Deutsch französisches Institut:
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Ludwigsburg
Vortragsreihe des dfi in Kooperation mit der vhs

Die DDR im Klassenzimmer: Diktaturgedächtnis vs. Alltagsgeschichten

Vortrag von Dr. Marie Müller-Zetzsche über die Vermittlung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) im Schulunterricht

Die DDR ist sowohl Teil der kollektiven Erinnerung der Gesellschaft als auch der individuellen Erinnerung der Menschen, die sie selbst erlebt haben. Ihre Vergangenheit und deren Darstellung ist auch eine Ursache für die sozialen und politischen Unterschiede, die weiterhin zwischen dem ehemaligen West- und Ostdeutschland bestehen.

Zu Beginn ihres Vortrags fasste Marie Müller-Zetzsche die historiographischen Probleme rund um die DDR zusammen, deren Charakter auf unterschiedliche Weise interpretiert wird: Zunächst stand in der Nachwendezeit die Darstellung als totalitärer und repressiver Staat, der von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) kontrolliert wurde, im Vordergrund. Einige Historiker stellten diese Sichtweise von der DDR als reinem „Gefängnisstaat“ allerdings in Frage und entwickelten ihrerseits Konzepte, die die widersprüchlichen Aspekte der damaligen Gesellschaft berücksichtigen: Müller-Zetzsche ging in diesem Zusammenhang u.a. auf diejenigen Sozialwissenschaftler und Historiker ein, die die DDR als „Mitmach-“ bzw. „partizipatorische“ oder auch als „Fürsorgediktatur“ bezeichnen.

Für ihre Forschung hat Marie Müller-Zetzsche die Lehrpläne für Geschichte in Frankreich und vier deutschen Bundesländern, verschiedene Schulbücher sowie historische Ausstellungen, die sich mit der DDR beschäftigen, verglichen. Im Mittelpunkt ihres Vortrags in Ludwigsburg standen drei Unterrichtseinheiten zur DDR im Geschichtsunterricht, die sie in Leipzig, Frankfurt a.M. und Paris beobachten durfte und über die sie anschließend mit den beteiligten Klassen und Lehrkräften diskutiert hat.

Die erste Unterrichtsbeobachtung führte sie über drei Monate hinweg in einer 10. Klasse an einem Gymnasium in Leipzig, also in Ostdeutschland, durch. Die Lehrerin selbst war in der DDR aufgewachsen und bezeichnete diese als ihr Lieblingsthema im Unterricht. Auch die meisten Schülerinnen und Schüler hatten durch ihre Familien eine besondere Verbindung zu diesem Thema, was sich auch in den verschiedenen Alltagsgegenständen aus der damaligen Zeit, die sie zur Einführung von zu Hause mitbringen sollten, zeigte. Wie das Leben und der Alltag in der DDR innerhalb der Familien dargestellt wird, hat, so Müller-Zetzsche, einen großen Einfluss darauf, wie die Schüler die DDR sehen. Dies könne zu Konflikten bei ihrer Interpretation führen, auf der einen Seite stünde dabei meist das Extrem „Staat als Gefängnis“ und auf der anderen „Staat als Gemeinschaft“.

Im Vergleich zu der Klasse in Leipzig hatte die 9. in Frankfurt am Main, die Marie Müller-Zetzsche besuchte, sowie ihr Lehrer ein distanziertes Verhältnis zur DDR, auch weil nur zwei ihrer Schüler einen familiären Bezug zu ihr hatten. Das Resultat von zwei Projekttagen rund um die SED-Diktatur war eine distanziertere, aus dem Blickwinkel der nationalen Geschichte betrachtete, Sicht auf sie als in Leipzig. Dies lag auch daran, dass die Familienerzählungen, die beim Unterrichtsbesuch in Sachsen besonders präsent waren, hier kaum eine Rolle spielten. Bei den Diskussionen der Schülerinnen und Schüler traten kaum Diskrepanzen zu Tage, was die Referentin mit dem mehrdeutigen Zitat „Das war anders als bei uns“ aus der westdeutschen Klasse verdeutlichte.

Ihren dritten Unterrichtsbesuch stattete Marie Müller-Zetzsche einer 12. Klasse des Fachbereichs Wirtschaft und Soziales in Paris ab. Hier wurde die DDR und ihre Geschichte in einer Doppelstunde abgehandelt, da das Thema in den französischen Lehrplänen nur einen bescheidenen Platz einnimmt. Bei den französischen Schülerinnen und Schülern konnte Müller-Zetzsche Interpretationskonflikte zwischen den Ansprüchen einer klassenlosen Gesellschaft und dem Fortbestehen privilegierter Gruppen sowie häufig gezogene Vergleiche mit der nationalsozialistischen Diktatur beobachten.

Marie Müller-Zetzsche schloss ihren Vortrag mit einem Plädoyer für eine andere Vermittlung der DDR im Schulunterricht. Sie solle nicht nur als Diktatur vermittelt werden (ohne jedoch zu leugnen, dass die DDR eine Diktaktur war), da diese Makrosicht den Erinnerungen ihrer ehemaligen Bürgerinnen und Bürger wenig Platz lasse. Insbesondere in Ostdeutschland sei es wichtig, die Erzählungen und Prägungen der Familien besser mit den Elementen des Unterrichts in Einklang zu bringen. Parallel dazu müsse auch die Geschichte der Bundesrepublik an den Schulen stärker in den Fokus rücken, da ihre Geschichte nach Meinung Müller-Zetzsches im Vergleich zu der der DDR zu sehr normalisiert werde.

In Kooperation mit der Volkshochschule Ludwigsburg

Dr. Marie Müller-Zetzsche während Ihres Vortrags
Dr. Marie Müller-Zetzsche während Ihres Vortrags
Dr. Marie Müller-Zetzsche beantwortet eine Frage aus dem Publikum
Dr. Marie Müller-Zetzsche beantwortet eine Frage aus dem Publikum
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