Deutsch französisches Institut:
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„In der Krise liegt eine Chance“

Deutsch-französische Perspektiven am Jahresende

Die renommierten Journalistinnen Michaela Wiegel und Cécile Boutelet haben am 8. Dezember 2025 mit Stefan Seidendorf in der Musikhalle am Ludwigsburger Bahnhof über die aktuellen Krisen in und zwischen Deutschland und Frankreich, bestehende Kooperationen und deren Chancen diskutiert. Am Ende bestand Einigkeit darüber, dass die widrigen Umstände der Gegenwart viele Potentiale bieten, wenn man bereit sei, europäisch zu denken und die Kraft aufzubringen, die Zukunft gemeinsam besser zu gestalten.

Zu Beginn der Veranstaltung begrüßte Matthias Knecht, Oberbürgermeister der Stadt Ludwigsburg und Vizepräsident des dfi, auch im Namen der an diesem Abend leider verhinderten dfi-Präsidentin Sylvie Goulard, das Publikum. Knecht führte als Beispiel für langfristige und gute deutsch-französische Beziehungen auf der zivilgesellschaftlichen Ebene die Städtepartnerschaft von Ludwigsburg und Montbéliard an, die in diesem Jahr ihr 75jähriges Bestehen feiern konnte und auch in diesem Alter noch aktiv, lebhaft und fruchtbar sei. Zugleich rief er dazu auf, die deutsch-französische Freundschaft generationenübergreifend, von der Schule bis ins hohe Alter, zu leben.

Stefan Seidendorf erklärte in seiner Einführung in die Diskussion, dass die zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörer an diesem Abend ein Indiz dafür seien, dass die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich für viele weiterhin ein wichtiges Thema sind. Sein Ziel für den Abend sei es, gemeinsam mit seinen Diskussionspartnerinnen die aktuellen politischen Krisen in Deutschland und Frankreich einzuordnen,den aktuellen Beziehungsstatuts zu diskutieren, und schließlich die Frage zu beantworten, ob wir damit gemeinsam gerüstet für die Zukunft sind.

Stefan Seidendorf
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Stefan Seidendorf

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„Das System der V. Republik hat sich überholt“

Im Proseminar habe er gelernt, führte Stefan Seidendorf in den ersten Themenblock ein, dass die Staatsform der V. Republik die stabilste überhaupt sei. Nun müsse man erleben, dass sich in Frankreich drei politische Blöcke – die Linke, das Zentrum und die Rechte – gegenseitig blockieren und die Regierung des Landes nur eingeschränkt handlungsfähig ist. Daraus ergebe sich die Frage, ob das politische System des Landes noch zukunftsfähig sei.

Michaela Wiegel, seit 1998 politische Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) für Frankreich in Paris, verneinte dies mit den Worten „das System der V. Republik hat sich überholt“ und begründete dies damit, dass es derzeit von den Links- und Rechtspopulisten gleichermaßen ausgehebelt werde, und gleichzeitig viele Vertreter der gemäßigten Rechten immer deutlicher erkennen ließen, dass sie ihre Parteien für Kooperationen mit den Rechtspopulisten öffnen wollten, was vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen sei.

Cécile Boutelet, seit 2006 Wirtschaftskorrespondentin für die Tageszeitung Le Monde in Berlin, wies darauf hin, dass man sich wegen dieser Entwicklungen in der deutschen Politik zunehmend frage, ob es mit der Perspektive einer rechtspopulistischen Regierung in Frankreich ab 2027 überhaupt sinnvoll sei, langfristige Projekte mit dem westlichen Nachbarland anzustoßen. Der Rassemblement National habe z.B. mehrfach angekündigt, dass er im Falle einer Machtübernahme alle gemeinsamen Rüstungsprojekte mit Deutschland beenden wolle. Aus diesem Grund, ergänzte Michaela Wiegel, müssten bestehende Kooperationen „wasserdicht“ gemacht werden, um auch unter widrigen Umständen fortbestehen zu können. Strukturen wie das 1963 gegründete Deutsch-Französische Jugendwerk könnten z.B. nicht von heute auf Morgen abgewickelt werden, es sei aber dringend geboten, sich auf eine Partnerschaft mit geänderten Vorzeichen vorzubereiten.

