Am 9. Januar hat Carina Gabriel-Kinz von der Universität Kassel über die Entwicklungen deutscher und französischer Satire im 19. und 20. Jahrhundert vorgetragen und ist dabei ausführlich auf die Darstellung der zunächst in einer dänischen Zeitschrift veröffentlichten Karikaturen des Propheten Mohamed 2005 in den Zeitschriften Charlie Hebdo und Titanic eingegangen.
Carina Gabriel-Kinz arbeitet seit November 2017 an der Universität Kassel an ihrem Promotionsprojekt „Grenzen der Komik? Satire und gesellschaftlichem Wandel in Deutschland und Frankreich am Beispiel der Zeitschriften Titanic und Charlie Hebdo von 1992 - 2017“. Um herauszufinden, wie die Arbeit der Charlie-Hebdo-Redaktion in diesem Zeitraum von französischen und deutschen Medien kommentiert wurde, hat sie in der Woche vom 7. – 11. Januar in der Frankreich-Bibliothek mehrere Tausend Presseausschnitte gesichtet und dabei von einem Mobilitätsstipendium des dfi profitiert. Das Pressearchiv des dfi zu französischen und deutsch-französischen Themen, das ca. 600.000 Presseartikel umfasst, ist für eine solche zeithistorische Forschung eine einzigartige Quellensammlung, die so nur in Ludwigsburg vorhanden ist. Gabriel-Kinz will mit ihrer Arbeit einen Beitrag zur geschichtswissenschaftlichen Aufarbeitung von Werten und Wertewandel in Deutschland und Frankreich leisten.
Institutionalisierte Satire und ihre bildliche Form, die Karikatur, erlebten einen ersten Boom im 19. Jahrhundert, als es durch Innovationen in der Drucktechnik möglich wurde, in relativ kurzer Zeit eine große Anzahl an Texten zu produzieren und so das Zeitalter der Massenkommunikation begann, erklärte sie zu Beginn ihres Vortrags. Karikaturen wurden fortan eingesetzt zur Darstellung politischer Missstände, zur Kritik an der Kirche, aber auch zur Verstärkung von Vorurteilen gegenüber anderen Nationen oder ethnischen Minderheiten oder, v.a. in Kriegszeiten, zu Propagandazwecken.
Bis zum Ende des II. Weltkriegs wurden Satiriker und Karikaturisten häufig von Zensur und gesellschaftlichen Tabus, deren Bruch juristisch sanktioniert werden konnte, eingeschränkt. In der Nachkriegszeit und während der anschließenden Umbrüche in den 60er Jahren gewannen die Meinungs- und Kunstfreiheit als grundlegende Werte und als in der Verfassung verankertes Recht in westlichen Demokratien immer größere Bedeutung. Manche fürchteten, dass die Demokratisierung der Gesellschaften den Untergang der Satire bedeuten werde, da nun alles gesagt und gezeigt werden dürfe.
Dass ihr dennoch weiterhin auch in Ländern wie Frankreich und Deutschland Grenzen gesetzt sind, zeigte sich z.B. im sogenannten Karikaturenstreit 2006, den Gabriel-Kinz als Fallbeispiel für ihren Vortrag ausgewählt hatte.
Ausgelöst wurde dieser Streit durch zwölf Mohammed-Karikaturen, die im September 2005 zunächst in der dänische Tageszeitung Jyllands-Posten veröffentlicht und anschließend in weiteren europäischen Printmedien abgedruckt wurden. Diese Darstellungen wurden global diskutiert und es kam letztlich zu gewaltsamen Ausschreitungen mit über hundert Todesopfern. Diese Konflikte, so die Referentin, stehen symptomatisch für die neuesten kulturellen Aushandlungsprozesse zwischen Okzident und Orient. Auch Charlie Hebdo und Titanic haben diese Mohammed-Karikaturen publiziert, allerdings in unterschiedlicher Weise: Charlie Hebdo übernahm 2006 alle zwölf in sein Heft, das Anfang Februar erschien, und ergänzte sie um eigens gezeichnete Darstellungen des Propheten.
Die Titanic hingegen machte sich in ihrer Ausgabe, die Ende Februar 2006 erschien, über den Karikaturenstreit insgesamt lustig, verzichtete auf eigene satirische Zeichnungen Mohammeds und karikierte im gleichen Heft auch die Religionen Buddhismus, Christentum und Judentum. Von den dänischen Karikaturen druckte sie nur zwei in der Rubrik „Humorkitik“ ab und kommentierte sie eher kritisch.
Dieser zurückhaltende Beitrag zum Karikaturenstreit in der deutschen Zeitschrift führte vermutlich dazu, dass es hierzulande um die Titanic-Ausgabe weitgehend ruhig blieb. Charlie Hebdo hingegen, das sich auf die in westlichen Gesellschaften allgemein gültigen Meinungsfreiheit und auch auf die französische Laizität berief, wurde für den Druck der dänischen und eigenen Mohammed-Karikaturen vom Union des Organisations Islamiques de France und der Mosquée de Paris angeklagt, am Ende des Prozesses aber freigesprochen.
Irritiert zeigten sich einige Zuhörer davon, dass Carina Gabriel-Kinz die umstrittenen dänischen und französischen Karikaturen nicht zeigte. Dies begründete sie damit, dass diese immer noch sehr umstritten seien und die Provokation, als die diese Karikaturen gedacht waren, nicht Thema ihres Vortrags sein sollten, sondern die Auseinandersetzungen, die sie ausgelöst haben.