Am 26. Januar 2018 fand in den Räumlichkeiten des Institut Français Stuttgart der deutsch-französische Tag für Französischlehrer statt. Über 120 Pädagogen hörten dabei Vorträge über inhaltliche und stilistische Neuerungen unter der Präsidentschaft Emmanuel Macrons, die Notwendigkeit eines Mai 68 für den Französischunterricht, die französische Besiedlung Algeriens in historischer Perspektive und Erziehung und Autorität 50 Jahre nach dem Mai 1968.
Nicolas Eybalin, Generalkonsul Frankreichs in Baden-Württemberg und Leiter des Institut Francais in Stuttgart, drückte in seinem Grußwort die Freude darüber aus, dass er, anders als in den Vorjahren, zu Beginn dieses Jahres die Zukunft seines Landes sehr optimistisch sehe. Noch im Frühjahr hätten viele Menschen wegen des ungewissen Ausgangs der Präsidentschaftswahlen sorgenvoll dorthin geblickt, doch seit dem Amtsantritt Emmanuel Macrons habe sich das Land noch positiver entwickelt, als viele zu hoffen gewagt hätten, so der Konsul. Rüdiger Hocke, Vertreter des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg berichtete über das Sprachdiplom DELF (Diplôme d’études en langue française), das baden-württembergische Gymnasiasten der 10. Klasse ab diesem Schuljahr auf der Grundlage einer landesweiten Klassenarbeit erwerben können. Das lebenslang gültige, international anerkannte DELF-Zertifikat solle die Motivation der Schülerinnen und Schüler zum Erlernen der Fremdsprache fördern. Denn die damit verbundene Bestätigung, in Französisch das B1-Niveau erreicht zu haben, diene ihnen als Nachweis, dass sie im Verlauf der Jahre, in denen sie Französisch gelernt haben, trotz möglicherweise gleichbleibender Noten große Fortschritte gemacht hätten. Einen Dank für ihre Treue sprach Martin Villinger vom dfi den Lehrerinnen und Lehrern aus, die auch in diesem Jahr aus allen Teilen Baden-Württembergs nach Stuttgart gekommen waren. Denn gut 80% von ihnen nahmen mindestens zum zweiten Mal an der Veranstaltung teil, die das dfi und das Institut Français Stuttgart seit 2009 alljährlich gemeinsam organisieren.
Im Anschluss an die Grußworte konnten die Teilnehmer zwei der vier Vortragsangebote besuchen:
Martin Villinger, dfi, zeigte anhand von Zitaten, Karikaturen und Ausschnitten aus Reden von und Interviews mit dem neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron, wie er sich in der Art, sein Amt auszuüben, von seinen Vorgängern unterscheidet. Parallel dazu erläuterte er die wichtigsten Reformvorhaben, die Macron in seiner erst siebenmonatigen Amtszeit auf den Weg gebracht hat und welche für das kommende Jahr zu erwarten sind.
Dass Bildung ein Markt ist, auf dem verschiedene Fächer und Angebote miteinander konkurrieren erklärte Professor Mertens von der PH-Ludwigsburg seinen Zuhörern zu Beginn seines Vortrags. Der französischen Sprache falle es hier immer schwerer, sich neben anderen modernen Fremdsprachen zu behaupten. Um ihre Attraktivität zu erhöhen, sollten die Schüler sie im Unterricht als ein Kommunikationsmittel erleben, das ihnen ermöglicht, sich einem fremdsprachigen Gegenüber mitzuteilen und sich mit ihm auszutauschen. Sich verständlich machen zu können müsse das wichtigste Ziel des Französischunterrichts sein, deshalb solle auch hier der Inhalt im Vordergrund stehen und nicht die Form.
Ausgehend von der Aussage Emmanuel Macrons, die Kolonisation Algeriens sei ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ gewesen, zeichnete Jun.-Prof. Dr. Manuel Borutta von der Ruhr-Universität Bochum deren Geschichte von den Anfängen in den 1830er-Jahren bis zu ihren Spätfolgen für das heutige Frankreich nach. Dabei ging er auch auf das Phänomen der "Nostalgérie" ein und erklärte, wie sich die Pieds Noirs, ähnlich den Heimatvertriebenen aus den ehemals deutschen Ostgebieten in der Bundesrepublik Deutschland, in Frankreich darum bemüht hätten, ihre Kultur und ihre Erinnerungen, z.B. durch die Gründung von eigenen Verbänden, zu bewahren.
Über die Veränderungen im Bereich der schulischen und häuslichen Erziehung, die der Mai 68 mit eingeleitet habe, sprach Georges Leyenberger, stellvertretender Direktor des Institut Français Stuttgart. Der radikale Bruch mit dem Althergebrachten, den die 68er gefordert hätten, habe sich zwar als nicht alltagstauglich erwiesen, dennoch sei es ihnen gelungen, den Schüler in den Vordergrund der pädagogischen Diskussion zu stellen. Wie man seine Kreativität wecken und ihm die Lust am Lernen vermitteln könne, seien Fragen, die man sich bis dahin kaum gestellt habe.
In den Pausen konnten sich die Lehrer an den Ständen des dfi, des Institut Français und der Verlage Klett, Cornelsen und Reclam über deren Angebote informieren. Die drei Verlage fördern diesen deutsch-französischen Tag seit vielen Jahren und haben so dankenswerterweise dazu beigetragen, dass er zu einem festen Termin im Schuljahr vieler Französischlehrer geworden ist.
Dank gilt an dieser Stelle auch dem Internationale Zentrum für Kultur- und Technikforschung (IZKT) der Universität Stuttgart, dessen finanzielle Unterstützung den Vortrag von Manuel Borutta möglich gemacht hat.
Der nächste deutsch-französische Tag für Französischlehrer wird voraussichtlich am 1. Februar 2019 in Stuttgart stattfinden.