„Es gibt viele erfolgreiche Kooperationen zwischen deutschen und französischen Unternehmen“

Friedrich Merz sei es seit seinem Amtsantritt immer wieder gelungen, mit starken Gesten und Ankündigungen, „fast schon im Stil von de Gaulle“, eine dynamische Stimmung in der öffentlichen Wahrnehmung Frankreichs und bei seinen französischen Ansprechpartnern zu schaffen, erklärte Cécile Boutelet im Hinblick auf die Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen seit dem Amtsantritt des neuen Bundeskanzlers. In Frankreich habe man einerseits die Erwartung an Deutschland, in Europa eine Führungsrolle zu übernehmen, andererseits aber fürchte man, dass Deutschland alleine vorangehe, so Boutelet weiter. Sowohl Präsident Macron als auch Bundeskanzler Merz sei aber bewusst, dass man einander brauche, um in Europa erfolgreiche Initiativen anzustoßen.

Als aktuell schwierigstes Kooperationsvorhaben sahen alle drei Diskussionspartner die 2017 angestoßene gemeinsame Entwicklung eines Future Combat Air System (FCAS) an, das in Zukunft in beiden Ländern die derzeit im Einsatz befindlichen Kampfflugzeuge ersetzen soll. Michaela Wiegel meinte, dass es ein „Riesenjammer“ sei, wenn dieses ehrgeizige Projekt scheitern und man in Deutschland ein weiteres Mal F-35-Jets aus den USA bestellen würde. Für Deutschland sei es schwierig anzuerkennen, dass in Frankreich mehr Know-How in diesem Bereich vorhanden sei und man deshalb in die zweite Reihe zurücktreten müsse, was die Kooperation gefährde.

Cécile Boutelet vertrat die Meinung, dass die Zeit für „Airbus-Projekte“ vorbei sei und dass das FCAS immer schon v.a. durch politischen Willen vorangetrieben worden sei. Die beteiligten Industrieunternehmen würden die Entwicklung zunehmend demotiviert betreiben, und wären die Beteiligten Start-Up-Unternehmen, hätten sie diese schon längst abgebrochen, vermutete die Monde-Journalistin. Abseits dieses Großprojektes gäbe es aber viele erfolgreiche und ausbaufähige Kooperationen zwischen deutschen und französischen Unternehmen, auch im Rüstungsbereich, die nicht im Fokus der Öffentlichkeit stünden, so Boutelet.

„Sind wir gerüstet?“

Die wichtigste Erkenntnis des Jahres ist für Cécile Boutelet, dass „wir im gleichen Boot sitzen“. Beiderseits des Rheins habe es etwas gedauert, bis sich diese Sichtweise durchgesetzt habe, nun aber könne sie die Basis für ein ausgeweitetes gemeinsames Handeln sein, das in Zeiten, in denen Europa zwischen einem bellizistischen Russland, einem protektionistischen Amerika und einem wirtschaftlich immer mächtigeren China stehe, dringend geboten sei. Als positives Zeichen führte sie dafür u.a. an, dass Friedrich Merz für eine europäische Souveränität eintrete und von immer mehr Akteuren erkannt würde, dass in der Krise die Chance und die Notwendigkeit bestehe, gemeinsam zu entwickeln und zu handeln.

Michaela Wiegel zeigte sich ihrerseits positiv überrascht davon, dass der von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius angekündigte Ausbau der Bundeswehr zur „größten konventionellen Armee Europas“ in Frankreich kaum Debatten ausgelöst habe, sondern als selbstverständlich wahrgenommen und sogar begrüßt worden sei.

„Der deutsch-französische Nukleus ist eine Zukunftschance für Europa“ sagte die FAZ-Journalistin und schloss die Diskussion mit einem neuerlichen Appel zur Zusammenarbeit, „denn wir haben in unserer Verschiedenartigkeit das Potential, Dinge gemeinsam zu gestalten.“

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