Im Rahmen des Seminars „Frankreich: postcolonial“ haben zehn Studierende von der Universität Kassel gemeinsam mit ihrem Professor Jörg Requate vom 22. - 25. Juni - der drückenden Hitze zum Trotz - zu Themen mit Bezug zur kolonialen Vergangenheit Frankreichs in der Frankreich-Bibliothek geforscht und dabei intensiv ihr Pressearchiv genutzt.
Banlieue-Unruhen 2005
Im Oktober und November 2005 kam es nach dem Unfalltod zweier Jugendlicher auf der Flucht vor der Polizei in Clichy-sous-Bois in zahlreichen Vororten französischer Städte zu gewalttätigen Ausschreitungen, an denen sich vor allem männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund beteiligten. In der Hausarbeit, die ich im Anschluss an meinen Aufenthalt in Ludwigsburg verfassen werde, möchte ich analysieren, wie in den verschiedenen Medien über diese Ereignisse berichtet wurde.
Der Figaro beispielsweise stellte sie „entpolitisiert“ als einen Ausbruch von Vandalismus und Kriminalität von schlecht erzogenen Jugendlichen dar, wohingegen die Libération in den Ausschreitungen einen „Ausdruck der Stimmlosen“ sah, in dem sich eine tiefergehende gesellschaftliche Krise ausdrückte. Demzufolge erschienen in dieser Zeitung auch mehrere ausführliche Artikel über die Lebensbedingungen und fehlenden Aufstiegschancen der Bewohner in diesen schlecht beleumundeten Vierteln, um die Ursachen für die Unruhen zu erklären.
Dass so viel Material zu diesem Thema in der Frankreich-Bibliothek vorhanden ist, konnte ich kaum glauben. Es war toll, dass alles so gut vorbereitet war und wir gleich am ersten Tag loslegen konnten!
Johanna Muster studiert Mathe und Französisch auf Gymnasiallehramt
Soziale Ausschreitungen auf La Réunion 1991
Ich habe ein Semester auf Réunion studiert und im Anschluss dort ein Praktikum gemacht, deshalb wollte ich Rahmen unseres Exkursionsseminars ein Thema bearbeiten, dass mit der Insel in Zusammenhang steht. Ursprünglich sollte dies die Diskussion über den Status von Réunion im Zuge der Dezentralisierung 1982/83 sein, hier in Ludwigsburg habe ich mich dann aber dafür entschieden, die Berichterstattung über die Unruhen auf der Insel im Jahr 1991 zu untersuchen: Diese brachen in Zusammenhang mit der Schließung des illegalen Fernsehsenders Télé Free Dom, der für die Bevölkerung „aus La Réunion, für La Réunion“ berichtete, aus.
Dabei kamen mindestens acht Menschen ums Leben und annähernd 100 wurden verletzt. Die tiefergehenden Ursachen für diese gewaltsamen Ausschreitungen waren die schlechte wirtschaftliche Lage vieler Einwohner, die Arbeitslosenquote lag zu dieser Zeit bei weit über 30 %, eine unbefriedigende Wohnsituation und schlechte Aufstiegschance für viele Menschen. Die Quote der Analphabeten auf der Insel lag damals bei 20 %. Rund um diese Ereignisse habe ich hier in Ludwigsburg viel Pressematerial, aber auch wissenschaftliche Literatur gefunden, die Reise hierher hat sich also gelohnt.
Yvette Boo studiert im Bachelorstudiengang Kultur und Wirtschaft mit dem Profil Französisch und Spanisch
Berichterstattung über die Entstehung und Entwicklung von SOS Racisme
Ziel meiner Recherchen in der Frankreich-Bibliothek war es, herauszufinden, wie die französische Presse in Zusammenhang mit dem Marsch für Gleichheit und gegen Rassismus 1983 und der Gründung von SOS Racisme 1984 über die Emanzipationsbestrebungen der algerischstämmigen Bevölkerung Frankreichs berichtet hat.
Bei der Lektüre von Artikeln, die in konservativen Medien, insbesondere dem Figaro, erschienen sind, habe ich festgestellt, dass hier Algerier häufig aggressiv und rassistisch dargestellt wurden, als Ausländer, die sich „barbarisch“ verhalten, schuld an der Krise seien und den Franzosen die Arbeitsplätze wegnehmen würden. Auf diese Weise schürte man Ängste vor Überfremdung.
