Deutsch französisches Institut:
https://www.dfi.de/veranstaltungen/aktuell/einzelansicht

Ludwigsburg
Vortragsreihe des dfi in Kooperation mit der vhs

Oradour sur Glane: Ein „Nicht-Ort“ der deutsch-französischen Versöhnung?

Am 8. Mai hat Dr. Andrea Erkenbrecher auf Einladung des dfi, des Fördervereins Zentrale Stelle e.V. und der VHS-Ludwigsburg im dfi in einem bewegenden Vortrag Möglichkeiten und Grenzen von Versöhnung nach dem Massaker von Oradour aufgezeigt. Dabei verdeutlichte sie anhand von einzelnen exemplarischen Momenten, warum Letztere lange nicht möglich war.

Ausgangspunkt war das Massaker von Oradour-sur-Glane, das Soldaten der Waffen-SS am 10. Juni 1944 in dem französischen Dorf verübten und bei dem nahezu 650 Zivilisten, darunter viele Frauen und Kinder, ermordet wurden.

Im März 1945 besuchte Charles de Gaulle das zerstörte Dorf und erklärte Oradour dabei zum Symbol für das, was dem Land als Ganzem während der Besatzungszeit von 1940 – 1944 angetan worden war. Gemäß seinem Willen wurden die Ruinen zur Erinnerung in ihrem Zustand belassen und in ihrer unmittelbaren Nähe ein neues Dorf mit dem Namen Oradour-sur-Glane errichtet. Zu diesem Zweck ging das gesamte Gebiet des früheren Dorfes in Staatsbesitz über, die bisherigen Besitzer wurden entschädigt. Den Hinterbliebenen der Opfer versprach de Gaulle eine Bestrafung der Täter.

1953 wurden im ersten Oradour-Prozess in Bordeaux tatsächlich 21 an dem Massaker beteiligte Soldaten verurteilt. Im Elsass allerdings erhob sich daraufhin ein Proteststurm, da 14 der Verurteilten als Elsässer zum Kriegsdienst für die Deutschen gezwungen worden waren und somit selbst als Opfer angesehen werden müssten. Um die Situation zu beruhigen, wurden 13 dieser Elsässer amnestiert, der 14., der sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hatte, und die anderen Angeklagten erhielten keine wesentlichen Strafen.

Dieser Prozessausgang löste bei den Hinterbliebenen der Opfer, die sich inzwischen zu einem Interessenverband zusammengeschlossen hatten, große Verbitterung aus. Künftig galt für sie der Konnex „keine Versöhnung ohne Gerechtigkeit“, die Forderung nach der Bestrafung der Täter blieb für sie zentral.

Im Prozess der deutsch-französischen Wiederannäherung, der Ende der 1950er-Jahre einsetzte, bemühten sich die offiziellen Stellen beider Seiten zunächst nicht um eine Aufarbeitung des Verbrechens. „Bei der Versöhnung wurden jüngere Schmerzen ausgespart“, so Andrea Erkenbrecher.

Das offensichtlich fehlende Engagement, die für das Massaker Verantwortlichen vor Gericht zu stellen, hatte zur Folge, dass sowohl die Vereinigung der Hinterbliebenen als auch die Gemeinde Oradour jedwede Beteiligung an offiziellen Versöhnungsgesten verweigerten.

Eine Annäherung auf zivilgesellschaftlicher Ebene begann Anfang der 1980er-Jahre u.a. dank des Engagements von Vinzenz Kremp. Dieser pflegte damals in jedem Sommer mit Jugendlichen deutsche Kriegsgräber in Frankreich und besuchte dabei mit ihnen auch die Ruinen von Oradour. So entstand der Kontakt zum dortigen Ortspfarrer, der die Bemühungen Kremps um Aussöhnung unterstützte und dafür 1986 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Von der Vereinigung der Hinterbliebenen und der Gemeinde Oradour wurden die deutsch-französischen Aktivitäten der sehr regen Kirchengemeinde des Ortes zwar toleriert, aber offiziell ignoriert.

Als Beispiel dafür, dass die Gemeinde sehr lange nicht bereit war, offizielle deutsche Versöhnungsgesten in Oradour selbst zu akzeptieren, nannte Erkenbrecher eine Kranzniederlegung der damaligen damaligen Bundestagsabgeordneten und stellvertretenden Vorsitzende der SPD Heidemarie Wieczorek-Zeul am 11. Juni 1994 in Oradour, die nicht öffentlich kommuniziert wurde an die nicht öffentlich erinnert wird. Der Grundsatz „so lange das Massaker nicht anerkannt wird, erkennen wir die Versöhnung nicht an“ galt weiter.

Ein Wechsel in der Kommunalpolitik setzte mit der Wahl von Raymond Frugier zum Bürgermeister von Oradour 1995 ein. 2004 empfing die Gemeinde erstmals eine Delegation der Region Elsass anlässlich einer Messe, die die Bischöfe von Strasbourg und Limoges gemeinsam zelebrierten. Im gleichen Jahr gedachte der damalige Bundeskanzler Schröder bei den Feierlichkeiten des 60. Jahrestags der Landung der Alliierten in der Normandie ausführlich der Opfer von Oradour-sur-Glane, was im Ort positiv wahrgenommen wurde.

Erst 2013 wurde nach Vorarbeit des Bürgermeisters von Oradour und auf Initiative des damaligen Präsidenten François Hollande der damalige Bundespräsident Joachim Gauck gemeinsam mit dem französischen Präsidenten François Hollande in Oradour empfangen. Auch der Verein der Hinterbliebenen war nun bereit, diesen Schritt zu unterstützen. Im Zentrum der Rede, die Joachim Gauck dort gehalten hat, stand nicht die Vergebung, sondern die Anerkennung der Schuld. Damit entsprach der Bundespräsident den Wunsch der Einwohner von Oradour und der Hinterbliebenen, das Leiden und Sterben der Ermordeten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

81 Jahre nach dem Massaker hat sich nach Ansicht von Andrea Erkenbrecher über die Jahrzehnte hinweg eine Form der Aussöhnung entwickelt, die zwar selten, dafür aber umso kostbarer ist.

Als ermutigendes Zeichen wertet sie den im vergangenen Jahr geschlossenen Freundschaftspakt zwischen Oradour-sur-Glane und der Stadt Hersbruck. Die Versöhnung finde nun in der Enkelgeneration statt, was zeigen würde, dass auch aus der Erinnerung an dieses dunkle Kapitel eine gemeinsame Zukunft entstehen kann.

Erkenbrecher beendete ihren Vortrag mit dem Satz „Beziehungen erweisen ihren Wert erst, wenn das schöne Wetter zu Ende ist“ und verdeutlichte damit eindrücklich, dass Versöhnung kein Moment, sondern ein langwieriger, oft schmerzhafter Prozess ist.

Andrea Erkenbrecher während ihres Vortrags
Andrea Erkenbrecher während ihres Vortrags
Andrea Erkenbrecher im Gespräch mit Zuhörern nach ihrem Vortrag.
Andrea Erkenbrecher im Gespräch mit Zuhörern nach ihrem Vortrag.
Andrea Erkenbrecher während ihres Vortrags
Andrea Erkenbrecher während ihres Vortrags
Das Publikum applaudiert am Ende des Vortrags von Dr. Andrea Erkenbrecher.
Das Publikum applaudiert am Ende des Vortrags von Dr. Andrea Erkenbrecher.
[Translate to Francais:]
Ansprechpartner/in
Martin Villinger

Directeur de la Frankreich-Bibliothek

+49 7141-9303-35

Details
Zurück
Icon Briefumschlag