Die Kooperationsveranstaltung zwischen dem dfi und der vhs Ludwigsburg im Rahmen der Ludwigsburger Wochen gegen Rassismus leitete Christian Minuth mit einer Kontextualisierung der Nachkriegszeit in Frankreich und im besetzten Deutschland ein. Viele Menschen mussten damals traumatische Erfahrungen verarbeiten, Ressentiments gegen Deutsche waren in Frankreich weit verbreitet und so engagierten sich zunächst nur wenige für eine deutsch-französische Wiederannäherung bzw. Aussöhnung. Neben Staatsmännern wie Charles de Gaulle oder Konrad Adenauer, die auf politischer Ebene am Ende der 1950er-Jahre die deutsch-französische Freundschaft anbahnten, sollte unbedingt auch das Engagement derjenigen gewürdigt werden, die schon bald nach dem Krieg Kontakte mit dem Nachbarn herstellten, sei es im Rahmen erster Partnerschaften, von Austauschprogrammen oder auch auf ganz privater Ebene. Berührungspunkte im Alltag gab es während des Krieges und nach dem Krieg bereits viele: über deutsche Kriegsgefangene in Frankreich oder Franzosen, die als Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene oder Besatzungssoldaten in Deutschland waren.
Französische und deutsche Frauen und Männer, die in dieser Zeit miteinander Liebesbeziehungen eingegangen waren, dabei Sprach- und Nationalitätsgrenzen überwunden hatten und sich zugleich gegen Skepsis und auch Zurückweisung ihres Umfelds behaupten mussten, standen im Mittelpunkt des zweiten Teils des Vortrags: Sylvie Méron-Minuth stellte vier der sieben ergreifenden deutsch-französische Geschichten vor, die sie gemeinsam mit ihrem Mann für ihr Buch gesammelt hat.
Am Anfang stand das der Französin Mauricette, die erzählt hat: „Ich bin aus Liebe zu meinem Mann nach Deutschland gekommen, aus keinem anderen Grund […].“ Sie hatte ihren Mann Joseph als Kriegsgefangenen in Frankreich kennengelernt, heiratete ihn im Jahr 1949 und zog mit ihm nach Deutschland. Vorurteile oder Hass in der Familie oder in der deutschen Gesellschaft haben sie und ihr Mann in Deutschland nicht wahrgenommen.
In der zweiten Lebensgeschichte hob Méron-Minuth hervor, dass Vorurteile gegenüber Deutschen durch persönlichen Kontakt abgebaut werden können. Als Arlette ihrer französischen Familie erzählte, dass sie einen deutschen Mann heiraten wolle, meinte ihr Vater: „Als ob es nicht genug Franzosen gäbe.“ Ihre Tante malte sogar das Bild eines deutschen Monsters und stellte sich deutlich gegen die Beziehung Arlettes. Auf der Hochzeit entwickelte sich diese Tante aber schnell zu einer „Deutschlandfreundin“.
Am Beispiel des Schicksals von Alain verdeutlichte Sylvie Méron-Minuth die Herausforderungen einer deutsch-französischen Familie im Nachkriegsfrankreich. Alain wuchs in einer Dorfgemeinschaft auf, die seine binationale Familie, sein Vater war Deutscher, seine Mutter Französin, ausgrenzte. Die Diskriminierung gegenüber seiner Mutter, weil sie mit einem Deutschen zusammenlebte und ihm selbst, weil er ein Kind eines Deutschen war, zeigen Ressentiments gegenüber Deutschland, die in Frankreich in dieser Zeit an vielen Orten noch sehr tief verwurzelt waren.
Zum Abschluss präsentierte Méron-Minuth die dramatische Lebensgeschichte von Elisabeth, die ihr ihre Enkeltochter Sandrine erzählt hatte. Nach einer kurzen Beziehung mit einem verheirateten französischen Soldaten in Baden-Baden musste Elisabeth den gemeinsamen Sohn Gaston zunächst allein großziehen. Als Gaston noch ein Kleinkind war, heiratete sie den französischen Soldaten Serge, mit dem sie einige Jahre nach der Hochzeit in den Großraum Paris zog, wo seine Familie lebte. Dort erfuhr sie mit ihrem Sohn, der von der französischen Familie als „Bastard“ angesehen wurde, eine starke Zurückweisung, die bei ihr zu Depressionen und Alkoholismus führten und sie schließlich in den Selbstmord trieben. Gaston wurde danach von Serge adoptiert und erzählte seiner Tochter Sandrine erst, als diese selbst schwanger war, von dem traurigen Schicksal ihrer deutschen Großmutter und seiner schwierigen Beziehung zu ihr.
Am Ende ihres Vortrags wies das Ehepaar Minuth auf die hohe Bedeutung hin, die die Dokumentation solcher Lebensgeschichten aus der Nachkriegszeit hat, denn „die Stimmen der direkten Zeitzeugen verstummen allmählich.“
Das Buch “Comme s'il n'y avait pas assez de Français !” ist in Frankreich 2023 bei den Éditions Maïa erschienen, die deutsche Übersetzung „Bring mir bloß keinen Deutschen nach Hause!“ 2024 im Springer Verlag.
Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Volkshochschule Ludwigsburg im Rahmen der Ludwigsburger Wochen gegen Rassismus der Initiative Ludwigsburg gegen Rassismus




