Die nationalistische und rassistische Ideologie, auf deren Grundlage u.a. die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland das Dritte Reich begründet hatten, bestand auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fort. Um sie zu pflegen und zu verbreiten mussten sich ihre Anhänger nun allerdings neue Ausdrucksformen und Plattformen suchen.
Wie ehemalige NS-Propagandisten in Deutschland und Frankreich das Gedankengut des Rechtsradikalismus in die Nachkriegszeit überführt und den neuen politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten angepasst haben, hat Dr. Marie Müller-Zetzsche, Wissenschaftlerin am Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien e. V., untersucht und dafür insbesondere die Inhalte der deutschen Zeitschrift „Nation Europa“ und der französischen „Défense de l’Occident“ im Zeitraum 1951 – 1971 miteinander verglichen.
Im Europa der Nachkriegszeit vernetzten sich die Verfechter der rechtsradikalen Ideologie grenzüberschreitend, die Redaktionen der oben genannten Zeitschriften tauschten sich inhaltlich miteinander aus. Eines ihrer wichtigsten Themen war zu Beginn der 1950er-Jahren das Konzept einer „Nation Europa“, die u.a. vor dem Bolschewismus oder einer Kolonialisierung durch die USA und ihrem minderwertigen kulturellen Einfluss geschützt werden müsse. Um diese Gefahr abzuwenden, müssten die Länder Europas, so der übereinstimmende Tenor unter den Autoren, zusammenstehen.
Eine eingehende Beschäftigung mit den Ereignissen während des Zweiten Weltkriegs sahen beide Seiten dafür als hinderlich an, stattdessen verbreiteten sie im Einklang miteinander ein Bild der jüngeren Vergangenheit, das den Holocaust als ein grausames Geschehen unter vielen in den Jahren 1939 – 1945 relativierte, wenn nicht gänzlich leugnete, und Kriegsverbrechen, besonders die der Waffen-SS, verharmloste. Uneinig war sich die deutsche und französische Autorenschaft darin, wie man den Algerienkrieg und das immer stärkere Streben vieler Kolonien nach Unabhängigkeit interpretieren solle: Während die deutschen Autoren Sympathien für den Freiheitskampf der unterdrückten Völker hegten und die Dekolonialisierung als Chance dafür ansahen, sich auf Kerneuropa zu konzentrieren, empfanden die französischen diese Entwicklungen als Demütigung und bezeichneten die Aufgabe Algeriens durch Präsident Charles de Gaulle als Hochverrat. Die Idee der „Nation Europa“, die zuvor als gemeinsames Ziel propagiert worden war, verlor zu Beginn der 1960er-Jahre ihren Glanz, da nun auch Staatsmänner wie Charles de Gaulle die Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Kriegsgegner ausbauen wollten, was in Beiträgen zu „Nation Europa“ durchaus honoriert wurde.
Als gemeinsames Feindbild identifizierten die Autoren beider Zeitschriften in dieser Zeit die Vereinten Nationen bzw. die „Eine Welt – Ideologie“, da sie ihrer Ansicht nach nur die Interessen der nicht-weißen Weltbevölkerung verfolgen würden. In diesem Zusammenhang ging Marie Müller-Zetzsche auf die Idee der „Biopolitik“ ein, die in den 1960er-Jahren in Verbindung mit dem Erstarken der afroamerikanischen Emanzipationsbewegung in den USA in rechtsextremen bzw. rassistischen Kreisen dies und jenseits des Atlantiks großen Zuspruch fand: Diese unterstellt, dass durch eine Durchmischung der Rassen und aufgrund des schnellen Wachstums der afrikanischen Bevölkerung perspektivisch die „Weißen“ auch in ihren eigenen Ländern in Europa und Nordamerika zu einer Minderheit werden würden. Um zu beweisen, dass die Angehörigen dieser Völker bzw. „Schwarze“ minderwertig seien, beriefen sich die Autoren von „Nation Europa“ und „Défense de l’Occident“ auch auf pseudowissenschaftliche Studien, die vorgaben zu beweisen, dass die intellektuellen Fähigkeiten von „Schwarzen“ denen von „Weißen“ grundsätzlich unterlegen seien.
Zum Ende ihres Vortrags zeigte Dr. Marie Müller-Zetzsche zwei Leitlinien auf, die die Autoren- und Leserschaft beider Zeitschriften miteinander verbanden: Der feste Glauben daran, dass Hierarchien in der Bevölkerung und auch zwischen Völkern natürlich bedingt seien, und die Überzeugung, dass die kulturelle Homogenität von Staaten und Gesellschaften bewahrt werden muss und eine Durchmischung von Völkern deshalb abzulehnen sei. Diese Ideologie des „Ethnopluralismus“ werde auch heute noch von der Neuen Rechten vertreten und von AfD-Vertretern immer wieder zur Legitimation ihrer Forderungen herangezogen.
Für die Leserschaft beider Zeitschriften, die in Frankreich und Deutschland jeweils wenige tausend Personen umfasst habe, sei ihre Lektüre, und auch der Kontakt zu anderen Lesern, der über Kleinanzeigen entstand, identitätsstiftend gewesen, und habe sie in ihrem nationalistischen und rassistischen Weltbild bestärkt. Die Tatsache, dass in „Nation Europa“ und „Défense de l’Occident“ fast ausschließlich Männer publiziert haben erklärte die Referentin damit, dass die rechtsextreme Kultur generell männerbündisch geprägt sei.
Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Volkshochschule Ludwigsburg




