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Ludwigsburg
Vortragsreihe des dfi in Kooperation mit der vhs

Oppenheimer - Briefe einer jüdischen Familie gegen das Vergessen

Szenische Lesung anlässlich des Internationalen Tages gegen Rassismus

Der Autor und Journalist Anton Ottmann, seine Frau Ursula, der Heidelberger Schauspieler Friedrich E. Becht und der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Gert Weisskirchen haben am 19. März 2025 im dfi die tragische Geschichte der jüdischen Familie Oppenheimer in Form einer szenischen Lesung erzählt.

Die Oppenheimers erlitten ein ähnliches Schicksal wie die Familie Frischauer, in deren Villa das dfi seit 1955 untergebracht ist. Deshalb, und weil die Oppenheimers in Frankreich Opfer der Kooperation zwischen dem Dritten Reich und dem Vichy-Regime wurden, war das dfi sowohl wegen der Geschichte seines Hauses als auch aufgrund seiner Tätigkeit ein geeigneter Ort für diese Lesung.

Organisiert hat sie das dfi gemeinsam mit der Volkshochschule Ludwigsburg, dem Förderverein Synagogenplatz / Arbeitskreis Dialog Synagogenplatz und der Stolperstein-Initiative Ludwigsburg.

Die Rolle der Eltern Leopold und Rositta Oppenheimer übernahmen dabei Anton und Ursula Ottmann, die des Sohnes Hans Friedrich E. Becht und die des Sohnes Max Gert Weisskirchen, für die musikalische Gestaltung sorgte Martin Ritz. Die Texte des Vortrags stammen aus dem Buch „Oppenheimer – Briefe einer jüdischen Familie gegen das Vergessen“ von Anton Ottmann.

Wie die Geschichte der Familie begann auch die Lesung mit Leopold und Rositta Oppenheimer. Leopold, als „wilder Bub“ in bürgerlichen Verhältnissen in Dossenheim aufgewachsen, begann seine berufliche Laufbahn als Bahningenieur im badischen Staatsdienst. Als Soldat der Artillerie wurde er im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet später verwundet.

Den Aufstieg des Nationalsozialismus schilderten die Söhne Max und Hans, die zu dieser Zeit die Schule besuchten. Dort wurde Max wegen seiner Religionszugehörigkeit aus der Hockeymannschaft ausgeschlossen und Hans verließ das Gymnasium, da sein Abschluss durch die antisemitischen Gesetze verhindert wurde. Als er mit brennenden Synagogen und der Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung konfrontiert wurde, stellte sich Max die Frage: „Was ist eigentlich ein Jude?“.

Max konnte nach einer vierwöchigen Haft im KZ Dachau nach England emigrieren, wo er als Schlosser in der Rüstungsindustrie arbeitete und sich, wie zuvor schon in Deutschland, in kommunistischen Gruppen engagierte.

Die in Deutschland verbliebenen Familienmitglieder wurden 1940 in das südfranzösische Lager Gurs gebracht. Der Sohn Hans wurde von dort im Oktober 1940 zur Zwangsarbeit ins Département Drôme geschickt und damit für immer von seinen Eltern getrennt.

Im Jahr 1942 wurden Hans und Leopold in Konzentrationslager im Osten deportiert. Leopold wurde 1943 im KZ Majdanek ermordet, Hans überlebte Aufenthalte in den Lagern Auschwitz, Groß-Rosen und Mittelbau-Dora und starb schließlich im KZ Buchenwald wenige Wochen vor der Befreiung durch die Amerikaner. Rositta entging der Deportation nach Osten. 1944 wurde sie aus dem Lager in Goé entlassen und durfte in Frankreich arbeiten.

Nach Kriegsende kehrten sie und ihr Sohn Max in ihre alte Heimat zurück. Rositta beteiligte sich hier aktiv an der Aufarbeitung des Holocaust und gründete in Heidelberg ein jüdisches Altersheim. 1966 wurde sie für ihre Leistungen mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Die Motivation für ihr Wirken begründete sie dabei mit ihrer Liebe zu Deutschland und zu Heidelberg. Ihr Sohn Max engagierte sich in Deutschland politisch bei der KPD und bemühte sich in seiner Arbeit als Journalist v.a. darum, über den Holocaust aufzuklären.

Während der Fragerunde im Anschluss an die Lesung bot Anton Ottmann Einblick in seinen Arbeitsprozess: Von der Entdeckung der ehemaligen Pfeifentabakfabrik in Wiesloch, die Leopold Oppenheimer geleitet hatte, über die Archivarbeit bis zum Zugang zu den über 200 Briefen der Oppenheimers, die sich heute noch im Familienbesitz befinden. Die Geschichte der Familie bezeichnetete er dabei auch als Kapitel der deutsch-französischen Geschichte, nicht zuletzt wegen der Kollaboration des Vichy-Regimes mit den Nationalsozialisten. In diesem Kontext wies er darauf hin, dass die französischen Internierungslager und die Rolle des Nachbarlandes bis heute ein Tabuthema in Frankreich seien. In Verbindung damit problematisierte Ottmann den fehlenden Widerstand vonseiten der Bevölkerung, sowohl während der NS-Zeit als auch heute im Zusammenhang mit der aktuellen politischen Stimmung in Deutschland und den USA.

In Kooperation mit der Volkshochschule Ludwigsburg, dem Förderverein Synagogenplatz / Arbeitskreis Dialog Synagogenplatz und der Stolperstein-Initiative Ludwigsburg

Das Buch Oppenheimer - Briefe einer jüdische Familie gegen das Vergessen (ISBN: 978-3-96308-233-7) von Anton Ottmann ist bei Lindemanns erschienen und kann im Buchhandel erworben werden.

 

 

Friedrich E. Becht, Anton Ottmann, Ursula Ottmann und Gert Weisskirchen (v.l.n.r.) während der Lesung
Friedrich E. Becht, Anton Ottmann, Ursula Ottmann und Gert Weisskirchen (v.l.n.r.) während der Lesung
Anton Ottmann beantwortet Fragen aus dem Publikum
Anton Ottmann beantwortet Fragen aus dem Publikum
Ursula Ottmann, Martin Ritz, Anton Ottmann, Friedrich E. Becht und Gert Weisskirchen (v.l.n.r.) vor der Lesung im dfi
Ursula Ottmann, Martin Ritz, Anton Ottmann, Friedrich E. Becht und Gert Weisskirchen (v.l.n.r.) vor der Lesung im dfi
Martin Villinger begrüßt die Gäste im dfi
Martin Villinger begrüßt die Gäste im dfi
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