Deutsch französisches Institut:
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Ludwigsburg
Vortrag im dfi

« Vive l’Alsace et la Lorraine redevenues françaises !»

In seiner Erklärung zum Waffenstillstand am 11. November 1918 hieß der damalige französische Ministerpräsident Georges Clemenceau ausdrücklich Elsass und Lothringen willkommen, die in das einige und unteilbare Frankreich zurückgefunden hätten; als seine Truppen eine Woche später dort einzogen, wurden sie von der Bevölkerung mit Jubel begrüßt. Doch bald wich die anfängliche Euphorie wechselseitiger Enttäuschung. Warum den großen Erwartungen aneinander Ernüchterung folgen musste, erklärte der Historiker Sebastian Petznick in einem detailreichen Vortrag über die schwierige Reintegration der „verlorenen Provinzen“ in die Republik Frankreich nach dem 1. Weltkrieg.

Dafür nannte er drei Ursachen: 
    1. Die schlecht organisierte Militärverwaltung, die für den französischen Staat ab Ende November 1918 die Kontrolle über das ehemalige Reichsland übernahm. Die Regierung der III. Republik hatte die Wiedereingliederung beider Regionen schlecht vorbereitet, auch weil sich noch im Juni 1918 in Frankreich niemand hatte vorstellen können, dass der Krieg fünf Monate später siegreich beendet werden könne.
    2. Die unzureichende Versorgung der Bevölkerung, die gehofft hatte, dass sich ihre Lage nach langen entbehrungsreichen Jahren Dank des Friedens und der Franzosen schnell verbessern würde. 
    3. Die falschen Erwartungen, die beide Seiten aneinander hatten: Elsässer und Lothringer hatten geglaubt, dass mit dem Ende des Krieges und dem Abzug der während des Krieges immer mehr als Besatzer empfundenen

Deutschen alle Repressionen aufhören würden und die Zugehörigkeit zu Frankreich ihnen verloren gegangene Freiheiten im Alltag wiederbringen würde. Zugleich fürchteten sie aber auch den Verlust von Autonomierechten, die sie vor dem Krieg im deutschen Kaiserreich errungen hatten. Die Franzosen ihrerseits waren davon ausgegangen, dass ihre neuen Mitbürger im Herzen immer ihre Landsleute geblieben seien, die ihr von den Franzosen als deutsch empfundenes Brauchtum und die deutsche Sprache nur zu gerne aufgeben würden. Dass sie daran festhalten wollten, wurde ihnen als illoyales Verhalten ausgelegt.

„Weil die Bevölkerung französisch sei, hatte man angenommen, es würde keine Probleme geben – im Umkehrschluss glaubte man nun, da es Probleme gab, könnten sie keine Franzosen sein.“ Diese Sichtweise hatte, so Petznick, ihre Ursache in einem sehr einseitigen Elsass-Bild, das die französische Propaganda während des Krieges gezeichnet hatte. Der französischen Regierung war es wichtig, Elsass und Lothringen schnellstmöglich zu „französisieren“. Die Rückgewinnung der 1870 verlorenen Gebiete war der einzige sichtbare Erfolg, den der lange verlustreiche Krieg gebracht hatte und musste als Legitimation für die großen Opfer der eigenen Bevölkerung dienen.

Als Mittel zur Umsetzung der „francisation“ bediente sich die französische Verwaltung in erster Linie des Bildungswesens und hier besonders der Sprachvermittlung. Denn „Das Denken und die Sprache sind untrennbar miteinander verbunden […]. Die ersten Kenntnisse, die ein Kind erwirbt, prägen das gesamte weitere Lernen. Wenn diese auf Deutsch vermittelt werden, schädigt man seine Zukunft und verurteilt das Denken des Kindes unter Umständen dazu, sich den Formen der deutschen Sprache und des deutschen Denkens gemäß zu entwickeln.“, so der französische Chef der Elsässer Bildungsverwaltung Sebastien Charléty.

Bereits Ende November 1918 wurde angeordnet, dass in 11 von 30 Wochenstunden Französisch unterrichtet und die Hälfte des übrigen Unterrichts in französischer Sprache gehalten werden sollte. Vielerorts konnte dies aber nicht umgesetzt werden, da keine Lehrer mit ausreichenden Sprachkenntnissen verfügbar waren und so noch weit in das Jahr 1919 hinein auf Deutsch unterrichtet wurde. Trotz dieses Mangels an Lehrkräften lehnten die französischen Behörden aber Bewerbungen von Schweizern oder Belgiern ab. Denn auch die Vermittlung einer „korrekten“ patriotischen Gesinnung war, wie auch das im Titel genannte Zitat aus einem Französischlehrbuch zeigt, ein wichtiges Unterrichtsziel und dazu schienen den Behörden nur geborene Franzosen in der Lage zu sein.

In den Nachkriegsjahren ab 1919 zeigte sich die Regionalverwaltung in Strasbourg, besonders unter dem Kommissar Alexandre Millerand, gegenüber der Bevölkerung Elsass-Lothringens kompromissbereiter, da man zu der Überzeugung gelangt war, eine Reintegration nicht gegen ihren Widerstand durchsetzen zu können. In Paris hingegen stand man regionalen Sonderregelungen, wie sie z.B. im Umgang mit den Kirchen erlaubt wurden, sehr kritisch gegenüber und wollte auch im Hinblick auf andere Regionen föderalistische Tendenzen unbedingt verhindern. Deshalb wurden die Kompetenzen der Regionalverwaltungen der neuen Regionen schrittweise nach Paris zurückverlagert, bis diese 1925 ganz aufgelöst wurden.

Zum Abschluss seines Vortrags betonte Sebastian Petznick, dass es „der Erste Weltkrieg war, der die französische Reintegrationspolitik in Elsass-Lothringen prägte“. Die in der Kriegszeit entwickelten radikalisierten Konzepte und Praktiken beeinflussten das Denken und Handeln aller Akteure der Nachkriegszeit und verhinderten oft einen reflektierten Umgang mit unerwarteten Differenzen.

 

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