Wie wichtig es ist, dass ein blinder Fleck kein solcher bleibt und welchen Platz die Stadt Sigmaringen mit in der deutsch-französischen Geschichte einnehmen könnte, darüber referierte Clemens Klünemann am 24. September im dfi anlässlich seines neu erschienenen Buchs Sigmaringen. Eine andere deutsch-französische Geschichte und nahm dabei die knapp 90 Zuhörer mit in die Zeit der collaboration.
Auch wenn heute der Mythos der „Erbfeindschaft“ dem der „Erbfreundschaft“ zwischen Deutschland und Frankreich gewichen ist, so scheinen alte Klischees und Ressentiments doch noch nicht vollständig überwunden. Während die einen an Stereotypen festhalten, kämpften und kämpfen die anderen unermüdlich für eine stetige Verbesserung der deutsch-französischen Beziehungen. Mit Bildern von Bundeskanzler Konrad Adenauer und Präsident Charles de Gaulle 1962 sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel und Präsident François Hollande 2012 in Reims, oder Bundeskanzler Helmut Kohl und Präsident François Mitterrand 1984 in Verdun zeigte Klünemann, wie Orte, die geprägt wurden von den Schrecken des 1. Weltkrieges, heute für Versöhnung und Freundschaft stehen können. Wenn die bisher verdrängte Geschichte Sigmaringens aufgearbeitet würde, so Klünemann, könnte auch Sigmaringen zu so einem Lieu de mémoire, einem Erinnerungsort der deutsch-französischen Aussöhnung werden.
Doch was sich hinter den Mauern der Hohenzollernburg in Sigmaringen im Winter 1944/45 abgespielt hat, ist wenig bekannt: Als sich die Situation in Frankreich für das deutsche Militär und das Vichy-Regime zuspitzte, erklärte Hitler die Stadt Sigmaringen zur „provisorischen Hauptstadt des deutschen Frankreichs“ und verlegte im September 1944 deren Regierungssitz dorthin.
Liebe zum autoritären Staat und Hass auf Demokratie und Republik vereinten die Repräsentanten des „deutschen Frankreichs“ bereits in den 1930er-Jahren und schufen den geistigen Nährboden für die Zusammenarbeit zwischen ihnen und den nationalsozialistischen Deutschen. Von Sigmaringen aus regierten die Vertreter des geflohenen État français allerdings nur noch ein „Phantom-Frankreich“. Das Frankreich, das sie beherrscht hatten, existierte nicht mehr, und auf das befreite Frankreich konnten sie keinen Einfluss nehmen. Zwischen den exilierten Franzosen herrschte Zwietracht, und Angst vor dem Kriegsausgang machte sich zunehmend unter ihnen breit.
Als sich im April 1945 die Truppen Charles de Gaulles Sigmaringen näherten, löste sich die Vichy-Regierung auf, die meisten ihrer Mitglieder gerieten in französische Gefangenschaft und wurden zum Tode verurteilt. Nur zwei der bekannten französischen Exilanten überlebten: Philippe Pétain, Staatschef des kollaborierenden État français wurde vor Vollstreckung des Todesurteils wegen seiner Verdienste für Frankreich im 1. Weltkrieg begnadigt und in die Verbannung auf die Île d’Yeu geschickt. Bis zum Amtsantritt Jacques Chiracs 1995 ließen alle amtierenden französischen Präsidenten an seinem Todestag einen Kranz auf seinem Grab niederlegen, was das ambivalente Verhältnis der Franzosen und des französischen Staats zu seiner Persönlichkeit zeigt. Der andere war der Schriftsteller Louis Ferdinand Céline, der wegen seiner antisemitischen Überzeugungen die Nähe zum Vichy-Regime gesucht hatte und in Sigmaringen als Arzt tätig war. Nachdem das Urteil der französischen Justiz 1950 aufgehoben worden war, kehrte Céline 1951 nach Frankreich zurück. 1957 stellte er in seinem Roman „Von einem Schloss zum andern“, das Geschehen in Sigmaringen im Winter 1944/1945 aus seiner Sicht dar. „Ohne Céline hätte die Geschichte Sigmaringens in Frankreich einen noch kleineren Bekanntheitsgrad als sie ohnehin schon hat“, so Klünemann.
Die jahrzehntelange Erinnerungspolitik von Deutschland und Frankreich hat Sigmaringen eingekapselt und so einen blinden Fleck geschaffen, der beseitigt werden müsse. Mit Betonung auf dem Wort „andere“ im Titel des Buches erhebe er keinesfalls den Anspruch, diese Geschichte neu schreiben zu wollen. Vielmehr sei sein Buch als Plädoyer für eine freiere Erzählung des Geschehenen zu verstehen, die verhindern soll, dass das Verdrängte instrumentalisiert wird. Wenn dies gelänge könne Sigmaringen ein Ort der Erinnerung, Versöhnung und Freundschaft werden, schloss Clemens Klünemann seine Ausführungen.
Nach einer angeregten Diskussion mit dem Publikum ließen die zahlreichen Gäste des dfi den Abend mit einem kleinen Imbiss und einem Glas Wein ausklingen.

