Am 29. Januar 2016 haben das dfi und das Institut Français Stuttgart zum siebten Mal gemeinsam einen deutsch-französischen Tag organisiert. Auch in diesem Jahr fand die Veranstaltung in den neuen Räumlichkeiten des Institut Français am Berliner Platz in Stuttgart statt.
Rund 100 Französischlehrer hörten dabei die Vorträge von Michel Boiron zu den Themen „L’interculturel en classe au quotidien“ und „La bande dessinée contemporaine, oeuvre artistique et support pédagogique“ und nahmen an einem der drei Ateliers teil.
Georges Leyenberger, Sprachreferent für Baden-Württemberg und das Saarland und zugleich stellvertretender Direktor des Institut Français Stuttgart, dankte in seiner Begrüßung den Lehrenden für ihr Engagement für die französische Sprache, die Voraussetzung für den Dialog zwischen Kulturen und Gesellschaften sei. Annette Laur als Vertreterin des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg berichtete darüber, dass der Schüleraustausch durch die Terrorakte in Frankreich zeitweise unterbrochen worden sei und drückte die Hoffnung aus, dass sich die Beteiligten nicht vom Terrorismus unterkriegen lassen würden. Denn das Sprachenlernen diene dazu, gegenseitiges Verständnis aufzubauen und so Fremdenfeindlichkeit, Angst und Haß entgegenzuwirken. Dr. Stefan Seidendorf, stellvertretender Direktor des dfi, erinnerte in seinem Grußwort daran, dass er seinerzeit im Französisch-Unterricht gelernt habe, Differenz auszuhalten und sogar als Bereicherung zu erfahren. Auch wenn er dafür einige Jahre gebraucht habe, sei er heute dafür dankbar.
Michel Boiron vermittelte seine Themen in gewohnt lebhafter und humorvoller Weise. Als Beispielübung bat er alle Zuhörer seines Vortrages zur Interkulturalität ihr Lieblingswort in der französischen Sprache zu finden und fragte dies nach einer kurzen Denkpause bei allen ab. Auf diese Weise könne man zurückhaltenden Schülern die Gelegenheit geben, länger nachzudenken und ihre Ideen einzubringen. Boiron vertrat die Ansicht, dass man sich im Französischunterricht nicht auf Frankreich als geographischen Bezugspunkt beschränken, sondern weitere Räume der Frankophonie, die sich von Frankreich kulturell unterschieden, einbeziehen solle, z.B. Québec, Algerien oder Vietnam. In seinem Vortrag zum Einsatz von Comics im Unterricht, zeigte er anhand von Bildfolgen aus le Chat und Titeuf wie Schüler von Bildern aus lernen könnten, sich in der französischen Sprache auszudrücken. Dies könne über das Beschreiben von Bildern oder das Neubefüllen von „geleerten“ Sprechblasen geschehen. Für den Erfolg des Sprachunterrichts sei es essentiell, dass die Schüler so viel wie möglich sprächen und auch selbst Fragen formulierten. Hierzu sei die Gruppen- oder Tandemarbeit ein gutes Mittel.
Parallel zu den Vorträgen Boirons wurden zweimal nacheinander drei Workshops angeboten, in denen die Teilnehmer Gelegenheit hatten, in meist kleinen Gruppen zusammen zu arbeiten und zu diskutieren.
Texte, die leben und deren Lektüre Freude macht, will das Pilotprojekt „Erzählendes Vorlesen - Hörendes Lesen“ den Klassen 7 bis 11 nahebringen. 25 Schulklassen im Einzugsbereich des Regierungspräsiums Tübingen haben das Vorhaben in diesem Schuljahr gestartet. Wie das in der Praxis aussieht, wurde von Prof. Dr. Jürgen Mertens im Atelier „Théâtraliser le texte littéraire“ erläutert und mit Hilfe ausgewählter literarischer Beispiele eingeübt. Sein Ziel sei es, so Mertens, alles zu tun, dass die Schüler schwierige Texte besser verstehen können. Die Praxis gibt ihm recht: Die Schülerinnen und Schüler mögen das Vorlesen und die Rollen, die der Vorlesende dabei spielt. Sie sind aufmerksamer, weil die Texte strukturiert, mit Pausen und unterschiedlichen Stimmen vorgetragen werden.
Dr. Stefan Seidendorf vom dfi vermittelte in seinem Vortrag über „Integration und Immigration in Frankreich“ ein differenziertes Bild des komplexen Themas. Nach einer Präsentation der ideengeschichtlichen Grundlagen des republikanischen Denkens über Nation und Immigration kontrastierte er diese Elemente mit der empirischen Realität. Da Frankreich schon seit dem 19. Jahrhundert ein Einwanderungsland sei und sich als solches verstehe, habe die Republik schon früh ein Immigrationsmodell entwickelt und ein Einwanderungsgesetz formuliert.
Unter Rückgriff auf neueste Zahlen, die erstmals Rückschlüsse auf die Integration von Einwanderern aus der ersten und zweiten Generation in Frankreich zulassen, konnte Dr. Seidendorf zeigen, dass einerseits die Einwanderung nach Frankreich als Erfolgsmodell gesehen werden muss. Vor allem die Leistung und die Rolle der Schule stechen auch im europäischen Vergleich heraus. Andererseits zeige die präsentierte Untersuchung jedoch auch, dass es Probleme mit einem relativ kleinen, jetzt präzise beschreibbaren Personenkreis gebe. Hier versage das republikanische Modell. Im Ausblick ging es um mögliche Anpassungen oder Veränderungen des Modells.
Während seines Vortrags griff Stefan Seidendorf immer wieder auf Material, Grafiken und Illustrationen der vom dfi herausgegebenen zweisprachigen CD zum Thema Immigration und Integration zurück. Diese CD kann gegen eine Schutzgebühr beim dfi bestellt werden; eine Neuauflage ist in Planung.
Wie sich die französische Energiepolitik nach dem zweiten Weltkrieg entwickelt hat und welche Rolle erneuerbare Energien in Folge der 2015 von Frankreich beschlossenen transition énergétique künftig für die Energieversorgung des Landes spielen werden, stellte Martin Villinger in seinem Atelier zur nachhaltigen Entwicklung dar. Die dabei vorgestellten Unterrichtsmaterialien und Videoclips zum Thema Energieversorgung und anderen Nachhaltigkeitsthemen (z.B. Stadtentwicklung, Landwirtschaft, Ernährung) stehen alle auf der vom dfi entwickelten Website „Nachhaltige Entwicklung in Deutschland und Frankreich“ (http://www.nachhaltige-entwicklung-bilingual.eu) kostenlos zur Verfügung.
In den Pausen konnten sich die Lehrer an den Ständen des dfi, des Institut Français und der Verlage Klett, Cornelsen und Reclam über deren Angebote informieren. Nur dank der Unterstützung der drei Verlage war es möglich, externe Referenten für die Veranstaltung zu gewinnen.

