Deutsch französisches Institut:
https://www.dfi.de/ueber-uns/portrait/nachruf-horst-koehler

Nachruf Horst Köhler

Von Sylvie Goulard

Nachruf von Sylvie Goulard, Präsidentin des dfi

Die Präsidentin des Deutsch-Französischen Instituts (dfi), Sylvie Goulard, erinnert in ihrem Nachruf an den Bundespräsidenten a.D. Prof. Dr. Horst Köhler, der am Samstag, den 1. Februar 2025 verstorben ist.

„Ich hatte das Glück, Herrn Bundespräsidenten a.D. Professor Dr. Horst Köhler im Rahmen unserer Arbeit in der Deutschen Nationalstiftung näher kennenzulernen. Er war Präsident des Senats, ich bin dort seit 2011 Mitglied. Bereits vor dieser persönlichen Begegnung war er für mich der renommierte Ökonom, der die Geburt der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion im Bundesfinanzministerium begleitet hatte und dessen Kompetenzen und internationales Ansehen ihn an die Spitze der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung und des Internationalen Währungsfonds geführt hatten. Schon damals hatte ich ihn wegen seiner Rolle bei der Schaffung des Euros und seines Einsatzes für eine gerechtere Welt sehr bewundert.

Von den Aussagen, die zu seinem Rücktritt als Bundespräsident führten, habe ich immer gedacht, dass sie visionär waren. Hat heute irgendjemand noch einen Zweifel daran, dass die Bundesrepublik eine Verantwortung in der Welt übernehmen muss, die ihrem wirtschaftlichen Gewicht entspricht? Mit seiner Haltung war er seiner Zeit voraus, sicherlich hat er zu früh recht gehabt…

 

Sylvie Goulard
Ansprechpartner/in
Sylvie Goulard

Sylvie Goulard ist Präsidentin des dfi Sie war Mitglied des Europäischen Parlaments und französische Verteidigungsministerin. Sie ist Mitglied des Stiftungsrates der Münchner Sicherheits-konferenz.

In den Sitzungen der Deutschen Nationalstiftung habe ich dann den Menschen hinter der öffentlichen Person entdeckt: Warm, freundlich, immer präzise und engagiert, vor allem wenn es um Europa ging. Und da waren wir einer Meinung: die EU ist eine Schicksalsgemeinschaft. Franzosen und Deutsche dürfen ihre gemeinsame Verantwortung für die Weiterentwicklung der Europäischen Union nie aus den Augen verlieren.

Von seinen Erlebnissen als Kind habe ich erst später erfahren, als wir uns regelmäßig in Berlin oder Ludwigsburg trafen und der Kontakt nach meiner Wahl zur Präsidentin des dfi enger wurde. Seine Familie stammte aus Bessarabien, und wurde nach dem Hitler-Stalin-Pakt von dort nach Polen auf einen Bauernhof umgesiedelt, dessen Besitzer die Deutschen ihrerseits vertrieben hatten. Am Ende des Krieges floh die Familie Köhler nach Westen, zunächst nach Leipzig, bevor sie sich Anfang der fünfziger Jahre erneut auf den Weg machte, und schließlich 1953 in Baden-Württemberg, in Ludwigsburg, heimisch wurde.

„Ludwigsburg ist die Stadt, die mir zum ersten Mal eine Ahnung von Heimat gab, als die Flüchtlingsfamilie Köhler nach Jahren des Lagerlebens hier eine Sozialwohnung bekam“, so berichtete er es selbst 2018 als Festredner der Stadtgründungsfeier aus Anlass des 300-Jahr-Jubiläums der Stadt Ludwigsburg. Für ihn war Ludwigsburg vor allem die Stadt seiner Jugend, und der Liebe zu seiner Frau. Von ihrer Unterstützung in den Nachkriegsjahren erzählte noch der 80-Jährige mit strahlenden Augen. Und in Ludwigsburg hatte Horst Köhler 1962 auch persönlich die Rede Charles de Gaulles an die deutsche Jugend gehört und eine Ahnung davon erhalten, was Franzosen und Deutsche gemeinsam schaffen könnten. Dabei war aber die Beziehung zum dfi schon früh auch eine persönliche, wie er 2008 in seiner Rede zum 60. Geburtstag des dfi sagte:

„Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich Mitte der sechziger Jahre selber regelmäßig vor den Toren des Deutsch-Französischen Instituts stand, aus denen die Teilnehmer der Französisch-Sprachkurse strömten. Ich holte damals regelmäßig meine Freundin ab. Heute ist Eva Luise Bohnet mit mir gemeinsam hier in Ludwigsburg. Sie können also davon ausgehen: Meine Frau und ich haben das DFI auch ganz privat in bester Erinnerung.“

Seine große Leidenschaft war sein Interesse für Afrika, für dessen Kulturen und eine weitere Stärkung des Kontinent. Anlässlich der Feier zu seinem 80. Geburtstag hatte er sich als musikalisches Intermezzo … Tam Tam und Tanz gewünscht.

Ich erinnere mich auch an ein langes Gespräch in der Deutschen Botschaft in Paris, als er versuchte in der Westsahara als Sondergesandter der Vereinten Nationen zu einem Abkommen und einer Lösung beizutragen, die endlich Frieden und Wohlstand bringen sollten. Für den Maghreb träumte er von Versöhnung, von wirtschaftlicher Integration in einem Binnenmarkt. Ich hatte damals versucht, ihm im Dickicht der Diplomatie zu helfen. So einfach war es nicht…

Dass solche außerordentlichen Menschen uns gerade jetzt, in diesen trüben (und Trumpschen) Zeiten verlassen, ist mehr als traurig. Die Generation der Großzügigkeit, der Offenheit, der menschlichen Wärme und des Respekts für die Anderen verschwindet. Wer weiß, was jetzt auf uns zukommt.

Ich bin Horst Köhler von Herzen für die seelische Nähe und die Freundschaft dankbar, die ich erfahren durfte. Und auch wenn wir nicht alle Projekte, die wir für das dfi hatten, verwirklichen konnten, ist das Erbe und die Erinnerung an Horst Köhler für uns alle ein Schatz, eine moralische Hilfe und eine bleibende Freude.

In Gedanken sind wir in diesen schweren Stunden bei seiner Ehefrau, seiner Tochter und seinem Sohn und den Hinterbliebenen. Das dfi und ich selbst werden Horst Köhler immer ein ehrendes Andenken bewahren.

Sylvie GOULARD, Mitglied im Senat der Deutschen Nationalstiftung, Präsidentin des Deutsch-Französischen Instituts (dfi)

Wir werden Professor Köhler ein ehrendes Andenken bewahren

Horst Köhler (*1943) wurde im Februar im heutigen Polen in eine Familie mit bessarabisch-deutschen Wurzeln geboren. Nach der Flucht am Ende des Zweiten Weltkriegs, zunächst in die Gegend um Leipzig, siedelte die Familie Mitte der 1950er Jahre nach Ludwigsburg um.

Köhler absolvierte dort das Gymnasium. Nach dem Wehrdienst studierte er an der Universität Tübingen Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften. Der Diplom-Volkswirt blieb über einen längeren Zeitraum am Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung der Uni Tübingen. Fast zeitgleich mit der Promotion begann Köhler für die Politik tätig zu werden, zunächst in der Grundsatzabteilung des Bundesministeriums für Wirtschaft. Nach seinem Eintritt in die CDU 1981 führte der berufliche Weg über eine Station in Kiel (als Referent für Ministerpräsident Stoltenberg) zurück nach Bonn ins Bundesfinanzministerium. In seiner Funktion als Staatssekretär war Horst Köhler ein wichtiger Berater für Bundeskanzler Helmut Kohl, besonders in internationalen Wirtschafts- und Finanzfragen (so auch als deutscher Unterhändler bei den Verhandlungen zum Vertrag von Maastricht und zur Einführung einer gemeinsamen europäischen Währung).

Die berufliche Laufbahn Köhlers führte im Weiteren über die Stelle des Präsidenten des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, des Präsidenten der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (London) zum Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF). Köhler hatte dieses zuletzt genannte Amt von 2000 bis 2004 inne, bis er im Frühjahr 2004 von CDU, CSU und FDP als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten nominiert wurde. Am 23. Mai 2004 wurde Horst Köhler im ersten Wahlgang mit der absoluten Mehrheit der Delegierten der Bundesversammlung gewählt und am 23. Mai 2009 im Amt bestätigt.

