sie zeigten uns wie sie die Quellen ausgewertet haben, um so den Lebens- und Leidensweg der Deportierten rekonstruieren zu können.
Wir konnten gut nachvollziehen, wie schwierig es gewesen sein muss, die in französischer Sprache und häufig handschriftlich verfassten Quellen zu entziffern, widersprüchliche Informationen zu prüfen und dann daraus ein stimmiges Gesamtbild zu formen. Hierbei war immer wieder die Expertise der HistorikerInnen von La Coupole gefragt sowie der regelmäßige Austausch zwischen den deutschen und französischen SchülerInnen, die an derselben Biographie arbeiteten.
Die Ausstellungskonzeption
Nachdem wir uns also Inspiration von unseren französischen Mitwirkenden geholt hatten, ging es an die Planung unserer eigenen Ausstellung. Hierfür haben wir uns zunächst in drei Gruppen aufgeteilt: Eine Gruppe für die geschichtliche Einordnung, eine für die Projektvorstellung und eine für die Öffentlichkeitsarbeit.
Der erste Teil der Ausstellung sollte den historischen Kontext darstellen, um an dieses emotionale und bedrückende Thema heranzuführen. Die erste Gruppe erstellte daher Plakate zur Besatzungszeit Nordfrankreichs (1940-1944) bis hin zur Befreiung. Die zweite Gruppe kümmerte sich v.a. um die Auswahl der Biographien und deren Darstellung. Wir haben uns der Anschaulichkeit wegen dazu entschieden, lediglich drei Beispiele auszuwählen und diese in Form von Steckbriefen zu zeigen. Ausgesucht haben wir die Personen nach folgenden Kriterien: Es sollte sich um eine Biographie aus der deutsch-französischen Schülerzusammenarbeit handeln, sie sollte inhaltlich vollständig sein und ein Bild enthalten, damit sich die BesucherInnen die Betroffenen auch visuell vorstellen konnten. Da nur ein Drittel der Deportierten des Train de Loos überlebte, haben wir bei der Auswahl der drei Biographien darauf geachtet, dass sie dieser Zahl entspricht: Nur einer der drei von uns ausgewählten Männern überlebte den Horror der Konzentrationslager. Bei unserem Besuch in Nordfrankreich hatten uns die französischen SchülerInnen auf die Biographie von Achille Labis aufmerksam gemacht. Sie hatten sich besonders intensiv mit seiner Geschichte auseinandergesetzt, da ihnen durch La Coupole der Kontakt zu seiner Enkeltochter vermittelt wurde. Bei der weiteren Auswahl war u.a. das Alter der Betroffenen ausschlaggebend, da es uns sehr berührte: die meisten von ihnen waren jung - sie schlossen sich in unserem Alter der Résistance an und bezahlten ihre Zivilcourage meist mit ihrem Leben.
Da uns die im biographischen Lexikon vorkommenden Zahlen unglaublich beeindruckt haben, haben wir diese ebenfalls in die Ausstellung aufgenommen, in der Hoffnung, dass sie bei den BesucherInnen die gleiche Wirkung erzeugen würden: 866 Deportierte. 48 Stunden Zugfahrt, zusammengepfercht im Viehwaggons. 16 Jahre war der Jüngste. 71 der Älteste. Nur 16 Menschen konnten fliehen.
Die dritte Gruppe kümmerte sich schließlich, gemeinsam mit unserer Geschichtslehrerin Frau Polack, um die Rahmenorganisation, die Flyergestaltung sowie allgemein um die Formatierung und Einheitlichkeit der am Ende entstandenen Plakate. Zudem wurde die Ausstellung auf verschiedenen Kanälen beworben und es gab regelmäßig Absprachen mit dem Institut culturel franco-allemand (ICFA) Tübingen, beispielsweise um die Vernissage am 8. April 2025 zu planen.
So haben wir zusammen als Team diese Ausstellung in wenigen Wochen auf die Beine stellen können!
Die Ausstellungseröffnung am 8. April 2025
Um die Ausstellung im ICFA Tübingen zu eröffnen, fand vor rund 80 Leuten am Dienstag, den 8. April 2025 eine Vernissage statt. Dank der Anwesenheit unserer französischen ProjektpartnerInnen, vielen Reden und Würdigungen, Live-Musik der SchülerInnen und einem Buffet entstand eine gebührend feierliche Stimmung.