Die liberale Presse, Le Monde und Libération, stand den Emanzipations- und Gleichberechtigungbestrebungen der Einwanderer hingegen positiv gegenüber und sah darin auch eine Chance auf eine Befriedung der Gesellschaft bzw. einen gesellschaftlichen Fortschritt.
Estera Kukielka studiert Englisch und Französisch auf Gymnasiallehramt
Ausländer in der Fremdenlegion
Dass ehemalige Wehrmachstangehörige und SS-Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg als Söldner im Belgisch-Kongo gekämpft haben (Beispiel: "Kongo Müller"), hat mich zu der Frage gebracht, wie in Deutschland das Engagement eigener Bürger in der Fremdenlegion betrachtet wurde. In den 1950ern und 1960ern sah man das französische Werben um Deutsche für einen Eintritt in diese Truppe noch sehr kritisch, z.B. unter dem Gesichtspunkt, dass viele zu jung für einen Kriegseinsatz seien und kein „deutsches Blut“ für eine fremde Sache fließen solle. Eine politische Diskussion darüber wurde in Deutschland allerdings unterbunden, weil man die deutsch-französische Annäherung nicht gefährden wollte.
Ab den 1970ern-Jahren verschwand dieser kritische Blick aus der deutschen Presse. Journalisten begnügten sich fortan meist damit, mit Portraits und Interviews von bzw. mit deutschen Legionären den Mythos „Fremdenlegion“ (Flucht vor seinem "alten Leben", Abenteuer, Kampfeinsatz in fernen und exotischen Ländern etc.) zu bedienen und sparten dabei Fragen nach Gewalterfahrungen, Traumata oder institutioneller Gewalt aus.
Florian Krause studiert im Masterstudiengang „Geschichte und Öffentlichkeit“ und befasst sich schwerpunktmäßig mit der Psychiatriegeschichte im Nationalsozialismus sowie mit militärhistorischen Themen

Parlamentsdebatte von 1999 über den Algerienkrieg und die Anerkennung, dass es sich um einen Krieg gehandelt hat
War der Algerienkrieg tatsächlich ein Krieg oder nur eine Abfolge von Gewaltausbrüchen in Friedenszeiten? Über diese Frage wurde in Frankreich lange diskutiert, bis schließlich 1999 die französische Nationalversammlung beschloss, die Ereignisse in der ehemaligen Kolonie Algerien zwischen 1954 – 1962 als Krieg zu bezeichnen. Die Debatte darüber in den verschiedenen französischen Zeitungen hat mich persönlich sehr interessiert und der Aufenthalt in Ludwigsburg war eine willkommene Gelegenheit, ausgehend von umfangreichen Pressematerial darüber zu arbeiten.
Dabei ist mir zweierlei aufgefallen: Die Betrachtungsweise des Algerienkriegs hat sich im Lauf der Zeit geändert: Zunächst wurde von französischer Seite die Gewaltanwendung in Algerien als punktuell und ereignisbezogen dargestellt, erst später erkannte man an, dass Gewalt systematisch und über einen langen Zeitraum hinweg dazu eingesetzt wurde, die Unabhängigkeitsbestrebungen vieler Algerier zu unterdrücken. Gleichzeitig wandelte sich der Moralbegriff: Früher verstand man unter moralisch korrektem Verhalten das Einhalten von Ordnung, die Wahrung der Sicherheit und der nationalen Einheit, später ging es in diesem Zusammenhang v.a. um die Anerkennung von Schuld, die Übernahme von Verantwortung und eine Form der Erinnerung, die allen Seiten gerecht wird.
Die Forschende studiert Englisch und Französisch auf Gymnasiallehramt
Berichterstattung über Harki in den französischen Zeitungen
Ich habe mich damit beschäftigt, wie in der französischen Presse über die Situation der Harkis, muslimische Algerier, die im Unabhängigkeitskrieg ihres Landes auf Seiten der Kolonialmacht Frankreich gekämpft haben, berichtet wurde. Je mehr ich mich darin vertieft habe, desto mehr ist mir bewusst geworden, dass es hier viele Grauzonen gibt und man die Dinge sehr differenziert betrachten muss.
Dass der Umgang mit diesen ehemaligen Soldaten in der öffentlichen Debatte Frankreichs einen so breiten Raum eingenommen hat, ist mir erst klar geworden, als ich die umfangreiche Artikelsammlung der Frankreich-Bibliothek dazu durchgesehen habe.
Eine Studierende im Masterstudiengang „Geschichte und Öffentlichkeit“