In der Festrede, die Bundespräsident Horst Köhler anlässlich des 60jährigen Bestehens des Deutsch-Französischen Instituts am 31. Mai 2008 im Forum in Ludwigsburg hielt, lag der Schwerpunkt auf der Übertragbarkeit der deutsch-französischen Aussöhnung auf Konflikte in anderen Regionen der Welt. Die Erfahrungen, die in den beiden Nachbarstaaten seit Ende des Zweiten Weltkrieges auf verschiedensten Ebenen des politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens gemacht wurden, könnten als Vorbild oder Modell für ähnliche Krisenkonstellationen herangezogen werden. Köhler betont die Bedeutung der zivilgesellschaftlichen Beziehungen für Aussöhnung und Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich innerhalb eines geeinten Europas.

Stefan Seidendorf
Ansprechpartner/in
Stefan Seidendorf

Stv. Direktor, z. Zt. Geschäftsführer

+49 7141-9303-11

Details

Auszug aus der Festrede Horst Köhlers zum 60jährigen Bestehen des dfi

„Grundlage für ein neues Europa“

"Sie alle beglückwünsche ich!" Dies gilt nicht nur für unseren heutigen Anlass, das Jubiläum des Deutsch-Französischen Instituts, sondern mit diesen Worten wandte sich 1962 Charles de Gaulle von Ludwigsburg aus an die deutsche Jugend. Unter den vielen Zuhörern war auch ein damals 19jähriger Jugendlicher namens Horst Köhler.

Ich erinnere mich noch ganz genau an das Gedränge und die Aufregung, den großen französischen Staatsmann zu sehen und zu hören. De Gaulle sprach uns direkt auf Deutsch an. Sein Aufruf zu Solidarität, Vertrauen und Freundschaft hat mich begeistert. Und er hat bis heute nichts an seiner Aktualität verloren.

(…)

Wir können glücklich und dankbar sein, dass es unter den Gründern des Deutsch-Französischen Instituts genug einflussreiche Persönlichkeiten gab, die wie Carlo Schmid oder Alfred Grosser in unseren beiden Kulturen gleichermaßen zu Hause waren. Früher war dies oft ein Nachteil. Die Elsässer hatten mehrere Jahrhunderte darunter zu leiden, dass sie den Franzosen zu deutsch, und den Deutschen zu französisch waren. Heute gereicht ihnen genau das zum Vorteil. In unserer globalisierten Welt brauchen wir diese kulturellen Grenzgänger mehr denn je.

(…)

An der Wurzel unserer Freundschaft hat sich nichts geändert

An der Wurzel unserer Freundschaft hat sich nichts geändert, aber in der Krone weht ein anderer Wind. Aus dem Europa der Sechs ist die Europäische Union der 27 geworden. Das bringt mit sich, dass der deutsch-französische Motor in Brüssel manchmal neu eingestellt werden muss. Jede neue Generation von Deutschen und Franzosen muss persönlich den Wert der deutsch-französischen Freundschaft erleben, schätzen und mit neuem Inhalt gestalten. Ich bin davon überzeugt: Das Europäische Modell wird seine Strahlkraft in der ganzen Welt aber nur behalten, wenn es weiter auf der Kreativität und Energie der deutsch-französischen Zusammenarbeit aufbaut.

Im Übrigen müssen wir Europäer uns alle zusammen vor Augen führen, dass unsere Bedeutung in der Welt von morgen nicht unbedingt gesichert ist. Im Jahre 2050 werden nur noch sieben Prozent der Weltbevölkerung in Europa leben. Dies macht deutlich, wie wichtig es ist, dass in den großen Lebensfragen Europa mit einer Stimme spricht.

