Anlässlich seiner Mitgliederversammlung organisierte das dfi eine öffentliche Diskussionsveranstaltung am 15. Dezember um 19 Uhr in das Forum am Schlosspark in Ludwigsburg. Dieses Podiumsdiskussion war die letzte größere dfi-Veranstaltung mit dem langjährigen Direktor Frank Baasner.
Dabei diskutierten
- Sylvie Goulard, Präsidentin des dfi
- Christophe Braouet, Bankdirektor a.D., Helaba, Frankfurt a.M.; Präsident der Deutsch-Französischen Gesellschaft Frankfurt a.M.
- Ann-Kathrin Stracke, freie Journalistin
- Dr. Andre Baumann, Staatssekretär im Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg
über die Herausforderungen, denen sich Deutschland, Frankreich und Europa heute stellen und in der näheren Zukunft stellen werden müssen.
Moderiert wurde die Diskussion von Prof. Dr. Frank Baasner, dem Direktor des dfi; das Schlusswort der Veranstaltung sprach in gewohnt lebhafter Weise Dr. Matthias Knecht, Oberbürgermeister von Ludwigsburg.
Eindrücke von der Podiumsdiskussion
Die Podiumsdiskussion
Einigkeit bestand bei allen Diskutanten darüber, dass die Europäische Union gemeinsam mit den Regierungen und Bürger ihrer Mitgliedsländer Mut zu weitreichenden Lösungen haben muss, um in einer sich rasant verändernden Weltordnung bestehen zu können. Im Hinblick auf die Europawahl am 9. Juni gilt es zu verhindern, dass nationalistische Parteien zur zweitstärksten Kraft im EU-Parlament werden.
Unterschiede bestanden in der Wahrnehmung der aktuellen Situation und den daraus abzuleitenden Handlungsempfehlungen. Während Andre Baumann die Meinung vertrat, dass „die alte Tante Europa“ im Großen und Ganzen gute Arbeit leistet und dies nur besser kommunizieren müsse, sah Christophe Braouet ein Problem darin, dass die Errungenschaften der EU als zu selbstverständlich wahrgenommen und deshalb nicht mehr verteidigt werden. Ann-Kathrin Stracke beklagte die vielerorts zu beobachtende eurozentristische Perspektive der Menschen, die verhindere, dass wahrgenommen wird, was anderswo in der Welt passiert.
Sylvie Goulard forderte eine Debatte darüber, die EU in eine politische und militärische Macht umzuwandeln, und stellte, um die Dringlichkeit der Situation zu veranschaulichen, mehrere provokante Fragen in den Raum:
- Sind wir in der EU auf die Herausforderungen, die eine immer unsichere Weltlage mit sich bringt, vorbereitet?
- Wo sind die Menschen, die bereit sind, für Europa zu sterben?
- Sind wir bereit 42, 45 oder 48 Stunden zu arbeiten, um Verteidigung zu bezahlen?
Mehr Mut ist
das Gebot der Stunde
Die Antworten darauf können weder der Rat der Europäischen Union noch die EU-Kommission alleine finden. Die Bevölkerung aller EU-Länder müsse daran beteiligt werden und das gemeinsame Handeln mittragen.
Den Austausch bereicherten außerdem Fragen von Schülerinnen und Schülern der Waldschule Degerloch, die z.B. wissen wollten, wie es um die deutsch-französischen Beziehungen steht.
Ihren Zustand bewerteten alle auf dem Podium einhellig als verbesserungswürdig. Sylvie Goulard meinte, dass für das Verhältnis der amtierenden Regierungen beider Länder sehr gut der deutsche Ausdruck des „Aneinander-Vorbeiredens“ passe. Auch früher gab es, z.B. in den Amtszeiten von Helmut Kohl und François Mitterrand, heftigen Streit, aber Kanzler und Präsident hätten auf einer wechselseitigen Abstimmung bestanden. Einander zu kritisieren sei notwendig und legitim, gleichzeitig müsse man aber auch Alternativen aufzeigen und Problemlösungen anbieten, so Goulard weiter. Als Maßnahme zur Vermeidung von Missverständnissen schlug Andre Baumann, einen heißen Draht bzw. ein rotes oder grünes Telefon zwischen Berlin und Paris zur spontanen niederschwelligen Kommunikation vor.
In Bezug auf Möglichkeiten für die Jugend sich einzubringen, verwies Christophe Braouet auf die Städtepartnerschaften und das dfi-Projekt jumelage.eu. Hier würden schon jetzt die Ideen der Jugend zur Verbesserung des zivilgesellschaftlichen Austauschs beitragen. Sylvie Goulard forderte, die Jugend als einen der Trümpfe, die unsere Gesellschaft noch hat, anzusehen und Bedürfnisse, Wünsche und Vorschläge der Jugendlichen aller europäischen Länder künftig stärker zu berücksichtigen.
Am Schluss der Debatte stand die Frage nach der Wiedereinführung eines gesellschaftlichen Pflichtdienstes. Für Andre Baumann muss so ein Pflichtdienst sowohl einen Wehr- oder einen Zivildienst ermöglichen und er müsse europäisch gedacht werden. Als Leistung für die Gesellschaft könne er einen neuen Gemeinschaftssinn fördern. Anders als früher müssten Frauen wie Männer dazu herangezogen werden, ergänzte Sylvie Goulard, gleichzeitig müsse gewährleistet sein, dass sich alle Schichten der Gesellschaft dabei begegnen.
Matthias Knecht ging in seinem Schlusswort noch einen Schritt weiter: Ein neuer Pflichtdienst solle ein europäischer Pflichtdienst sein, jede und jeder müsse diesen grundsätzlich jenseits der Grenze in einem anderen EU-Land leisten.
Zum Abschluss dankte Knecht dfi-Direktor Frank Baasner für sein 22jähriges Engagement für das Deutsch-Französische-Institut, das er am 31. Januar 2024 verlassen wird. Zusammen mit dem OB erhob sich das Publikum zum stehenden Applaus und spendete minutenlang Beifall.
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