Alle TeilnehmerInnen des Projekts waren vertreten, um das gemeinsam Geleistete stolz zu präsentieren: Die französische Projektleitung Laurent und Amélie Seillier, Xavier Douchet und Virginie Pennelle sowie der Direktor des Geschichtszentrums La Coupole, Philippe Queste, die deutsche Projektleiterin Miriam Polack, die Schulleitung des Kepler-Gymnasiums, Ulrike Schönthal, sowie SchülerInnen des Lycée Blaise Pascale de Longuenesse, welche extra für die Ausstellung nach Tübingen angereist waren, und auch viele ehemalige und aktuelle deutsche SchülerInnen. Darüber hinaus waren auch der französische Generalkonsul in Stuttgart, Gaël de Maisonneuve, und sogar die Ideengeberin des Projekts, Constanze Rentmeister-Reich, zu Gast und ehrten das Projekt mit ihren Reden. Wir konnten einen tiefen Einblick in unsere Arbeit geben, insbesondere in die tragischen Geschichten der Widerstandskämpfer, die uns sehr bewegt haben. Uns allen wurde noch einmal bewusst, wie relevant derartige Projekte sind, um neue Formen der Erinnerung zu finden, wenn es keine ZeitzeugInnen mehr gibt, und um niemals zu vergessen, was in der Geschichte passiert ist.
Während des Ausstellungszeitraums haben wir in Kleingruppen für Geschichtsklassen der Jahrgangsstufen 10 und 11 sowie für weitere Interessierte Führungen organisiert. Bei diesen haben wir Kurzvorträge gehalten und anhand der Ausstellungsplakate sowie interaktiven Aufgaben die Geschichten der Deportierten vermittelt. Auch für den aktuellen Ausstellungszeitraum im Landratsamt Tübingen vom 27. Januar bis zum 13. März 2026 werden wir wieder Führungen anbieten – hierzu ganz herzliche Einladung, schauen Sie gerne vorbei! Alle Infos finden Sie unter www.kepi.de.
Ausblick: Aufnahme der Projektthematik bei MusicaGurs und an der Universität Tübingen
Das Projekt MusicaGurs wurde vor mehreren Jahren ins Leben gerufen und hat das Ziel, gemeinsam mit jungen SchülerInnen sowie Studierenden aus Spanien, Frankreich und Deutschland Erinnerungsarbeit zum Zweiten Weltkrieg zu leisten. Einige aus unserem Kurs nehmen an diesem europäischen Projekt teil und hatten dadurch die Möglichkeit, nach Bilbao und Berlin zu reisen, um dort das Projekt „Train de Loos“ vorzustellen.
MusicaGurs macht vor allem auf das Konzentrationslager Gurs aufmerksam, in das viele Jüdinnen und Juden deportiert wurden, darunter Hannah Arendt. Im KZ Gurs waren außerdem viele MusikerInnen und KünstlerInnen interniert. In den Baracken gab es teilweise sogar Konzerte und einen Musikchor – daher der Projektname. Die nächste Reise geht nach Paris, wo die die beteiligten SchülerInnen und Studierenden gezielt über eine der Minderheiten forschen werden, die in Gurs interniert war. Dazu gehört unter anderem die Gruppe der Sinti und Roma oder Frauen und Kinder. Weitere Einblicke in dieses Projekt gibt es unter: https://memoiresmusicales.eu/musicagurs/
Des Weiteren wird unser Projekt „Train de Loos“ im kommenden Sommersemester 2026 in einem Seminarkurs der Eberhard Karls Universität Tübingen Eingang finden. Studierende des Fachbereichs Empirische Kulturwissenschaft werden im Hauptseminar „Erinnerungskultur und Schulalltag“ unter der Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Sannwald mehrere Projekte zur Erinnerungsarbeit, darunter auch das unsrige, anhand von Interviews mit Projektteilnehmenden qualitativ erforschen. Wir sind gespannt auf die Forschungsergebnisse!
Dank
Das Projekt “Train de Loos” wurde dankenswerterweise finanziell unterstützt durch die Baden-Württemberg Stiftung und das Deutsch-Französische Jugendwerk (OFAJ). Unser Dank gilt auch der Geschichtswerkstatt Tübingen e.V. für die Unterstützung bei der Ausstellungskonzeption sowie dem deutsch-französischen Kulturinstitut (ICFA) Tübingen und dem Landratsamt Tübingen für das Zeigen der Ausstellung in ihren Räumlichkeiten.
Verfasst haben diesen Artikel Oskar Beck, Fridoline Hahn, Juliette Heberle, Ida Kommert und Frida-Marie Ulmer, AbiBac-SchülerInnen der 12. Klasse des Kepler-Gymnasiums Tübingen sowie
Miriam Polack, Lehrerin für Geschichte bilingual und Französisch am Kepler-Gymnasium Tübingen und Hauptverantwortliche im Projekt „Train de Loos“, polack@kepi.de
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