Die Globalisierung stellt viele neue Herausforderungen an uns

Die Globalisierung stellt viele neue Herausforderungen an uns, sowohl an Deutschland als auch an Frankreich: Wie können wir Arbeit und Wohlstand in Europa sichern und zugleich zur Überwindung der großen Armut in der Welt beitragen? Welches Bildungssystem bietet unserer Jugend die besten Chancen? Wie integrieren wir Zuwanderer in unsere Gesellschaft? Welche Verantwortung haben wir für Frieden und Sicherheit in der Welt angesichts von Armut, Extremismus und Klimawandel? Ich begrüße es sehr, dass das Deutsch-Französische Institut dazu einen intensiven Meinungsaustausch zwischen Experten aus unseren beiden Ländern organisiert.

Frankreich und Deutschland werden dabei nicht immer dieselben Antworten finden. Dies ist auch nicht nötig. Wir sollten nicht auf eine allgegenwärtige Gleichförmigkeit hinarbeiten. Im Gegenteil, meiner Meinung nach liegt auch in der Komplementarität von Unterschieden ein großes Potential. Unsere enge Zusammenarbeit ermöglicht, ja zwingt uns dabei immer wieder, den Blick über den eigenen Tellerrand zu werfen, um zu sehen, wie der Andere sich den Herausforderungen stellt. Diese Offenheit gegenüber neuen Ideen ist unverzichtbar, damit wir uns selbst verändern können.

Gewiss, dabei streiten wir uns manchmal, aber dies gehört zu langen Partnerschaften dazu. Mehr noch, mancher Streit ist für den Bestand und die Fortentwicklung der Beziehung unabdingbar. Wir wissen, dass wir zusammengehören, und haben in den letzten Jahrzehnten dabei ein gutes Stück Gelassenheit entwickelt; ganz im Sinne unseres Ludwigsburger Dichters Eduard Mörike, der sagt: "Wer keinen Humor hat, sollte eigentlich nicht heiraten".

Wichtig ist aber jetzt, dass das Interesse der jungen Franzosen und Deutschen aneinander lebendig bleibt

Wichtig ist aber jetzt, dass das Interesse der jungen Franzosen und Deutschen aneinander lebendig bleibt und wir zusammen neue Wege beschreiten. Dies hat auch das deutsch-französische Jugendwerk erkannt und bietet zunehmend Programme mit Drittstaaten an. Das bedeutet konkret, dass sich junge Deutsche und Franzosen nicht mehr nur miteinander beschäftigen, sondern mit Jugendlichen aus Osteuropa, dem Balkan und den Mittelanrainern zusammenkommen. Was kann glaubwürdiger sein, als wenn junge Deutsche und junge Franzosen in gemeinsamen Versöhnungsprojekten ihre heutige Freundschaft dokumentieren?

Und der Versöhnungsgedanke ist selbst heute noch in Europa ein Thema. Das lehrt uns ganz aktuell ein Blick auf den Westbalkan. Dort, mitten in Europa, gab es noch vor wenigen Jahren Kriege. Und die Wunden dieser Kriege sind noch lange nicht verheilt.

Auch in anderen Teilen der Welt – ich denke zum Beispiel an Indien und Pakistan oder an Japan und China – mutet der Wandel der deutsch-französischen Aussöhnung nach Jahrhunderten von Ablehnung und Krieg hin zu engster Partnerschaft und Freundschaft visionär an. Jeder gemeinsame Auftritt von Deutschen und Französen in solchen Ländern, selbst wenn er nicht die Versöhnung als Thema hat, straft diejenigen Lügen, die Erbfeindschaften als gleichsam biologisch-determiniert und damit unveränderbar bezeichnen. Die Zahl der staatlich geförderten deutsch-französischen Kulturprojekte in Drittstaaten ist in den letzten fünf Jahren ständig gestiegen. Sie sind schon jetzt ein gemeinsamer Exportschlager von Deutschland und Frankreich. Lassen Sie uns weitermachen. Es gibt genug Themen, wie Umweltschutz und Armutsbekämpfung, in denen wir gemeinsam en einem Strang ziehen können.

 

Auszug aus der Festrede des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler aus Anlass des 60jährigen Bestehens des Deutsch-Französischen Instituts am 31.05.2008. Die vollständige Festrede können Sie auf der Website des Bundespräsidialamtes nachlesen: http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Horst-Koehler/Reden/2008/05/20080531_Rede.html

Icon Briefumschlag