„Besatzungskinder“, die zwischen 1941 und 1949 aus Verbindungen von deutschen oder französischen Frauen mit Besatzungssoldaten oder Kriegsgefangenen aus dem jeweils anderen Land hervorgegangen sind, wurden in beiden Ländern besonders in der unmittelbaren Nachkriegszeit stigmatisiert. Sie wurden in Deutschland z.B. als „Negerbrut“ oder „Russenkinder“ bezeichnet, in Frankreich als „Enfants des boches“. Dies, und dass die allermeisten von ihnen ohne Vater aufwuchsen, beeinflusste ihre Entwicklung negativ. Die traumatischen Erfahrungen, die sie in ihrer Kindheit gemacht haben, verfolgten viele von ihnen ihr ganzes Leben lang und übertrugen sich auch auf ihre eigenen Kinder.
Ihr Schicksal wurde von der Geschichtswissenschaft beiderseits des Rheins jahrzehntelang ignoriert. Als Frankreich 1944 von den deutschen Besatzern befreit wurde, wurden ca. 20.000 Frauen, die Liebesbeziehungen mit deutschen Besatzern eingegangen waren, kahlgeschoren und der „horizontalen Kollaboration“ beschuldigt. Auch in Deutschland wurden Verbindungen mit „Vertretern des Feindes“ gesellschaftlich verurteilt, Marina Ortrud Hertrampf bezeichnete diese Ächtung als einen Widerspruch zwischen dem eigentlich völlig privaten Ausleben der eigenen Sexualität durch Frauen und einer pervertierten Verteidigung der nationalen Identität. Aufgrund dieser Zurückweisung war die Herkunft der Väter, die viele Besatzungskinder selbst nie kennenlernen konnten, in den allermeisten Familien ein Tabuthema, das nicht erwähnt werden sollte. Auch unter dieser familiären Leerstelle haben viele Besatzungskinder zeitlebens gelitten.
Als besondere Absurdität der Nachkriegsgeschichte bezeichnete die Referentin die Tatsache, dass deutsche Frauen in der französischen Besatzungszone, die Kinder von Franzosen bekamen, dazu gezwungen wurden, diese zur Adoption in Frankreich abzugeben. Die französische Regierung wollte auf diese Weise die demographische Situation im eigenen Land verbessern. Denjenigen, die auf diesem Weg nach Frankreich kamen und Franzosen wurden, haben häufig spät oder auch nie erfahren, dass sie deutsche Mütter hatten. Die Journalistin Anja Unger ist ihrem Schicksal in der SWR-Dokumentation „Frankreichs deutsche Kinder“, aus der Marina Ortrud Hertrampf einen kurzen Ausschnitt zeigte, nachgegangen. Darin berichten Betroffene, wie ihre Herkunft ihre Entwicklung beeinflusst hat und wie sie mehr oder minder erfolgreich versucht haben, sie zu erforschen.
„Als Feinde geboren wurden“
Die Besatzungskinder, die „als Feinde geboren wurden“ (enfants nés ennemis) bezeichnete Marina Ortrud Hertrampf als „Figuren des Dazwischen“, die auf die Ambivalenz von Feindbildern verweisen, etablierte Narrative in Frage stellen und auch als Mittler zwischen verschiedenen Kulturen fungieren können.
Der Umgang mit diesen Besatzungskindern in der „nationalen Erzählung“ in Frankreich und Deutschland war sehr unterschiedlich: In Frankreich wurde, auch auf Betreiben von Charles de Gaulle, nach 1944 viele Jahre lang der Mythos eines „Résitancialisme“ gepflegt, der besagt, dass eigentlich alle Franzosen in irgendeiner Form am Widerstand gegen die deutschen Besatzer beteiligt waren. Schicksale wie die der „geschorenen Frauen“ wurde dabei ausgeklammert.
In Deutschland, wo viele Väter im Krieg gefallen oder aufgrund von Kriegsgefangenschaft jahrelang abwesend waren, wurden die Erfahrungen der Besatzungskinder als Teil der allgemeinen Nachkriegserfahrungen in erster Linie im familiären Kontext gesehen.
Wissenschaftliche und fiktionale Beschäftigung mit den Besatzungskindern
Eine der ersten individuellen Auseinandersetzungen mit dem selbst erlebten Schicksal war z.B. das Buch „Je suis né à vingt ans“ des französischen Chansoniers Gérard Lenorman, der erst mit 20 erfuhr, dass sein Vater ein deutscher Besatzungssoldat war. In den 2010er Jahren begann man, sich in Deutschland und Frankreich auch wissenschaftlich mit diesem Thema auseinander zu setzen. Als Beispiele dafür nannte die Referentin u.a. die französische Veröffentlichung „Naître ennemi“ von Fabrice Virgili und die deutschsprachige Publikation „Besatzungskinder“, hrsg. von Barbara Stelzl-Marx und Silke Satjukowin, der die Autoren die Zahl der Besatzungskinder mit ca. 450.000 angeben, wobei die tatsächliche Zahl vermutlich deutlich höher sein dürfte.
Auch Romanautorinnen und -autoren haben die tragischen Schicksale der Besatzungskinder in den vergangenen Jahren als Stoff entdeckt und in halb- oder gänzlich fiktionale belletristische Formen übertragen. In Frankreich z.B. die Autorin Nadia Salmi in ihrem Buch „Des étoiles sombres dans le ciel“, in Deutschland der Autor Heinrich Thies, der in seinem Roman „Alma und der Gesang der Wolken“ die Geschichte einer Bauersfrau in Schleswig-Holstein erzählt, die von einem französischen Gefangenen ein Kind bekommen hat und dafür von der Dorfbevölkerung geächtet wird.
Besatzungskinder können als Figuren einer europäischen Erinnerungskultur betrachtet werden, erklärte Marina Ortrud Hertrampf zum Abschluss ihres Vortrags. Die wissenschaftliche und fiktionale Beschreibung ihrer Lebensläufe sollte als Beitrag zur deutsch-französischen Erinnerungskultur gesehen werden. Dass sie geboren wurden, zeige, dass die Kriegsgesellschaften komplexer waren als man glaubt und kriegerische Konflikte nicht mit einem Waffenstillstand abgeschlossen sind.
Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Volkshochschule Ludwigsburg




