Zu Beginn seiner Analyse ging Didion auf die bisher wenig beachtete Bedeutung des Fußballs in der Erforschung der deutsch-französischen Beziehungen ein, die es weiter zu untersuchen gelte. Sportarenen als Orte des gesellschaftlichen und politischen Zusammenkommens und Austausches seien prädestiniert dazu, als Räume der gelebten deutsch-französischen Beziehungen analysiert zu werden.
In einem ersten thematischen Block, stellte Didion die Bedeutung dreier Orte – Paris, Stuttgart und Sevilla – für die deutsch-französischen Beziehungen dar. In Paris fand bereits 1952 das erste Länderspiel zwischen Deutschland und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg statt, was in den jeweiligen Landesmedien noch für unterschiedliche Reaktionen sorgte. Während in Deutschland insbesondere der Gedanke einer einsetzenden Aussöhnung mit dem westlichen Nachbarn im Vordergrund stand, war man auf französischer Seite noch wesentlich zurückhaltender. Dies lag auch an einigen mitgereisten deutschen Fans, die in Frankreich nicht nur positiv auffielen.
Als die beiden Mannschaften zehn Jahre später, im Neckarstadion in Stuttgart zum wiederholten Male aufeinandertrafen, wurde dies in beiden Ländern als positive Entwicklung wahrgenommen. Dies lag nicht zuletzt daran, dass man es 1962 verstand, dem sportlichen Ereignis, etwa durch die Präsenz des Bundespräsidenten Lübke, eine staatspolitische Dimension, mit dem Ziel des Kontaktes und der Versöhnung, zu verleihen. Auch Stuttgart selbst sei, unter anderem aufgrund seiner Rolle als Austragungsort der Konferenz französischer und deutscher Bürgermeister – begleitet von einem Fußballspiel der Stuttgarter Kickers gegen den Hauptstadtclub RC Paris – zwölf Jahre zuvor, als Ort des Austausches und der Aussöhnung, von symbolischer Bedeutung, so Didion.
Sevilla, wo am 8. Juli 1982 das WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich ausgetragen wurde, führte er als dritten Ort an, der einen starken Bezug zu den deutsch-französischen Beziehungen rund um die Fußballnationalmannschaften habe. Die Kontroversen anlässlich des deutschen Siegs im Elfmeterschießen und insbesondere das Foul an Patrick Battiston durch den deutschen Torwart Toni Schumacher, seien damals Katalysator einer Welle anti-deutscher Ressentiments in der französischen Presse gewesen. Dabei bediente man sich in der Berichterstattung und den Kommentaren alter Feindbilder, bspw. jenes des vor Kraft strotzenden „Preußen“, der sich gegen die „Finesse“ der Franzosen nur durch Kraft zu behaupten wisse. Trotz aller damaliger Debatten und verbaler Entgleisungen hat sich Die Nacht von Sevilla jedoch kaum auf die langfristigen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreichs ausgewirkt und sie ist heute vor allem als Anekdote Teil der kollektiven Erinnerung. Das Eintreten der beiden maßgeblichen Akteure Battiston und Schumacher gegen die Instrumentalisierung dieses Ereignisses wurde als bedeutend hervorgehoben.
Dass sich der deutsch-französische Austausch rund um den Fußball nicht nur auf die Länderspiele begrenzte, wurde im zweiten Teil des Vortrages näher erörtert. Zunächst wurde vor allem die Tätigkeit des Fußballfunktionärs Willy Scheuer beleuchtet, der ab den 1950er Jahren für den Verein Racing Club de Strasbourg tätig war, sich in dieser Zeit für eine Intensivierung der Kontakte nach Deutschland bemühte und gezielt westdeutsche Spieler für den Verein anwarb. Dass er sowohl in Frankreich als auch in Deutschland bestens vernetzt war und schnell Verbindungen zu Vereinen und Spielern auf der anderen Seite des Rheins aufbauen konnte, wurde im Elsass aber nicht nur positiv aufgenommen. Gerade die noch frischen Erinnerungen an den Krieg hätten hierbei, von Seiten seiner Kritiker in Gesellschaft und Presse, zu einer Verleumdungskampagne gegen Scheuer geführt, die ihm eine vermeintlich anti-patriotische Einstellung zu unterstellen versuchte. Dennoch setzte er sein Engagement für den deutsch-französischen Fußball gegen alle Widerstände fort, sowohl auf der Vereinsebene als auch für den nationalen französischen Fußballverband. Seine Aktivitäten und die Widerstände dagegen stehen dabei stellvertretend für alle Bereiche deutsch-französischer Kooperation in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, so Didion.
Im letzten Teil seines Vortrages ging Philipp Didion schließlich auf die Städtepartnerschaft zwischen Saint-Étienne und Wuppertal ein. Bereits vor der offiziellen Unterzeichnung einer Partnerschaftsurkunde gab es Sportkontakte zwischen den beiden Städten und die 1960 offiziell festgeschriebene Partnerschaft stand auch im Zeichen des Fußballs. So habe man sich bspw. im Jahr 1965, als die Installation von Flutlichtern im Stadion von Saint-Étienne anstand, beim deutschen Partner über die Qualität der dort errichteten Anlagen informieren lassen. Sportlicher Austausch ließe sich somit auch als Triebkraft für weitere Kooperationen begreifen.
Am Ende plädierte Philipp Didion für eine Erweiterung der Betrachtungsgegenstände und -räume bei der Erforschung der deutsch-französischen Beziehungen, nicht zuletzt im Zuge des spatial turn in der Kultur-, Sozial- und Geschichtswissenschaft. Auch wenn, gerade in der historischen Fußballforschung, in diesem Bereich bereits wichtige Impulse gesetzt wurden, seien weitere Studien nötig.
In Kooperation mit der Volkshochschule Ludwigsburg




